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Experte für Quaggamuscheln

«Die allererste Muschel findet man nie»

Piet Spaak würde sich selbst nicht als Wassermenschen bezeichnen – und doch erklärt er seit Jahren, wie eine unscheinbare Muschel unsere Seen grundlegend verändert.

Piet Spaak ist Experte für die invasive Quaggamuschel. Angefangen hat er jedoch mit Wasserflöhen.

Foto: Simon Grässle

«Die allererste Muschel findet man nie»

Experte für Quaggamuscheln

Piet Spaak würde sich selbst nicht als Wassermenschen bezeichnen – und doch erklärt er seit Jahren, wie eine unscheinbare Muschel unsere Seen grundlegend verändert.

Mit den ersten warmen Tagen werden am Greifensee wieder die Boote eingewassert. In Maur am Hafen neben dem Forschungsschiff des Wasserforschungsinstituts der ETH (Eawag) steht Piet Spaak und blickt über den spiegelglatten See. Er denkt dabei weniger an die neue Saison als an das, was unsichtbar mitfahren könnte.

Spaak lebt seit 1996 in Wetzikon und ist einer, der Feuer fängt, wenn er spricht. Über Seen, über Veränderungen, über eine Muschel, die kaum jemand kannte, heute aber ganze Ökosysteme beschäftigt und zudem auch hohe Kosten verursacht: die Quaggamuschel.

Der 66-Jährige ist ein gefragter Experte, wenn es um diese invasive Art geht, die 2016 das erste Mal im Bodensee gesichtet worden war. Im Rhein und im Genfersee soll sich die Muschel schon einige Jahre davor angesiedelt haben. Noch sind im Pfäffiker- und im Greifensee keine Muscheln gefunden worden. Ob das bedeutet, dass die Seen auch wirklich noch quaggamuschelfrei sind, bleibt unklar.

Das Problem: Man entdeckt sie immer zu spät. «Die allererste Muschel findet man nie», sagt Spaak. «Wenn man die gefühlt Erste sieht, gibt es schon Millionen davon.»

Lieber Holz als Wasser

Der umtriebige Wetziker hat sich auf das Gespräch vorbereitet mit eigenen Notizen. «Ich habe ein halbes Buch für unser Treffen geschrieben», sagt er und lacht. Sein holländischer Humor blitzt durch. Auch ein leichter Akzent verrät seine ursprünglichen Wurzeln.

Eigentlich ist er gar kein Wassermensch, wie er selbst sagt. Seine Freizeit verbringt er lieber in den Bergen oder in der Werkstatt, wo er für seine Enkelkinder Möbel baut. Holz statt Wasser, das sei ihm näher. Und doch hat er die Bootsprüfung absolviert. Und doch ist er einer der bekanntesten Experten für die Muschel, die unter der Wasseroberfläche enorme Veränderungen auslöst.

Piet Spaak sitzt am Lenkrad des Forschungsboots der Eawag und blickt in die Kamera.
Obwohl Piet Spaak eigentlich kein Wassermensch ist, die Bootsprüfung hat er dennoch absolviert.

Seit 1996 arbeitete Spaak bei der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut. Seit Januar 2025 ist er offiziell pensioniert. Doch das Wort Ruhestand passt nicht recht zu ihm. Er zückt eine Visitenkarte: Auf der einen Seite steht «Projektleiter Seewandel-Klima», auf der anderen «Science Consulting». «Ich habe mich selbständig gemacht», sagt er und lächelt.

Die Arbeit, sie hat ihn nicht losgelassen. Das Projekt «Seewandel-Klima» soll das Verständnis des Ökosystems am Bodensee bewerten und Veränderungen verzeichnen. Zudem hält Spaak Vorträge in der ganzen DACH-Region mit dem Titel «Die Quaggamuschel: eine unbemerkte Invasion».

«Wie wir in Nordamerika gesehen haben, kann die Quaggamuschel ein Ökosystem ganz aus dem Gleichgewicht bringen. Uns geht es darum, herauszufinden, was dieser Faktor, gemeinsam mit dem Rückgang der Nährstoffe und dem Klimawandel, für die Seen bedeutet.»

Vom Wasserfloh zur Muschel

Wie wird man eigentlich Quaggamuschel-Experte? Die Antwort beginnt überraschend klein: mit Wasserflöhen. Spaak promovierte 1994 in den Niederlanden über diese winzigen Krebstiere. Schon damals zeigte sich seine Fähigkeit, aus Unscheinbarem grosse Zusammenhänge zu lesen.

Wasserflöhe lagern ihre Eier im Sediment von Seen ab – im Greifensee bis in 35 Metern Tiefe. Dort bleiben sie im Dunkeln konserviert, teilweise über Jahrzehnte.

Diese «Eierarchive» erlauben Vergleiche über Zeiträume von bis zu 100 Jahren. «Forschung à la Jurassic Park» nannte es die SDA vor 14 Jahren.

Die Erkenntnisse daraus sind konkret: «Der Greifensee ist heute wieder viel sauberer als noch in den 1970er Jahren. Damals sah das anders aus: zu viel Dünger, zu viele Nährstoffe.» Der See war aus dem Gleichgewicht geraten. Die Wasserflöhe haben es gezeigt.

Die Quaggamuschel – nicht einmal essbar

Als das Projekt «Seewandel-Klima» 2016 eingereicht wurde, wusste man erst wenig über die Quaggamuschel. Heute ist klar: Sie verändert Seen grundlegend. «Es gibt nichts Gutes an ihr», sagt Spaak nüchtern.

Auch essen könne man sie nicht. «Vielleicht könnte man sie getrocknetem Hühnerfutter beimischen – aber das war es dann auch.» Denn die Muschel hat zu wenig Fleisch, als dass man sie gut zubereiten könnte.

Die Muschel vermehrt sich rasant, filtert grosse Mengen Wasser und verändert so Nährstoffkreisläufe. Für Infrastruktur und Wirtschaft kann das teuer werden: verstopfte Leitungen, bewachsene Bootsrümpfe.

Quaggamuscheln an einer Wasserleitung im See.
Wo die Quaggamuschel eingeschleppt wurde, werden Wasserleitungen zur Muschelbank.

Besonders tückisch sind die Larven. Sie überleben in kleinsten Wassermengen – im Boot, im Kajak, theoretisch sogar in der Badehose. Deshalb sein Appell: reinigen, spülen, trocknen. Wer den See wechselt, trägt Verantwortung. «Natürlich fällt eine einzelne Badehose nicht ins Gewicht, aber wenn es Hunderte sind an einem Tag, die zum Beispiel vom Zürich- in den Greifensee wechseln, dann spielt das eine Rolle.»

Larven in der Testkläranlage

Auch nach seiner Pensionierung ist Spaak mittendrin. Aktuell untersucht sein Umfeld, ob Quaggamuschel-Larven Kläranlagen überleben können. «Wir haben eine kleine Testanlage gebaut und füttern diese nun mit Quaggamuschel-Larven aus dem Bodensee.» Es gibt bisher noch keine Studie dazu. Aktuell wird jetzt geforscht, ob und wie eine solche Larve in der Kläranlage überlebt.

Parallel dazu läuft das Monitoring weiter, inzwischen unter Thomas Müller, dem neuen Leiter der Quaggamuschel-Fachstelle an der Eawag. Die Forschung ist längst zur Teamarbeit geworden – doch Spaak bleibt eine prägende Figur.

Zwischen Singkreis und See

Spaak erzählt auch von sich selbst, fast beiläufig. Aufgewachsen in einer Baufamilie, hätte sein Weg auch ein anderer sein können. «Ich bin ein Sohn eines einfachen Zimmermanns.» Doch in der Schule fiel er auf. «Irgendwie war ich wohl doch schlau», sagt er. Also studierte er Biologie. Nicht aus romantischer Naturverbundenheit, sondern, weil ihm Sprachen weniger lagen.

Wer ihn nur als Wissenschaftler sieht, denkt zu kurz. Spaak ist auch Präsident des Singkreises Wetzikon und engagiert sich im Rotary Club Zürich-Oberland. «In Zukunft möchte ich gerne auch noch etwas mehr Zeit für meine Enkel haben», sagt er.

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