«Die Schweiz macht Regional- statt Gesundheitspolitik»
Der Journalist Michael Zollinger hat einen SRF-Dok-Film über Schweizer Spitäler in Not gedreht. Mittendrin: das GZO Spital Wetzikon.
Das GZO Spital Wetzikon – ein Regionalspital, das ums Überleben kämpft. Es steht sinnbildlich für viele Schweizer Spitäler in der Schweiz, die finanziell in Schwierigkeiten stecken. Ein oft genannter Grund: die nicht kostendeckenden Tarife. Sie sind allerdings nur ein Puzzleteil in einem äusserst komplexen System. Mit der Frage, wie das Schweizer Gesundheitssystem reformiert werden könnte, hat sich der Journalist und Dokumentarfilmer Michael Zollinger auseinandergesetzt. Sein am Donnerstagabend ausgestrahlter SRF-Dok-Film ist eine knapp einstündige Reise durch Spitäler im In- und Ausland.
Das Gesundheitswesen, hier spielen politische Fragen auf nationaler, kantonaler und regionaler Ebene eine Rolle, es geht aber auch um Wirtschaft, Finanzen. Woher stammt die Motivation, sich eines so komplexen Themas anzunehmen?
Michael Zollinger: Steigende Gesundheitskosten rangieren auf Sorgenbarometern immer weit oben, sie betreffen uns alle – und sind dadurch von grosser Relevanz. Ich möchte als Journalist relevante und komplexe Themen anschauen, weil die Leute sich ein Bild machen müssen, worum es geht.
Das ist gerade im Hinblick auf Abstimmungen in unserer direkten Demokratie relevant – wie diejenige Ende November über die Aktienkapitalerhöhung für das GZO Spital Wetzikon.
Genau, es geht darum, Vor- und Nachteile von Entscheidungen zu kennen, um die Konsequenzen zu tragen. Im Oberland geht es für die Menschen darum, ob sie das Spital retten und dafür allenfalls mehr Steuern zahlen wollen.
Experten, mit denen Sie gesprochen haben, zeichnen ein Bild, dass in der Schweiz mit der Schliessung von Spitälern die Gesundheitsversorgung sowie deren Qualität immer noch hervorragend wären. Trotzdem ist in der Politik selten der Ruf nach Spitalschliessungen zu vernehmen. Und in der Bevölkerung ist das Thema höchst emotional. Wie erklären Sie sich das?
Zunächst einmal gibt es die emotionale Verbundenheit auch andernorts, nicht nur in der Schweiz. In Gesprächen vor Ort habe ich jedoch tatsächlich oft festgestellt, dass die Menschen für «ihr Spital» einstehen wollen. Es geht darum, wo «ich» geboren wurde. Allerdings muss man zwischen kranken und gesunden Menschen unterscheiden.
Wie meinen Sie das?
Bei gesunden Menschen geht es in dieser Debatte oftmals um hypothetische Aussagen: Wenn ich dann mal krank bin, hätte ich gerne einen möglichst nahen Weg ins Spital. Kranke Patienten hingegen wollen die bestmögliche Behandlung und nehmen dafür wie in Dänemark auch mal zwei Stunden Anfahrt mit Fähre und Auto in Kauf. Eine emotionale Bindung hat nichts zu tun mit Qualität und Versorgungssicherheit. Und dass diese auch mit weniger Regionalspitälern gelingt, zeigt das Beispiel Dänemark.
Was ist dort anders?
Die Regierung hat Gesundheitsregionen geschaffen, die für die Spitalplanung verantwortlich sind. Es wurden Vorgaben gemacht, nach welchen Kriterien die Regionen Geld für neue Spitäler bekommen. Etwa die Vorgabe, dass es ein Einzugsgebiet mit 200’000 bis 400’000 Einwohnern braucht. Eine Zentralisierung hat stattgefunden. In weniger Regionen gibt es weniger kleine, dafür jetzt nur noch grosse Superspitäler. Dort gibt es alles unter einem Dach.

Das klingt gänzlich anders als die Verbundlösungen, die man in der Schweiz und auch in der Region anstrebt, wo sich einzelne Häuser auf bestimmte Bereiche und Eingriffe spezialisieren sollen.
Die Verantwortlichen argumentieren mit komplexeren Fällen, dass Patientinnen und Patienten nicht plötzlich von A nach B gebracht werden können, wenn sie mehr als nur ein Krankheitsbild aufweisen. Oder eine Umverteilung schwierig wäre, wenn die erste erfolgte Diagnose beispielsweise nicht stimmte.
Jetzt geht es aber im Oberland genau um die Bildung eines Spitalverbunds. Bräuchte es nicht nach dem Beispiel Dänemark ein grosses Spital?
Das ist natürlich eine spannende Frage. Zumal das Beispiel Dänemark, wo sich auch die Patienten mit langen Anfahrtswegen abgefunden haben, bestechend klingt. Bei meinen Recherchen hat sich gezeigt, dass in der Schweiz auf kommunaler Ebene oftmals Regional- statt Gesundheitspolitik betrieben wird.
Können Sie das näher ausführen?
Man schaue sich die Abstimmungsunterlagen zur Aktienkapitalerhöhung in den Besitzergemeinden des GZO an. Bei vielen kommt oder steht an prominenter Stelle, wie wichtig das Spital für die Regionalwirtschaft, für den Standort ist. Es liegt nicht an mir, das zu beurteilen, ob das richtig oder falsch ist. Es fällt einfach auf. Niemand will das Spital schliessen, man möchte am Standort festhalten. Käme man zum Schluss, ein neues Superspital nach dänischem Vorbild zu errichten, dann könnte das ja beispielsweise auch an einem gänzlich anderen Standort zu stehen kommen als in den bisherigen Gemeinden. In Dänemark wurden einige grosse Häuser neu gebaut.
Wie konnte die Transformation in Dänemark gelingen?
Ich glaube, das hat viel mit politischer Kultur und Tradition zu tun. Die dänische Bevölkerung ist staatsgläubiger, das Steuersystem ist ein anderes, die Spitalfinanzierung ist direkt über den Staat geregelt, im Gegensatz zu uns, wo die Kosten zwischen Kanton und Krankenkasse aufgeteilt sind. In Dänemark konnten die Gesundheitsregionen vorgegeben werden. Diese Idee ist bei uns nicht neu, bedürfte allerdings der komplexen Revision unserer Bundesverfassung, um die entsprechenden Kompetenzen zu regeln.
In der direkten Demokratie ein äusserst langwieriger Prozess.
Vielleicht stehen direkte Demokratie und der Föderalismus solchen Änderungen im Weg. Aber ich möchte hier auch eine Lanze brechen für unser System: Direktbetroffene, die selbst die Konsequenzen tragen, können entscheiden, was sie wollen. Einerseits finanziell, andererseits qualitativ. Ein nahes, kleineres Spital kann mehr kosten, aber eine tiefere Qualität haben als ein spezialisiertes, grösseres Spital. Wichtig ist, dass die Stimmbevölkerung gut informiert ist. Doch diese Informationen sind nicht einfach zu finden. Unsere Prozesse sind langsam, aber trotz steigenden Krankenkassenprämien können wir es uns offenbar noch leisten, in diesem Tempo vorwärtszumachen. Denn Langsamkeit garantiert auch Stabilität. Letztlich stellt sich immer die Frage: Wie viel Politik und wie viel Markt braucht es?
Sie haben sich bereits vor vier Jahren mit der Schweizer Spitallandschaft auseinandergesetzt. Wo sehen Sie Veränderungen und Entwicklungen?
Veränderungen passieren im Kleinen und oft sehr langsam. Aufgrund unseres föderalistischen Systems auch nicht überall im gleichen Ausmass. In Sachen Vision für das Schweizer Gesundheitssystem sind wir noch nicht viel weiter. Allerdings wurde mit der einheitlichen Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen eine Grundlage für die Ambulantisierung geschaffen.
Damit setzt sich auch das GZO auseinander, um den Bogen zur Region zu spannen. Es will allerdings laut Businessplan auch die stationären Patientenzahlen steigern. Gegner der Aktienkapitalerhöhung sehen darin einen Widerspruch.
Die Auswirkungen der Ambulantisierung auf die Anzahl Spitalbetten werden sich von Region zu Region unterscheiden. Die demografische Entwicklung wird dafür entscheidend sein: Wo geschieht eine Zu-, wo eine Abwanderung? In Wetzikon könnte der Plan aufgehen – oder auch nicht. Das ist für mich schwierig zu beurteilen. Zudem wird man Eingriffe nie zu 100 Prozent ambulant erledigen können. Es geht hier darum, sich zu überlegen, wer welche schweren Begleiterkrankungen hat, wie das soziale Umfeld aussieht, ob eine operierte Person nach Hause kann, weil sie dort eine Familie oder Bezugsperson hat, die sich um sie kümmert. Und dann braucht es Zwischenlösungen für Personen, die zu gesund fürs Spitalbett sind, aber zu krank, um nach Hause zu gehen.
Die da wären?
Das können einfache Hotels oder Unterbringungen mit einer gewissen Form der Betreuung neben einer ambulanten Station sein. Nur muss die Finanzierung solcher Zwischenlösungen für alle fair sein und ein gerechter Kostenteiler für die Beteiligten gefunden werden.
Eine letzte Frage zum Schluss: Was ist Ihnen bei den zahlreichen Spitalbesuchen für Ihren Film geblieben?
Das Herzblut und das Engagement der Mitarbeitenden. Ohne sie würde vieles nicht funktionieren.
SRF-Dok-Film «Spitäler in Not: Wie kann die Reform gelingen?»
Der Film von Michael Zollinger wurde am Donnerstagabend auf SRF 1 ausgestrahlt und kann auch via Streaming auf dem Portal Play SRF geschaut werden.