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Regio 144

Die Spezialisten für leichte Notfälle fahren nicht mehr aus

Einen kranken Menschen durch einen Notfallspezialisten zu Hause zu behandeln, statt gleich ein Rettungswagenteam zu schicken: Das war das Ziel eines viel beachteten Pilotversuchs der Regio 144 aus Rüti. Doch nun ziehen die Initianten den Stecker.

Das PFS-Fahrzeug der Regio 144 bleibt bis auf Weiteres in der Garage, da ein Pilotversuch mit einem neuen Notfallversorgungsmodell abgebrochen wurde.

Foto: Regio 144

Die Spezialisten für leichte Notfälle fahren nicht mehr aus

Regio 144

Einen kranken Menschen durch einen Notfallspezialisten zu Hause zu behandeln, statt gleich ein Rettungswagenteam zu schicken: Das war das Ziel eines viel beachteten Pilotversuchs der Regio 144 aus Rüti. Doch nun ziehen die Initianten den Stecker.

Die Idee ist bestechend: Um die vor allem durch viele nicht dringliche Notfälle stark belasteten bis überbelasteten Hausarztpraxen, Notfallstationen in Spitälern und Rettungsdienste für die gravierenderen Notfälle freizuspielen, sollen Patientinnen und Patienten mit leichteren Erkrankungen und Verletzungen wie anhaltendem Durchfall oder Rückenschmerzen die erwähnten Institutionen nicht beanspruchen, sondern möglichst zu Hause behandelt werden.

Ein Job, den in der Schweiz seit etwa zwei Jahren an einigen wenigen Orten Gesundheitsprofis mit der neuen Funktionsbezeichnung Präklinischer Fachspezialist (PFS) übernehmen. Ebenso wie im Ausland, wo ähnliche Modelle schon seit ein paar Jahren erfolgreich laufen, handelt es sich bei den PFS um erfahrene Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter mit einer anforderungsreichen Zusatzausbildung.

Viel zu wenige Einsätze

Im Kanton Zürich gibt es seit dem Sommer 2024 einen viel beachteten Pilotversuch, der zeigen soll, ob das System auch hier funktioniert. Am Anfang waren drei Rettungsdienste am Testlauf beteiligt, seit Längerem sind es aber nur noch zwei, darunter die Regio 144 AG.

311 Einsätze absolvierten die zuletzt sieben ausgebildeten PFS des Unternehmens aus Rüti in den vergangenen fast eineinhalb Jahren. Das Echo der behandelten Patienten, aber auch anderer Player in der Gesundheitsversorgung wie Hausärzte oder der Spitex «war durchs Band sehr gut», sagt Markus Honegger, Geschäftsführer der Regio 144 AG.

Nur: Mit täglich im Durchschnitt lediglich etwa einem halben PFS-Einsatz liess sich das System, bei dem im ungünstigsten Fall ein PFS in seiner Zehn-Stunden-Schicht kein einziges Mal ausrückte, nicht mehr aufrechterhalten. So zog die Regio am 31. Januar dieses Jahrs den Stecker.

Einfaches Problem – komplexe Struktur

Der Grund für den vorzeitigen Abbruch mag für Aussenstehende relativ banal und nach einem durchaus einfach lösbaren Problem tönen – ist es aber nicht, weil er auf den komplexen Strukturen des Schweizer Gesundheitssystems beruht.

Ein PFS-Einsatz kann derzeit nur durch eine Sanitätsnotrufzentrale ausgelöst werden. Und da sich dort, vereinfacht erklärt, eher Menschen melden, die ein Problem haben, das wirklich im Spital behandelt werden muss, hat man von den vielen sehr wohl vorhandenen, PFS-geeigneten Patienten keine Ahnung. Oder wie es Honegger sagt: «Die Notrufnummer 144 ist ein zu kleines Einfallstor für PFS-Patienten.»

Irgendwann liess sich nichts mehr optimieren

Selbstverständlich sei es schon beim Start des für die Schweiz neuen Modells klar gewesen, «dass wir da laufend anpassen und optimieren müssen», sagen die Verantwortlichen des Oberländer Projekts. Und das wurde auch immer wieder getan. Unter anderem mit einer Verfeinerung des Abfrageschemas in der Sanitätsnotrufzentrale, wie die Regio-PFS-Projektleitenden Manuela Kündig und Simon Leiser erklären.

Doch irgendwann liess sich nichts mehr mit kleinen Nachjustierungen verbessern. Nötig gewesen wären grundlegende organisatorische und gesetzliche Änderungen. Doch das dauert im Schweizer Politsystem Jahre. So war der Entscheid zum Abbruch in Rüti unausweichlich.

Der Versuch hat klar gezeigt: Das System PFS funktioniert.

Manuela Kündig

PFS-Projektleiterin Regio 144 AG

Das überraschende Aus des Regio-Versuchs hat laut Honegger extern wie intern grosses Bedauern ausgelöst – intern auch, weil sich zwei Mitarbeitende derzeit noch in der PFS-Ausbildung befinden. Trotz der Frustration sagt der Geschäftsführer des Rettungsdiensts aber auch: «Wir sind froh, dass wir durch das Projekt zu nutzbringenden Erkenntnissen gelangt sind.»

Die allerwichtigste Lehre: «Der Versuch hat klar gezeigt: Das System PFS funktioniert», betont Manuela Kündig. Und funktioniert habe auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit, ohne die es in Zukunft im Gesundheitswesen nicht mehr gehe.

Bestätigt hat sich gemäss Simon Leiser zudem die Hypothese, dass Rettungssanitäter «prädestiniert sind für die Funktion eines Präklinischen Fachspezialisten». Die Sanitäter brächten bereits von ihrer umfassenden Grundausbildung her sehr viel mit und könnten aufgrund ihrer Erfahrung aus Rettungsdiensteinsätzen bei neuen Patienten schnell die Situation erfassen und dann praktikable Lösungen umsetzen.

Comeback nicht ausgeschlossen

Weil mehr oder weniger alle Akteure im Gesundheitswesen an einem letztlich wahrscheinlich kostensparenden System, wie es die PFS darstellen, interessiert sind, muss nun in der Branche intensiv diskutiert werden, wie sich die Umsetzungsprobleme lösen lassen. Ein – rein theoretisch – möglicher Ansatz wäre, dass ein PFS zum Beispiel auch vom Hausarzt oder von der Spitex aufgeboten werden könnte. Doch das geht nicht, weil derzeit aus regulatorischen Gründen die erforderliche Verrechnung eines auf diese Weise generierten Einsatzes für den Rettungsdienst nicht möglich wäre.

Wie sich dieser und andere noch vorhandene Knöpfe im System öffnen lassen, wird an verschiedenen Orten im Land diskutiert. Mehrere Fachleute haben sich deswegen denn auch schon bei der Regio gemeldet, um sich über die Erfahrungen aus dem Versuch orientieren zu lassen.

Und wenn die Strukturen – am sinnvollsten gleich auf nationaler Ebene – angepasst werden, dann könnte es sehr wohl zu einem Comeback der Regio-PFS kommen. «Wir arbeiten darauf hin, wieder zu starten», sagt Markus Honegger.

Ähnliche Situation in Zürich

Nach dem Aus bei der Regio 144 AG betreibt im Kanton Zürich nur noch Schutz & Rettung Zürich (SRZ) ein Versorgungssystem mit Präklinischen Fachspezialisten (PFS). Die Situation bei SRZ ist sehr ähnlich wie beim Rütner Rettungsdienst: Man habe «die erwarteten Einsatzzahlen aus systemtechnischen Gründen nicht erreicht», heisst es auf Anfrage. Der Test werde dennoch «konsequent weitergeführt».

Vor allem auch, weil sich eines der Hauptziele, die Vermeidung von Hospitalisationen, dank der Arbeit der PFS erfüllen liess. So habe man im vergangenen Jahr in rund zwei Dritteln aller Fälle die Patientinnen und Patienten zu Hause versorgen können. Zudem zeichnet sich seit Jahresbeginn laut SRZ eine deutliche Steigerung der «klar einem realen Bedürfnis» entsprechenden PFS-Einsätze ab.

Wie der Testlauf im Oberland werde auch derjenige in Zürich «von verschiedenen Akteuren aufmerksam beobachtet». Unter anderen von Vertretern mehrerer Kantone, wo man konkret über die Einführung von Fachspezialisten nachdenkt. (ehi)

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