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Grossprojekt zwischen Uster und Aathal

Die Pflöcke für die Doppelspur durchs Aatal sind eingeschlagen

Die Bahn braucht zwischen Uster und Aathal mehr Platz. Dabei verdrängt das 150-Millionen-Projekt Häuser, Wege aber auch Wald.

Entlang dem einen Bahngleis durchs Aatal deuten Markierungspfosten Veränderungen an. Sie zeigen an, wo das zweite Gleis zu liegen kommen soll.

Foto: Christian Brändli

Die Pflöcke für die Doppelspur durchs Aatal sind eingeschlagen

Grossprojekt zwischen Uster und Aathal

Die Bahn braucht zwischen den Bahnhöfen Uster und Aathal mehr Platz. Dabei verdrängt sie Häuser, Autos, Wege, Bäume und einen Tennisplatz.

Seit Kurzem sind sie zwischen den beiden Bahnhöfen Uster und Aathal zu Hunderten zu sehen: farbige Pflöcke links und rechts der Gleise. Orange, Rot und auch Gelb verheissen dabei für Grundeigentümer nichts Gutes. Denn der Ausbau auf die Doppelspur in diesem Abschnitt braucht Platz.

Orange Pfosten markieren die Lage der geplanten Gleise, rote stehen für Rampen, Stützmauern, Lärmschutzwände oder Böschungen. Und gelbe kennzeichnen Rodungen, die für den Bau des zweiten Gleises durchs Aatal nötig sind.

Die SBB planen, ihr Angebot im Raum Dübendorf und Wetzikon auszubauen. Dafür muss aber der heute nur einspurige, 3,5 Kilometer lange Engpass beseitigt werden. Befahren wird diese Strecke von S-Bahnen sowie einzelnen Güter- und Dienstzügen. 2017 rollten auf diesem Abschnitt täglich 242 Züge.

Enteignungsverfahren wird eingeleitet

Wo grüne Pflöcke stecken, wollen die SBB den Boden – und zwar definitiv. Insgesamt 10’167 Quadratmeter Land sollen in ihren Besitz übergehen. Hinzu kommen Dienstbarkeiten von 132 Quadratmetern für Blinkeranlagen, Stützmauern und Leitungen. Insgesamt sind 89 Grundstücke betroffen, die 101 Eigentümern gehören.

«Aufgrund der bisherigen Verhandlungen ist ein freihändiger Rechtserwerb mit allen betroffenen Grundeigentümern leider nicht gelungen», hält Jürg Sollberger, der zuständige Projektleiter der SBB, gegenüber dem Bundesamt für Verkehr fest. Auch eine Landumlegung sei nicht überall zielführend. Deshalb beantragte Sollberger beim Bund die Einleitung des Enteignungsverfahrens.

Dieses ist notwendig, da erst mit den Besitzern von 58 Grundstücken eine Einigung erzielt werden konnte. «Mit den restlichen Eigentümern von 31 Grundstücken konnte bisher keine gütliche Einigung erzielt werden», wird Sollberger in den Unterlagen zitiert, die nun im Rahmen des Plangenehmigungsgesuchs öffentlich aufliegen.

Am 22. August ist die Planvorlage der SBB für einen Doppelspurausbau und eine Zugfolgeverkürzung zwischen Dübendorf und Aathal in den Gemeinden Schwerzenbach, Volketswil, Greifensee, Uster, Seegräben und Wetzikon öffentlich aufgelegt worden.

Das Plangenehmigungsgesuch beinhaltet im Wesentlichen den Bau eines zweiten Gleises zwischen den Bahnhöfen Uster und Aathal, eine Zugfolgezeitverkürzung zwischen Uster und Schwerzenbach, die Erstellung eines Bahntechnikgebäudes beim Bahnhof Uster, die Erstellung respektive den Ersatz von fünf Brücken und vier Stützbauwerken, die Umlegung eines Kraftwerkkanals sowie Anpassungen an den Sicherungs- und Fahrleitungsanlagen.

Wer vom Vorhaben direkt betroffen ist, kann während der bis zum 22. September 2025 dauernden Auflage beim Bundesamt für Verkehr Einsprache erheben. Die umfangreichen Detailunterlagen sind auf den betroffenen Gemeindeverwaltungen oder online beim kantonalen Amt für Mobilität einsehbar.

Fast 400 Dokumente mit Hunderten Plänen und Tausenden Seiten für Konstruktionsbeschriebe, Umweltverträglichkeitsberichte, Lärmschutzkonzepte, Bodenverwertung, Entwässerung, Sicherheitskonzepte Rodungen, Leitungspläne, Bauphasen, Landeerwerb oder Aussteckung können konsultiert werden. (cb)

Gefixt sind unter anderem bereits die Übereinkommen mit den Besitzern jener Liegenschaften, die wegen des Ausbaus abgerissen werden müssen. Das ist einerseits das Doppelhaus Wermatswilerstrasse 2/4 in Uster, das direkt beim Bahnübergang Wermatswilerstrasse liegt und schon heute fast bis zum bestehenden einen Gleis ragt. Den einen Hausteil haben die SBB ohnehin schon erworben. Andererseits geht es um zwei Gebäude beim Bahnübergang Oberuster.   

In Verhandlungen stehen die SBB vor allem noch mit der Stadt Uster. Nicht weniger als 17 betroffene Grundstücke sind in deren Besitz. Und auch mit der Trümpler AG und der Erbengemeinschaft Trümpler-Brunner ist noch nicht alles in trockenen Tüchern. Von der Doppelspur betroffen ist nicht nur das Fabrikareal in Oberuster, sondern vor allem auch die daran anschliessende Parkanlage.

Geschützte Parkanlage in Bedrängnis

Dort ist die Situation besonders heikel, steht doch die ganze Anlage südlich des heutigen Bahntrassees unter Denkmalschutz. Damit das Erscheinungsbild der Parkanlage möglichst erhalten werden kann, wurde ein Landschaftsarchitekt beigezogen.

Der schön gelegene Weiher bildet zusammen mit dem Badehaus, der Felswand und dem alten Baumbestand in der historischen Industrielandschaft entlang dem Aabach eines der wertvollen Ensembles aus dem 19. Jahrhundert, das als Ortsbild von nationaler Bedeutung eingestuft ist.

Damit das zweite Gleis an dieser Passage Platz findet, müssen das bestehende Gartenhaus und ein Schopf hin zum Weiher verschoben werden. Zudem soll der Schotterweg entlang der Bahnlinie verlängert werden. Auf Wunsch der Besitzer wird die ganze Anlage zum Gleis hin mit einer Sichtschutzwand geschützt. Verschoben werden muss schliesslich auch der zur Parkanlage gehörende Tennisplatz.

Während der Bauzeit werden fast 71'000 Quadratmeter Land vorübergehend beansprucht, und zwar für die Bauarbeiten selbst, aber auch für Depots. Beim Bahnhof Aathal werden sogar ein Containerdorf für die Arbeiter und das Baubüro errichtet.

Mehrere Rodungen

Doch nicht nur Strassen, Wege, Parkanlagen oder historische Fabrikkanäle werden vom Vorhaben tangiert und müssen teilweise verlegt werden. Auch Wiesen und Waldpartien im Aatal sind betroffen. Es ist eine temporäre Rodung von 12'000 Quadratmetern Wald vorgesehen. Weitere gut 5000 Quadratmeter werden definitiv gerodet, allerdings gibt es andernorts eine Ersatzaufforstung im gleichen Umfang.

Der Purpelgraben mitten im Aatal muss verlegt werden. Durch die Neugestaltung des Bachgerinnes mit zusätzlichen Feuchtflächen werden gemäss dem Bericht der Ingenieure «wertvolle Lebensräume für Kleintiere und Amphibien geschaffen». So würden etwa Fledermäuse von kleinen stehenden Gewässern profitieren, könnten sie doch dort ungestört trinken.

«Mit den getroffenen Massnahmen kann sich so die Ökologie im betrachteten Abschnitt positiv entwickeln, und die Einflüsse durch den Menschen können reduziert werden, was dem Leitbild für den Aabach im Aatal des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft entspricht», hält der Gesamtprojektleiter Sollberger fest.

Angeknabbert werden muss an der engsten Stelle auch der Fels. Auf Höhe des Trümpler-Areals wird das steile Gelände etwas abgeflacht.  

Ungewissheit bei Unterführung

Eigentlich möchte die Stadt Uster mit dem Doppelspurausbau auch gleich den Bahnübergang Wermatswilerstrasse umgestalten. Vorgesehen ist eine Unterführung für Velos und Fussgänger. «Nach unserer Ansicht müssten die SBB als Störerin ein solches Bauwerk bezahlen», meint Usters Bauvorstand Stefan Feldmann (SP). Doch die Bahn sieht das anders. «Wir haben beim Kostenteiler immer noch keine Einigung erzielt.»

Solange die Frage der Finanzierung nicht geklärt ist, dürfte der Übergang so bleiben, wie er ist. Zur Diskussion steht zudem ein Einbahnverkehr für Autos von Nord nach Süd. Sicher ist laut Feldmann nur, dass es dieses Regime braucht, wenn die Unterführung realisiert wird.

Die Stadt muss auch noch über den Schutzstatus der drei Liegenschaften Bahnstrasse 41 und Wermatswilerstrasse 2/4 entscheiden, die links und rechts des Bahnübergangs stehen. Während das Schicksal des Doppelhauses eigentlich besiegelt ist, da es der Doppelspur direkt im Weg steht, gibt es bei der Bahnstrasse 41 Spielraum.  

So wird das Gebäude aus dem Jahr 1822 durch den Bahnausbau nicht gefährdet. Doch die Doppelspur könne den Gesamteindruck des einstigen Heimarbeiter- und Bauernwohnhauses mit frei stehender Scheune beeinträchtigen. «Ein Schutzobjekt kann auch tangiert werden, wenn etwas in der unmittelbaren Nachbarschaft entsteht», meint der Ustermer Bauvorstand.

Auch wenn in den SBB-Plänen, die jetzt aufliegen, entlang der Bahnstrasse nach dem Doppelspurausbau noch Parkplätze vorgesehen sind, sollen diese nach Meinung der Stadt Uster mehrheitlich verschwinden. Geplant ist auf dieser Strecke parallel zu den Gleisen eine kantonale Velobahn im Tempo-30-Mischverkehr.

Wie Feldmann erklärt, ist die Stadt in Gesprächen mit dem Kanton. «Wie viele Parkplätze wirklich verschwinden müssen, wird erst in der Planung für diese Velobahn ersichtlich werden», hält der Bauvorstand fest.       

Zum Gesamtprojekt gehört auch die Verkürzung der sogenannten Zugfolgezeiten zwischen Uster und Dübendorf, also eine Fahrplanverdichtung. Dafür müssen diverse Signale neu erstellt werden. Zudem wird ein neues elektronisches Stellwerk in einem eigens zu bauenden Bahntechnikgebäude benötigt. Dieses kommt auf dem heutigen P&R-Platz in Uster zu stehen, womit dort einige Parkplätze wegfallen. Das heutige Stellwerk Nänikon-Greifensee wird ebenfalls ersetzt und in dem neuen Bahntechnikgebäude integriert.       

Inbetriebnahme Ende 2030 vorgesehen  

Für die Realisierung des Grossvorhabens haben die Ingenieure eine Bauzeit von vier Jahren veranschlagt. Begonnen werden soll Anfang 2027. Die Inbetriebnahme der Doppelspurstrecke ist nach den neusten Plänen auf Oktober 2030 vorgesehen. Das Bundesamt für Verkehr geht im jüngsten «Standbericht» für den Bahninfrastrukturfonds noch von einem Jahr früher aus. Aufgrund der jetzigen Planung ist das nun aber offensichtlich nicht mehr realistisch.

Es sind insgesamt vier zwei- bis fünfwöchige Intensivbauphasen im Herbst 2027, im Herbst 2028, im Sommer 2029 und im Herbst 2030 geplant. Während dieser Perioden sowie in weiteren Nachtintervallen wird der Bahnverkehr zwischen Uster und Aathal respektive zwischen Schwerzenbach und Aathal eingestellt. Als Bahnersatz sind Busse vorgesehen.

Projekt wird immer teurer

Die schwierigen Bedingungen – mitten durch Häuserreihen in Uster und durchs enge Aatal, wo die Gleise zwischen Felswänden, Bach und Strasse zu liegen kommen – machen das Projekt immer teurer. Noch vor Kurzem ging das Bundesamt für Verkehr in seiner Endprognose von 125,6 Millionen Franken aus. Nun veranschlagen Projektleiter Sollberger und sein Team die Gesamtkosten auf 152,7 Millionen Franken, exklusive Mehrwertsteuer. Gerechnet wird mit einer Abweichung von plus – allenfalls minus – 10 Prozent.

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