Die unglaubliche Geschichte des Olympia-Helden Kevin Young
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren 2025 nachhaltig geprägt. Heute: Eine redselige Leichtathletik-Ikone aus Maur.
Gut 15 meiner inzwischen 20 Jahre im Journalismus habe ich im Sport gearbeitet. Ich durfte mit Athleten sprechen, die Grand-Slam-Turniere gewannen, den Stanley Cup stemmten oder im NBA-Finale aufliefen.
Wie ich heute weiss, ist das ein Privileg sondergleichen. Denn solche Ausnahmeerscheinungen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – haben eines gemeinsam: eine herausragende Persönlichkeit.
Dementsprechend gross war die Vorfreude, die ich im Vorfeld meines Treffens mit Kevin Young verspürte. Der US-Amerikaner, der heute in Maur lebt, hat an den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona über 400 Meter Hürden nicht nur Gold gewonnen.
In jenem Final hat er auch einen Weltrekord aufgestellt, der fast 29 Jahre hielt: Seine Fabelzeit von 46,78 Sekunden zählt zu den grössten Leichtathletik-Leistungen der Geschichte.
Kevin Young hat mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil: An einem kühlen, wolkenverhangenen Herbstmorgen traf ich auf der Sportanlage Looren um 10 Uhr einen offenherzigen Mann an, der schon beim ersten Handschlag Energie versprühte. Der sich spürbar freute, seine Geschichte zu erzählen.
Aus einem Interview für eine Regionalzeitung wurde eine Reise, in der sich der Rahmen schnell einmal auflöste.
Natürlich sprachen wir eingehend über sein Rennen. Aber auch über die Jugend in von Ganggewalt geprägten Stadtvierteln in Los Angeles. Über seinen Umweg zum Spitzensportler. Den Alltag an der Seite von Weltstars wie Carl Lewis oder Mike Powell. Und die Herausforderungen, die das Leben später ausserhalb des Scheinwerferlichts mit sich brachte und ihn nach Maur führten.
Ich erfuhr, wie sich seine Mutter in jungen Jahren Sorgen um ihn machte. Wie er an der Universität von Los Angeles bereits in den 1980er Jahren Hip-Hop-Partys organisierte und während seiner Aktivzeit die grossen Dopingskandale von Ben Johnson & Co. aus der Sicht eines Athleten erlebte. Wie er im Baumarkt arbeitete und Autos quer durch die USA fuhr.
Irgendwann, das Diktiergerät hatte seinen Dienst bereits quittiert, kamen wir auf sportethische Fragen zu sprechen. Und plötzlich debattierten wir über Politik in den USA und Gepflogenheiten in der Schweiz.
«Jetzt haben wir bald vier Stunden miteinander diskutiert», unterbrach ich ihn irgendwann – nur um sogleich die nächste Frage hinterherzuschieben. Er wiederum lachte laut – und erzählte einfach weiter.
Als sich unsere Wege schliesslich trennten, zeigte die Uhr 14.15 an. Da wurde mir klar, dass ich eben mit einer globalen Leichtathletik-Ikone das längste Interview meiner beruflichen Karriere geführt hatte.
Diese einmalige Erfahrung hatte allerdings auch eine Kehrseite. Es kostete mich einiges an Energie und Zeit, all dieses Material auf einen Zeitungsartikel zu reduzieren. Und ich musste zur schmerzhaften Erkenntnis gelangen, dass Herbstwolken keinen Schutz vor Sonnenbrand bieten.