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Umstrittene Massnahmen

Pfäffiker- und Greifensee sind frei von Quaggamuscheln: Wie lange noch?

Reichen die aktuellen Regeln gegen die Einschleppung der invasiven Quaggamuschel? Drei Experten nehmen Stellung.

Im letzten Herbst warnten diese Plakate vor dem Schädling: Im Januar wurden die Bestimmungen zumindest für leichtes Freizeitgerät etwas gelockert. (Archivfoto)

Foto: Lea Chiapolini

Pfäffiker- und Greifensee sind frei von Quaggamuscheln: Wie lange noch?

Umstrittene Massnahmen

«Gründlich reinigen: Was heisst das eigentlich?» Der Verein Pro Pfäffikersee fragt sich, ob die aktuellen Regeln gegen die Einschleppung der invasiven Quaggamuschel ausreichen.

Im Herbst 2024 schlug der Kanton Zürich Alarm: Die gefürchtete Quaggamuschel war erstmals im Zürichsee entdeckt worden. Rund um den Pfäffiker- und den Greifensee informierten Warnschilder, die titelten: «Vorsicht, blinder Passagier». Die Muschel stammt ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum, breitet sich seit Jahren rasant aus – und richtet in Europas Gewässern grossen Schaden an.

Die fingernagelgrosse Muschel frisst einheimischen Fischen das Plankton weg, verstopft wichtige Infrastruktur in den Gewässern und überwuchert Hafenanlagen.

Der Schädling vermehrt sich schnell und verkrustet somit auch wichtige Vorrichtungen, zum Beispiel Leitungen der Trinkwasserversorgung am Bodensee, die nun viel öfters geputzt werden müssen. Wo sich die Muschel einmal angesiedelt hat, ist sie kaum mehr loszuwerden.

Vom Genfer-, Vierwaldstätter- und Zugersee bis hin zum Bodensee sind inzwischen viele grosse Schweizer Gewässer betroffen. Nur einige kleinere Seen blieben bislang verschont – darunter der Greifen- und der Pfäffikersee.

«Man muss jetzt alles Erdenkliche tun, um die kleinen Seen zu entlasten. Jedes Jahr ist ein gewonnenes Jahr», sagt Hans-Michael Schmitt, Präsident des Vereins Pro Pfäffikersee, mahnend.

Hans-Michael Schmitt sitzt am Seeufer auf einem Baumstamm.
Hans-Michael Schmitt setzt sich dafür ein, den Pfäffikersee möglichst lange quaggafrei zu halten. (Archivfoto)

Am besten wäre es gewesen, wenn die Quaggamuschel – wie auch andere Neozoen und Neophyten – gar nicht erst eingeschleppt worden wäre. «Die übrigen Gewässer quaggafrei zu halten, dazu dürfte es zu spät sein», so Schmitt. Der Schädling breitet sich seit über zehn Jahren vom Rhein her aus.

Noch sind Pfäffiker- und Greifensee frei

Die gute Nachricht: Noch sind der Greifen- und der Pfäffikersee laut jüngsten Umwelt-DNA-Proben wirklich noch quaggafrei. Das bestätigt Isabelle Rüegg von der Baudirektion des Kantons Zürich. Rüegg fügt aber auch an, dass das eDNA-Monitoring keine absolute Sicherheit biete. Zudem stammen die letzten Wasserproben vom Winter 2024 – ein aktuelles Bild fehlt.

Was ist ein eDNA-Monitoring?

Ein eDNA-Monitoring ist eine Methode, die genetisches Material von Lebewesen aus Umweltproben wie Wasser, Boden oder Luft analysiert, um Informationen über die Artenvielfalt und das Vorkommen von Organismen zu gewinnen. Es handelt sich um eine nicht-invasive Technik, die es ermöglicht, Arten zu identifizieren, ohne die Organismen direkt fangen oder beobachten zu müssen. (eru)

Die neuesten Proben wurden erst kürzlich im Juni entnommen. Diese Resultate lägen allerdings noch nicht vor, teilt Rüegg mit. Somit kann es gut September werden, bis eine Analyse der Wasserproben möglich ist.

Meldepflicht statt Reinigungszwang

Als die Quaggamuscheln im vergangenen September erstmals im Zürichsee entdeckt wurden, reagierte der Kanton mit drastischen Massnahmen: Es galt ein sofortiges Einwasserungsverbot für Boote mit Kennzeichen. «Das Problematische dabei war, dass auch Segel- und Fischerboote, die an Land lagen, nicht einwassern durften», sagt Schmitt vom Verein Pro Pfäffikersee.

Diese Boote waren trocken und hätten ohne Probleme eingewassert werden können. Schmitt vermutet, dass der Kanton deswegen mittlerweile auch eine neue Regelung gefunden hat. Für Segler und Fischer, welche die Seen sowieso nicht wechseln, war dies eine Entlastung.

Für grössere, immatrikulierte Schiffe gilt seither: Wer in andere Gewässer will, muss dies über eine Onlineplattform melden. Das Schiff muss erst fachgerecht gereinigt werden. Selber zum Schwamm greifen dürfen die Hobbykapitäninnen und Hobbykapitäne aber nicht.

«Selber putzen reicht nicht», so Thomas Müller, Quagga-Experte der Eawag. Dafür gibt es autorisierte Reinigungsstellen. Nur mit dieser Melde- und Putzpflicht konnten die strengen Einschränkungen auf den kleineren Seen wieder gelockert werden.

Doch wie geht man mit kleinerem, nicht gekennzeichnetem Freizeitgerät um, wie Stand-up-Paddles, Kajaks und Schlauchbooten? Wer ein Wassersportgerät in mehreren Seen nutzen wollte, musste es ab vergangenem Herbst mit heissem Wasser reinigen.

Doch schon im Winter wurden diese Regeln für kleinere Wasserfahrzeuge wieder gelockert. Aus einer Pflicht wurde lediglich eine «Empfehlung». Warum?

Regeln, die umsetzbar sind

Die beste Voraussetzung, um ein Verschleppen der Muschel zu verhindern, wäre laut Müller, wenn gar keine Gewässerwechsel stattfänden – damit es gar nicht erst zum Austausch von Wasser und Organismen kommt. «Am sichersten wäre es, wenn Boote oder Ausrüstungen in nur einem einzigen Gewässer genutzt würden.»

Eine Reinigungspflicht für Stand-up-Paddles, Kajaks und Konsorten sei natürlich optimal. «Diese ist aber bei kleineren Freizeitgeräten sehr schwer durchzusetzen», sagt der Quagga-Experte der Eawag. Es sei aber sehr wichtig, dass Wassersportler weiterhin mit Informationskampagnen auf die Gefahr der Verschleppung von invasiven Arten und die nötigen Reinigungs- und vor allem Trocknungsschritte aufmerksam gemacht würden.

Das Problem sei jedoch, dass die Freizeitsportler die Informationen zur Qaggamuschel gar nicht mehr wahrnähmen – oder die Infos auf den Tafeln nicht wirklich durchläsen, sagt Schmitt vom Verein Pro Pfäffikersee. «Ich weiss auch nicht, wie man die Leute noch besser informieren könnte.»

Zudem, so betont er, sei auch der Begriff «gründlich reinigen» problematisch. «Was bedeutet das konkret? Ein kurzes Abspülen oder Drüberwischen reicht jedenfalls definitiv nicht.»

Versteckte Risiken in Wasserresten

Denn die eigentliche Gefahr geht nicht von den sichtbaren Muscheln aus, sondern von den mikroskopisch kleinen Larven. Diese können in Wasserrückständen überleben – etwa in Hohlräumen von Gummibooten oder in Tauchausrüstungen. «Die vollständige Trocknung ist deshalb entscheidend», sagt Müller. Bei kleinen Geräten sei das Risiko zwar geringer, aber keineswegs auszuschliessen.

«Eigentlich sollte man die Freizeitgeräte ganz austrocknen lassen, damit keine Gefahr von Larven ausgeht», sagt Schmitt. Das bestätigt auch Müller: «Wichtig ist vor allem das vollständige Trocknen vor der Benutzung in einem neuen Gewässer.» Wasseransammlungen kann es zum Beispiel in Gummibooten, Kajaks oder in der Tauchausrüstung geben. «Mit heissem Wasser allein abwaschen, das ist ja fast lächerlich», so Schmitt.

Appell an die Verantwortung

Für Hans-Michael Schmitt liegt der Schlüssel im Verhalten der Menschen: «Ideale Voraussetzungen wären aufmerksame, pflichtbewusste Erholungsuchende.» Eine deutlichere Aufforderung an Stand-up-Paddle-Nutzer, Freiangler und Gummiböötler, verantwortungsbewusst zu handeln, findet er sinnvoll.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Schmitt erzählt von Verpackungen im Schilf, Stand-up-Paddles mitten in den Schutzzonen, Unwissen und Gleichgültigkeit. «Je laxer die Regeln, desto grösser das Risiko. Wir können nicht alles kontrollieren – aber wir können Sorge tragen.»

Die Eawag geht auch nicht davon aus, dass in absehbarer Zukunft eine effiziente Lösung zur aktiven Bekämpfung der invasiven Muschel gefunden werden kann. «Momentan kann die Quaggamuschel nicht aktiv bekämpft werden, wir können nur versuchen, die Gefahr einer weiteren Verschleppung zu reduzieren», sagt Müller ernüchtert. «Aus diesem Grund müsste theoretisch ein langfristiges Verbot auf unbestimmte Zeit eingeführt werden, was mit der Freizeitnutzung unserer Gewässer aber kaum zu vereinbaren ist.»

Schmitt hingegen ist nicht dafür, noch mehr Verbote einzuführen. Die Regelungsdichte sei ohnehin schon gross im Schutzgebiet. «Mir läge mehr am Herzen, wenn die Besucher und Besucherinnen stets mitdenken, wenn sie in die Seelandschaft kommen.»

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