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Kultur

Zwischen Tradition und Verantwortung: 50 Jahre Grüninger Fasnacht

Seit einem halben Jahrhundert gibt es die Fasnacht Grüningen. Dennoch hat sich einiges geändert. Der erste und der aktuelle Präsident erzählen.

1974 hat Fritz Schneider (Mitte) die Fasnacht Grüningen mitgegründet. Nicht nur die Kostüme haben sich in den letzten 50 Jahren verändert.

Foto: PD/Marie Fredericq

Zwischen Tradition und Verantwortung: 50 Jahre Grüninger Fasnacht

«Es cheibe Fäscht»

Vor einem halben Jahrhundert wurde sie ins Leben gerufen. Der erste und der jetzige Präsident der Grüninger Fasnacht erzählen von den Anfängen und dem bevorstehenden Jubiläum.

«Am Fasnachtsmontag haben wir hier gesessen und den Kindern dabei zugesehen, wie sie draussen herumrannten und Konfetti durch die Gegend schmissen», erzählt Fritz Schneider. Der Ur-Grüninger hat damals, 1974, mit seinem Kollegen den Stein für die Grüninger Fasnacht ins Rollen gebracht. Im Café Niderwis, wo heute der Steiner-Beck ist. Als er von der Gründungsstunde der Dorffasnacht erzählt, sitzt er am selben Platz wie vor 50 Jahren. «Meine Frau meinte, wir könnten ja auch mal was für die Kinder machen. Damit hat alles angefangen.»

So sei es dann zur ersten Grüninger Fasnacht gekommen – mit Abendunterhaltung und einem anschliessenden Maskenball –, aber wieder nicht für die Kinder. «Das hat total eingeschlagen. Die Grüninger hatten richtig Lust auf das ganze Trara – als hätten sie darauf gewartet», erzählt der 73-Jährige begeistert. Ab dem zweiten Jahr habe es dann den Kinderumzug gegeben. Mit Süssigkeiten und Gratiswürsten. Diese wurden über dem Feuer des verbrannten Böögg gegrillt – am Fasnachtssonntag, nach dem Umzug.

50 Jahre Fasnacht Grüningen
Die Schlossgeister Grüningen bauten jedes Jahr einen Böögg, der am Fasnachtssonntag verbrannt wurde. Die Kinder konnten dann ihre Würste über dem brennenden Scheiterhaufen braten – und das schon 1976.

Aber auch die grossen Fasnächtler hatten Grund zur Freude. Im «Dorfschnurri», der Fasnachtszeitung, wurden alle auf die Schippe genommen – vom Gemeindepräsidenten bis zum Strassenwischer. «Am Maskenball war zu der Zeit die Mehrzweckhalle brechend voll, auch alle Beizen haben mitgemacht», erzählt Schneider. Man hatte verschiedene Kostüme, wechselte sie mehrere Male an einem Abend. Die Frauen verkauften Umzugsplaketten. Alle feierten gemeinsam, so ungleich sie auch waren. Das ganze Dorf war ausser Rand und Band – die fünfte Jahreszeit war im verschlafenen Oberländer Stedtli angekommen.

Entsprechend schnell wuchs die Grüninger Fasnacht. Im dritten Jahr folgte der Umzug – und damit war die heilige Dreifaltigkeit der Kinderfasnacht, des Umzugs und des Maskenballs geboren. «Mir händ es huere Cabaret gha», schwärmt Schneider.

Zeiten ändern sich

Was 1974 als Organisationskomitee Fasnacht begann, wurde 1988 zur Fasnachtsgesellschaft. Fritz Schneider war für 22 Jahre der Kopf des Vereins. Heute, 50 Jahre nach dem besagten Fasnachtsmontag im Café Niderwis, ist er zwar immer noch voller Tatendrang. Aber man werde doch schon älter.

«Ich schaue mir den Umzug gerne an. Der Maskenball muss aber seit ein paar Jahren ohne mich stattfinden.» Zumal es doch auch nicht mehr dasselbe sei wie damals: «Ich vermisse die Schnitzelbänke, die Unterhaltung, die Tradition. Heute ist es eher eine Party als ein Fest.»

Es sei zwar schön, dass der Maskenball nun mehrheitlich auch junge Menschen anspreche. Aber die Zusammenkunft von Jung und Alt fehlt Schneider. «Die Zeit verändert sich nun mal», erzählt der Grüninger.

«Wer fäschte will, muess es Fäscht organisiere»

Die Fasnacht und der Maskenball seien immer noch gut besucht, ergänzt Lubi Dejanovic, heutiger Präsident des Vereins. Der gelernte Metzger hat seine Wurzeln ebenfalls in Grüningen, war bereits mit 16 Jahren Teil der Fasnacht und werkelt nun seit 5 Jahren als Präsident des Vereins.

Doch je länger, je mehr ist er das Mädchen für alles. «Wir haben genug Feierwütige an der Fasnacht», meint er. «Aber es fehlt an Menschen, die mit anpacken wollen.» Auch er würde gerne wieder Schnitzelbänke schreiben, mehr Unterhaltung bieten, Musiker einladen und etliche Gesellschaften und Wagen für die Umzüge aufbieten.

«Aber wenn man neben dem Präsidium auch noch den Festwirt macht und für die Werbung zuständig ist, bleibt wenig Zeit für neue Ideen.» Mit gerade mal 16 aktiven Vereinsmitgliedern ist der Aufwand schlicht zu gross.

Es ist kein Grüninger Phänomen, dass den Fasnachtsvereinen die aktiven Mitglieder ausgehen – es fehlt an Leuten, die bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen. «Festen will jeder gern. Doch gerade junge Leute sind nicht bereit, so viel Zeit und Musse zu investieren, sich der Sache zu verschreiben», erklärt Dejanovic. Aber: «Wer fäschte will, muess es Fäscht organisiere.» Einfacher gesagt als getan.

Eine Einheit

«Früher sind wir einfach auf die Strasse», erzählt Schneider. Heute sei das nicht mehr möglich. Die rechtlichen Vorgaben, ein Haufen Bewilligungen – allein das organisatorische Heckmeck hält Dejanovic schon auf Trab. Er ist dafür umso dankbarer um die Unterstützung der Gemeinde. «Zum Beispiel die Reinigung der Strassen. Die Kosten aus der Vereinskasse zu decken, wäre schlicht unmöglich», so Dejanovic.

Dass immer weniger Menschen bei der Fasnacht mit anpacken wollen, stimmt den Grüninger nachdenklich. Denn gerade Feste wie die Fasnacht seien ein wichtiger Bestandteil des Dorflebens – bringen sie doch Alt und Jung, Eingesessene und Zugezogene an einen Tisch. «Wir haben immer ein ‹cheibe Gaudi› gehabt!», schwärmt Schneider. «Die Fasnacht hat uns zusammengeschweisst, eine Einheit aus uns als Dorf gemacht.» Gerade Grüningen mit dem schönen Stedtli sei noch ein richtiges Dorf, wo man so etwas doch erhalten wolle.

Gäbe es das alles nicht mehr, wäre Grüningen nicht mehr Grüningen.

Lubi Dejanovic

Präsident der Fasnachtsgesellschaft Grüningen

Die Realität sieht nach 50 Jahren anders aus. Wo früher problemlos 50 Gesellschaften zum Umzug kamen, bringt Dejanovic trotz horrenden Bemühungen «nur» knapp 25 Gesellschaften zusammen, die dieses Jahr mitmachen.

«Wir wollten wieder 50 zusammenbringen, für das Jubiläum. Wir haben über 500 Gesellschaften aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich und weiteren Ländern angeschrieben. Keine Chance.» Mit viel Musse kämpft Dejanovic gegen das Aussterben der Fasnacht – aufgeben will er nicht, obwohl er einen Grossteil seiner Freizeit mit dem Präsidium an den Nagel hängt. «Gäbe es das alles nicht mehr, wäre Grüningen nicht mehr Grüningen.»

Auf die nächsten 50

Dennoch freue man sich nun gewaltig auf das 50-Jahr-Jubiläum am kommenden Samstag. «Auch wenn ich jedes Jahr Hunderte Stunden investiere und schier an der Organisation verzweifle, lohnt sich der Aufwand», sagt Dejanovic. Der Grüninger will an der Tradition festhalten und hoffentlich auch sein Präsidium, das er von Fritz Schneider übernahm, an einen nächsten motivierten Fasnächtler abgeben können. Doch bis dahin bleibt noch etwas Zeit.

50 Jahre Fasnacht Grüningen
Lubi Dejanovic (links) und Fritz Schneider freuen sich auf das anstehende 50-Jahr-Jubiläum der Grüninger Fasnacht.

Jetzt geht es erst mal um die bevorstehende Fasnacht, für die der Verein die alten Umzugsplaketten wieder ins Leben gerufen hat. «Wir würden uns besonders freuen, möglichst viele Besucherinnen und Besucher begrüssen zu dürfen, die mit uns auf die vergangenen 50 Jahre anstossen», so der Präsident. Und vielleicht finden sich ja ein paar Fasnächtler mit Tatendrang, die Lust haben, die nächsten Jahre mitzumachen. Dann stünde den nächsten 50 Jahren Grüninger Fasnacht nichts im Wege – und man könnte alte Traditionen aufleben lassen und neue schaffen.

Das 50-Jahr-Jubiläum zur Fasnacht Grüningen findet am Samstag, 17. Februar, im Stedtli statt. Von 13.30 bis 16 Uhr ist die Kinderfasnacht, um 18.18 Uhr startet der Dämmerungsumzug, und ab 19.30 Uhr wird in der Mehrzweckhalle am Maskenball gefestet. Informationen zum Programm finden Sie unter fg-grueningen.ch.

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