Zurück zu den alten Werten
Vom «Märchen aus Winterthur» war schon die Rede. Gemeint ist der lokale Basketballklub, dem innert kurzer Frist mit dem Männer- und Frauenteam der Sprung von der 3. Liga bis in die Nationalliga A gelang. Dort angekommen, erschufen sich gerade die Frauen mit zwei Cuperfolgen (2017/2019) schnell einen Namen. In der letzten Saison lagen sie bei Abbruch der Saison im März sogar an der Spitze.
Der verpasste Titel sollte nun nachgeholt werden. Im Vorfeld der Meisterschaft wurde vom besten Winterthurer Team überhaupt gesprochen. Und im Dezember folgte der erste europäische Auftritt in der Klubgeschichte.
Nun scheint die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte allerdings gefährdet. Chefcoach Daniel Rasljic ist Anfang Jahr von seinem Posten zurückgetreten. Seit 2009 gab der Wetziker die Richtung des Vereins vor. Er ist damit der sportliche Baumeister dieser besonderen Geschichte – nebst den weiteren Schlüsselfiguren Sandra Hofstetter und Samuel Frey.
Gepostet von BC Winterthur am Freitag, 8. Januar 2021
Hofstetter ist nicht nur Präsidentin, sondern Rasljics Frau und nahm in den ersten Jahren auf dem Feld noch eine wichtige Rolle ein. Und selbst Geschäftsführer Frey spielte unter Rasljic. «Ich war Fan und 3.-Liga-Spieler, als wir anfingen. Vieles, was ich über Basketball weiss, weiss ich von ihm», sagte er zum «Landbote».
Von Corona gebremst
Für seinen für Aussenstehende überraschenden Rückzug macht Rasljic gesundheitliche Gründe geltend. Im Dezember war er positiv auf Corona getestet worden. «Ich war lange sehr erschöpft und hatte Mühe, selbst beim Treppensteigen», beschreibt der zwei Meter grosse und weit über 100 Kilo schwere Hüne seinen Krankheitsverlauf. Er habe sich in den letzten Jahren zuwenig um seine Gesundheit gekümmert, betont der 45-Jährige.
«Vielleicht sind die Erfolge zu früh gekommen.»
Daniel Rasljic
Der Beschluss, das Traineramt niederzulegen, ist bei Rasljic allerdings nicht über Nacht gefallen. «Er ist in den letzten zwei bis drei Jahren gewachsen», sagt er. Und der Grund des Entscheids geht über die eigene Gesundheit hinaus. Es ist vielmehr die Entwicklung innerhalb des Teams, mit der sich Rasljic zunehmend schwerer tat. «Vielleicht sind die Erfolge zu früh gekommen», fragt er sich mittlerweile mit etwas Distanz.
«Miteinander füreinander da sein. Das dürfen wir nie aus dem Blickfeld verlieren», sagte Präsidentin Hofstetter nach dem letzten Cupsieg im April 2019 in einem Beitrag des Schweizer Fernsehens.
Gerade diese Leitlinie scheint den Winterthurern zuletzt etwas abhanden gekommen zu sein. So beklagt Rasljic mehr denn je den zunehmenden Verlust von Identifikationsfiguren, die sich auch neben dem Feld für den Verein engagieren.
Vom Team, dass bereits in der 2. Liga für den BCW spielte, ist eine einzige Spielerin übrig geblieben. Dazu kommt ein aus dem eigenen Nachwuchs nachgezogenes Talent. Der Rest des Kaders hat aus den verschiedensten Ecken der Schweiz und dem Ausland den Weg nach Winterthur gefunden.
Ist es einfach der Preis des Erfolgs? «Er zieht an», sagt Rasljic. Der Oberländer macht keinen Hehl daraus, dass er diesen Fakt nicht nur gut findet. Schon länger.
Die richtigen Spielerinnen zu finden, denen es weniger um sich, sondern vielmehr ums Team geht. Das ist für Rasljic die Schwierigkeit. Tatsächlich war es in der Vergangenheit aufgrund fehlendem Teamspirit schon zur vorzeitigen Trennung von Schlüsselspielerinnen gekommen.
Mit den Leuten mehr reden
Nur: Die Leitplanken und eigenen Werte mitzugeben, ist gerade in diesen schwierigen Zeiten – in denen die persönlichen Kontakte auf einem Minimum gehalten werden – keine einfache Sache. «Wir bräuchten mehr Zeit, um mit den Leuten zu reden und unsere Werte zu vermitteln», sagt Rasljic.
Wieder sportlich einen Schritt zurückgehen, wäre für ihn deshalb eine ernsthafte Option. «Es muss nicht so knallhart wie bei den Männern sein», sagt er mit Bezug auf die mittlerweile wieder in der 1. Liga spielenden Männer.
Es ist nicht zuletzt auch eine finanzielle Frage. Laut Rasljic ist es im Frauen-Basketball möglich, mit einem Budget von 200 000 Franken um den Meistertitel mitzuspielen. Bei den Männern braucht es hingegen mindestens eine halbe Million, um überhaupt auf Stufe NLA überleben zu können.
Doch wie geht es nun weiter? «Im Moment bin ich noch motiviert und optimistisch. Ich hoffe, dass es mit Daniel weitergeht. Ich kann es mir nicht vorstellen ohne ihn», sagt Rasljics langjähriger Weggefährte Frey.
Tatsächlich ist ein Comeback des Wetzikers auf die nächste Saison nicht gänzlich ausgeschlossen. Für Rasljic ist hierbei aber klar: «Wir müssten die Leute zurückgewinnen, die wir unterwegs verloren haben.»