Workshop in Turbenthal macht Demenz für Kinder greifbar
Ein Nachmittag im Kopf einer Demenzerkrankten
Die Reformierte Kirche Turbenthal-Wila veranstaltet diese Woche Anlässe zum Thema Demenz. Das grosse Highlight: eine Demenzsimulation. Damit verbringen sogar die Jüngsten einen Nachmittag im Kopf einer Demenzerkrankten.
«Trrrr, trrrr.» Erna Müllers Wecker klingelt. Sie sitzt bereits seit einer halben Stunde auf dem Sofa im Wohnzimmer. «Trrrr, trrrr.» Erna Müller öffnet die Haustür. Komisch, da steht gar niemand. «Trrrr, trrrr.» Was soll sie jetzt machen? Der schrille Klang bereitet ihr Kopfschmerzen. «Trrrr, trrrr.» Wo kommt dieser fürchterliche Ton nur her? Sie setzt sich wieder aufs Sofa. «Trrr, trrr.» Vielleicht hört es ja irgendwann wieder auf.
Erna Müller ist kein echter Mensch, sondern repräsentiert eine an Demenz erkrankte Person. Am Mittwochnachmittag schlüpfen Kinder und Jugendliche während des «Unti» der Reformierten Kirche Turbenthal-Wila in Erna Müllers Schuhe. An einem Workshop mit dazugehörigem Demenzsimulator können die jungen Menschen selber erleben, was die Krankheit alles für Auswirkungen haben kann.
Angestossen wurde der Anlass von Barbara Hefti. Sie ist mitverantwortlich für die Leitung des kirchlichen Unterrichts. «Die Kinder wählten das Thema Demenz selber aus», erzählt sie im Gespräch. Sie behandelten im Unterricht bereits andere «Lebenswelten», wie Gehörlosigkeit oder Sehbeeinträchtigungen. «Das Thema Demenz beschäftigt die Kinder aber sehr stark.»
Ein ernstes Thema spielerisch erklärt
Der Demenzsimulator von Hands-on Dementia wurde von Leon Maluck, einem Studenten aus Deutschland, entwickelt. Maya Hauri, zuständig für die Projektstelle für Hochaltrigkeit und Demenz bei der Kantonalkirche St. Gallen bis im Dezember 2025, brachte das Konzept schliesslich in die Schweiz.
Anhand von 13 Stationen, die verschiedene Alltagssituationen widerspiegeln, erleben die Teilnehmenden, wie sich die Symptome einer Demenz anfühlen können: vom Anziehen am Morgen bis zum Tischdecken fürs Abendessen. Die Posten sind extra so konzipiert, dass man dabei an seine Grenzen stösst.
Hauri leitet heute den Workshop in Turbenthal. Zunächst erklärt sie den Kindern mögliche Krankheitsbilder. Dafür zitiert sie Aussagen von demenzerkrankten Personen: «Ich kann sehr schnell sprechen, aber ich kann nicht so schnell zuhören», oder: «Ich muss vieles neu lernen, aber die Menschen um mich herum müssen es auch.»
Die Faszination der Kinder für das Thema ist spürbar. Konzentriert folgen sie dem fast einstündigen Input, stellen Fragen und erzählen von eigenen Begegnungen mit Betroffenen.
Das Thema Demenz geht unter die Haut. Gemäss Alzheimer Schweiz leben schweizweit über 161'000 Betroffene mit der Krankheit, davon gut 26'500 im Kanton Zürich – Tendenz massiv steigend. So kommen die meisten Menschen früher oder später mit der Erkrankung in Berührung.
Dennoch schafft es Hauri, einen sachlichen, aber kindgerechten Zugang zu vermitteln. Sie erzählt von Erlebnissen, die skurril und fast schon witzig wirken: «Ein Bekannter – er lebte aufgrund seiner Demenz bereits im Pflegeheim – konnte an einem Ausflug in den Zoo nicht teilnehmen. Er behauptete, dass er deshalb einen Lastwagen gekauft habe.» Die Kinder kichern, Hauri führt weiter aus: «Er hat sich überlegt, dass er damit die Zootiere ins Pflegeheim bringen könnte.»
Demenz im Alltag erleben
Der Simulator findet bei den Turbenthaler Kindern grossen Anklang. Sie pröbeln, rätseln, scheitern oder feiern ihren Erfolg. Egal, ob Hemden mit Gartenhandschuhen zuknöpfen, Texte mit vertauschten Buchstaben lesen oder Bälle mit Verzerrbrillen werfen – sie zeigen vollen Einsatz.
Frustration und Verwirrung sind aber ebenso gross. Ein «Hä?» erklingt auf der einen Seite des Raums, ein «Ich checks nöd» auf der anderen. Das sei jedoch genau gewollt, erklärt Maya Hauri. «Der Demenzsimulator zeigt, wie deprimierend der Alltag sein kann – vor allem, wenn man die Tätigkeiten früher einmal konnte.» Man werde davon müde oder schäme sich gar, so die Referentin.
Umso wichtiger sei es, dass das Verständnis für Demenzerkrankungen grösser werde. «Das braucht es überall in unserer Gesellschaft: bei Kindern, an der Migros-Kasse oder beim Buschauffeur. Nur so können wir einander unterstützen», erläutert Hauri im Gespräch.
Der Workshop endet für die Kinder nach einem leckeren Zvieri. Doch die gemachten Erfahrungen hallen nach – die Gespräche am Tisch zeigen, wie sehr die Simulation wirkt. So tuscheln und quatschen die Kinder über ihre Eindrücke auch mit halb vollem Mund noch fleissig weiter.