Wo der Mensch auf dem Rückzug ist
Man muss die Augen offen halten im Garten von Claudia Kolb. Da ist ein Fohlen, das ungestüm und in hohem Tempo seine Runden dreht. Da sind drei weitere Islandpferde, die auf der Wiese herumtollen, sich lustvoll am Boden wälzen und dem Besucher immer mal wieder in die Quere tölten (so nennt man bei diesen Pferden die Gangart). Und da sind die beiden Cashmeregeissen, stattliche Tiere mit Hörnern, die sich nicht sonderlich darum zu scheren scheinen, wenn sie im Weg stehen.
Die Tiere – sie sind die eigentlichen Besitzer dieses Gartens. Wobei Garten eigentlich der falsche Begriff ist. Eher müsste man von einem kleinen Park sprechen. Oder von einer Weide.
Auf jeden Fall gehört die 5000 Quadratmeter grosse Grünfläche zum berühmten Kolb-Rundhaus in Wermatswil. Dieses hat der Architekt Otto Kolb in den 1980er Jahren errichtet. Das Haus ist ein Hingucker, ein komplett von einer Glassfassade umgebenes Panoptikum, das mittlerweile unter Denkmalschutz steht. «Der Garten war anfangs eher klassisch, der Rasen nach englischer Art getrimmt», erinnert sich Claudia Kolb.
Der Konflikt
Seit dem Tod des Vaters 1996 wohnt Claudia Kolb, die als Anwältin arbeitet, mit ihrem Mann und ihren Kindern auf dem Grundstück in einer Art Nebenhaus. Im Haupthaus wohnt ihre 95-jährige Mutter Jane.
Diese wollte den Garten eigentlich im selben Stil weiter pflegen: Den Rasen regelmässig mähen, die Pflanzen und Hecken zurückschneiden – alles ordentlich und strukturiert halten, wie es die Eigentümer der umliegenden Einfamilienhäuser tun.
Tochter Claudia aber hatte andere Pläne. Sie war schon immer tierlieb, besass Pferde, die auf einer kleinen Fläche auf der Hinterseite des Hauses weideten. Nun wollte sie ihnen den ganzen Garten zur Verfügung stellen. «Ich setzte mich schliesslich gegen meine Mutter durch», erinnert sie sich mit einem Schmunzeln.
Ein Zustupf
Mit einer Maschine gemäht wird der Rasen seither nur noch einmal pro Jahr. Sonst übernehmen die Tiere diese Arbeit. «Für sie ist es allerdings nur ein Zustupf, das Gras alleine reicht für die Ernährung nicht.» Auf dem Grundstück gibt es dann auch einen Stall, in dem die Tiere gehalten und gefüttert werden. Und einen «Bock» für die Cashmeregeissen. Auf dieser Vorrichtung werden sie festgemacht und «ausgebürstet», so wird ihre feine Wolle gewonnen.
Der Mensch spielt im Garten derweil eine eher untergeordnete Rolle. Skulpturen, die Otto Kolb einst aus Teilen von Wendeltreppen angefertigt hatte, liefern immerhin ein Zeugnis künstlerischen Schaffens. Auch gibt es vor dem Nebenhaus einen Tisch und Sitzgelegenheiten, wo die Familie Kolb jeweils laue Sommerabende verbringt.
Gärtnern als Lebenselexier
Und dann ist da noch die Mutter. Sie hat sich nie ganz von der Idee verabschiedet, dass man den Garten doch hegen und pflegen muss und nicht gänzlich der Natur überlassen kann. Das Gärtnern ist für sie dann auch so etwas wie ein Lebenselexier: «Ich hatte vor ungefähr fünf Jahren mehrere Stürze und mich eigentlich damit abgefunden, bald zu sterben», erzählt sie in ihrer Muttersprache Englisch. «Dann ging ich in den Garten, begann zu arbeiten und fühlte mich wieder lebendig.»
Auch jetzt, mit 95 Jahren, wuselt sie an Krücken durch die Grünfläche, jätet Unkraut, schneidet Büsche oder ist mit dem Rechen unterwegs.
Einigen aus der eher konventionellen Nachbarschaft ist das offenbar nicht genug: «Ein Nachbar wollte mir seinen Rasenmäher fast schon andrehen», sagt Claudia Kolb, betont aber, dass sie zu den anderen Anwohnern ein gutes Verhältnis pflegt.
Im Frühling kommen die Enten
Dass die Tiere nachbarschaftliches Territorium betreten und ihr grosszügig abgestecktes Areal verlassen, verhindert eine Absperrung, die Kolb jeweils aufspannt, sobald die Tiere den Stall verlassen. Sie lässt sich auch elektronisch aufladen.
Im Garten selbst gibt es für Vierbeiner aber so gut wie keine Tabuzonen. Führte das nicht schon zu gefährlichen Situationen, zum Beispiel als die Kinder klein waren? Claudia Kolb winkt ab: «Ein Kind wurde einmal von einem Pferd überrannt. Aber das hat ihm nichts ausgemacht.» Der Teich, der sich ebenfalls auf dem Grundstück befindet und der jeweils im Frühling von Enten heimgesucht wird, sei für die Kinder die grössere Gefahr gewesen.
Nach einem Streifzug durch das imposante Haupthaus mit der ungewohnten Architektur, von dessen Veranda aus man einen atemberaubenden Blick auf den Garten hat, will der Besucher das Grundstück verlassen. Doch jemand scheint etwas dagegen zu haben: Eines der Islandpferde schneidet den Weg zum Auto ab und muss von der Hausherrin schliesslich vertrieben werden. Ein Minimum an menschlicher Mitsprache bleibt also auch im wilden Garten von Claudia Kolb gewahrt.
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