Abo

Blaulicht

Bei leichten Notfällen rückt nun der Fachspezialist aus

Am Freitag startet der Rettungsdienst Regio 144 mit einem Pilotprojekt. Bei leichteren Notfällen kommt dann kein Rettungswagen-Team mehr.

Der Rettungsdienst rückt üblicherweise als Zweierteam samt Rettungswagen aus. Bei leichteren Notfällen kann es neu aber auch ein Präklinischer Fachspezialist in einem Personenwagen (rechts) sein.

Foto: Regio 144

Bei leichten Notfällen rückt nun der Fachspezialist aus

Pilotprojekt der Regio 144

Eine neue Funktion im Rettungsdienst, der Präklinische Fachspezialist, soll in der überlasteten Notfallversorgung für Entspannung sorgen. Ein Pilotprojekt, das jetzt auch bei der Regio 144 startet.

Seit zwei Tagen hat die 74-Jährige derart schwere Magen-Darm-Beschwerden, dass sie kaum mehr ihr Bett verlassen kann. Sie fühlt sich sehr geschwächt und hat niemanden, der ihr beistehen könnte. Und da ist zudem die offene, wüst aussehende und anhaltend schmerzende Wunde am Knie, die sie sich bei einem Sturz in ihrer Wohnung, welche sie immer noch allein besorgt, Anfang Woche zugezogen hat.

Die Frau braucht Hilfe. Sie wählt die Sanitätsnotrufnummer 144. Auch für den Disponenten in der Notrufzentrale ist klar, dass die Anruferin schnell medizinischen Support benötigt – aber weil hier offenbar ein lediglich leichter Notfall vorliegt und sich nicht zwingend eine Hospitalisation abzeichnet, braucht es wohl kein Rettungswagen-Team. Aufgeboten wird deshalb ein Präklinischer Fachspezialist (PFS).

Abklären, helfen, beraten, organisieren

Der PFS trifft 20 Minuten nach dem Anruf bei der Seniorin ein. Er verschafft sich ein Bild über ihren Gesundheitszustand, aber auch über ihr soziales Netzwerk. Der PFS bespricht mit der Frau ausführlich ihre Lage. Sie erhält eine Infusion sowie ein Medikament, das schnell ihre Beschwerden lindert, und die Knieverletzung wird vor Ort versorgt.

Namensschild «Fachspezialist»
Die PFS tragen auf ihrer Uniform ein Namensschild mit der Funktionsbezeichnung «Fachspezialist».

Der PFS berät die 74-Jährige, wie sie ihre Symptome mit den eigenen Medikamenten aus der Hausapotheke behandeln kann. Zudem organisiert er, dass der Seniorin das fehlende Material für die Pflege der Wunde am Knie nach Hause geliefert wird, weil der Gang in die nächste Apotheke für die Patientin zurzeit nicht machbar ist. Und in Absprache mit der Frau leitet er in die Wege, dass die Spitex am nächsten Tag bei ihr vorbeischaut.

Notfallressourcen geschont

Mit seinem – hier fiktiv geschilderten – Einsatz, für den er sich zwei Stunden Zeit genommen hat, hat der Fachspezialist ermöglicht, dass die Frau zu Hause bleiben kann und nicht ins Spital muss. Und vor allem: Er hat einen normalerweise für diesen Einsatz aufgebotenen, mit zwei Fachkräften besetzten Rettungswagen «freigespielt» sowie der vollen Notfallstation des Regionalspitals eine Patientin «erspart» oder den meist ausgebuchten Hausarzt der Frau nicht noch mehr belastet.

In der Schweiz noch in der Versuchsphase

Der Präklinische Fachspezialist oder die Präklinische Fachspezialistin ist eine der – wenigen konkreten – Antworten, mit denen sich die unter immer grösserer Nachfrage bei gleichzeitigem Fachkräftemangel leidende Gesundheitsbranche Luft verschaffen will. Der PFS, den es im Ausland schon in ähnlicher Form gibt, läuft in der Schweiz erst im Versuchsstadium.

Zu der Handvoll Organisationen, die mit einem Pilotprojekt dabei sind, gehört ab dem 2. August auch die Regio 144 AG. Ab dann rücken beim Rütner Rettungsdienst vorerst werktags zwischen 9 und 21 Uhr im Zürcher Teil des Regio-Zuständigkeitsgebiets PFS aus.

Der PFS verlässt den Patienten erst, wenn klar ist, wie es weitergeht.

Markus Honegger

Geschäftsführer Regio 144 AG

«Der PFS macht in nicht kritischen Notfallsituationen eine vertiefte Beurteilung der Patientin oder des Patienten und leitet unter Einbezug anderer ambulanter Leistungserbringer medizinische und organisatorische Massnahmen ein.» So definiert Manuela Kündig, PFS-Projektleiterin bei der Regio, die Rolle der Fachspezialisten.

Ein PFS komme zwar nur einmal und mache nachher nicht noch Folge-«Hausbesuche», aber «er verlässt den Patienten erst, wenn klar ist, wie es weitergeht», sagt Regio-Geschäftsführer Markus Honegger. Das heisst, wenn beispielsweise ein Hausarzttermin oder ein Rezept für Medikamente organisiert ist oder die Tochter der Patientin zur Unterstützung ihrer erkrankten Mutter hinzugeboten wurde.

Erfahrene Rettungssanitäter

Die Regio 144 AG verfügt derzeit über neun PFS in Ausbildung. Es sind alles diplomierte Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter HF mit einigen Jahren Berufserfahrung.

Die zusätzliche PFS-Ausbildung dauert fast zwei Jahre. Die Absolventen erweitern dabei ihr medizinisches Fachwissen, zum Beispiel in Richtung einer vertieften Patientenbeurteilung bei nicht kritischen Erkrankungen. Und sie lernen ärztliche Vorgehensweisen, etwa im Aufgleisen von Behandlungen. Praktika bei der Spitex Bachtel oder in einer psychiatrischen Klinik bringen ihnen die für ihren Job wichtige Vernetzung.

Minilabor dabei

Die PFS rücken zwar in ihrer üblichen Rettungssanitäter-Uniform aus, sind aber immer allein und auch nur in einem Personenwagen und nicht in einem grossen Rettungswagen unterwegs. Entsprechend ihren erhöhten medizinischen Kompetenzen, die regelmässig durch den ärztlichen Leiter der Regio geprüft werden, führen sie eine angepasste Ausrüstung mit.

So haben sie beispielsweise kein Bergematerial dabei, dafür aber ein erweitertes Medikamentenset und sogar zwei Minilabors. Damit können schnell die wichtigsten Parameter bestimmt werden, etwa der Entzündungswert CRP.

Wir sind überzeugt, dass dieses Projekt wegweisend ist.

Markus Honegger

Geschäftsführer Regio 144 AG

Das PFS-Pilotprojekt der Regio, wie es im Kanton parallel auch bei Schutz & Rettung Zürich sowie beim Rettungsdienst Bülach läuft, ist befristet bis Ende 2026. Beim Rütner Rettungsdienst ist man «überzeugt, dass dieses Projekt wegweisend ist». Denn eine Lösung, um der steigenden Anzahl von Bagatelleinsätzen und der überlasteten Notfallversorgung Herr zu werden, «geht in diese Richtung», ist sich Markus Honegger sicher.

Und auch wenn noch viele Fragen zu dieser Neuerung offen seien, «glauben wir, dass es mit dem PFS nach 2026 in irgendeiner Form weitergeht».

Beachtliches Sparpotenzial

Wie viele Kosten und Ressourcen durch die Einführung des Präklinischen Fachspezialisten (PFS) gespart werden können, lässt sich noch nicht belegen. Bei Schutz & Rettung Zürich beispielsweise hat man jedoch hochgerechnet, dass sich pro Jahr rund 2000 Transporte auf eine Notfallstation verhindern liessen, wenn bei voraussichtlich leichten Fällen ein PFS ausrückt und nicht ein herkömmliches Rettungsdienst-Team.

Konkrete Zahlen gibt es von der Rettung St. Gallen. Der dortige seit rund einem halben Jahr laufende PFS-Versuch zeigte, dass gut 45 Prozent der Einsätze vom Fachspezialisten allein abgeschlossen werden konnten. Bei den restlichen 55 Prozent der Fälle mussten die Patienten dann wohl zu einer weiterbehandelnden Stelle transportiert werden. Das passierte aber oft privat oder in einem Taxi, sodass mehrere Dutzend Einsätze eines Rettungswagens gespart werden konnten und dadurch die Ambulanzen für dringende Notfälle wie Herzinfarkte verfügbar waren.

Bei der Rettung St. Gallen zieht man denn auch ein bisher rundum positives Fazit. Sowohl von Patienten wie auch beispielsweise von Hausärzten höre man, die PFS seien «genau das, was wir uns gewünscht haben».  ehi

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.