Wie ein Fischenthaler zum Gesicht der neuen Milchbauern-Generation wurde
Mitten in der Milchschwemme
Reto Schaufelberger aus Fischenthal hat im April das Präsidium der Vereinigten Milchbauern Mitte-Ost übernommen. Der 42-Jährige sieht die Branche am Scheideweg – und den eigenen Berufsstand in Gefahr.
Der Kanton Zürich ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein innovativer Wirtschaftskanton. Man kennt seinen Finanzplatz, seine Hochschulen, den starken Dienstleistungs- und Technologiesektor. Dass er auch Bergbauern kennt, dürfte dagegen weniger bekannt sein.
Der neue Präsident der Vereinigten Milchbauern Mitte-Ost, kurz VMMO, ist einer von ihnen. Seit dem 10. April vertritt der Fischenthaler Reto Schaufelberger an der Spitze der grössten Milchproduzentenvereinigung des Lands rund 3800 Mitglieder und einen Viertel der Schweizer Milchmenge.
Scherzend sagt er: «Meine Schwester lebt in der Stadt Zürich, ich weiss schon, wie die Leute dort unten ticken.» Es ist eine charmante Art, zu unterstreichen, dass er in einer etwas anderen Welt lebt.
Landwirt in der 19. Generation
Wie anders diese Welt ist, spürt man beim Rundgang über seinen Hof ziemlich schnell. Auf dem unteren Reinsberg, hoch über dem Siedlungsgebiet im Tösstal, fühlt man sich ein wenig wie in den Ferien: Frische Luft, satte grüne Wiesen und ein Panoramablick wie in den Alpen.
Den Familienbetrieb, den er in der 19. Generation (!) führt, hat er vor zehn Jahren von seinen Eltern übernommen und für mehr als 2 Millionen Franken modernisieren lassen. Stolz zeigt und erklärt er die Melkanlage, daneben fressen die 25 Milchkühe im sauberen, geräumigen Laufstall das selbst gemähte Gras.

Was man indessen nicht sieht, ist die Arbeit, die hinter der Idylle steckt. Sie beginnt frühmorgens und dauert bis in die Abendstunden. Sieben Tage in der Woche. Und sie ist nur zu bewältigen, weil Schaufelbergers Ehefrau Stefanie, seine Eltern und eine Teilzeitkraft mithelfen. Er sagt: «Hobbys haben bei mir keine Priorität. Ich bin mit Herz und Seele Landwirt. Dieser Beruf ist Berufung.»
Es ist eine Aussage, die er nicht als Floskel verstanden wissen will. Denn für ihn endet das Bauernsein nicht auf dem unteren Reinsberg. Schon früh hat der zweifache Familienvater nämlich eine Laufbahn als Funktionär eingeschlagen – wobei er selbst lieber von «Entscheidungsträger» spricht.
Mit 27 ist er in den Vorstand der Landi Bachtel eingetreten, zehn Jahre später wurde er als Bauernvertreter in den Verwaltungsrat der Fenaco gewählt – dem grössten wirtschaftlichen Player in der Schweizer Landwirtschaft. Doch sein neuestes Amt ist noch einmal eine andere Hausnummer.
Die Anfrage «aus dem Nichts»
Schaufelberger, der bei den VMMO bereits seit 2014 Vorstandsmitglied ist, übernimmt das Präsidium zu einem schwierigen Zeitpunkt. Sein Vorgänger hatte im März überraschend bekannt gegeben, das Amt niederzulegen. Gemäss der Bauernzeitung wegen Differenzen bezüglich der Strategie bei den zehn genossenschaftseigenen Gewerbe- und Wohnliegenschaften.
Vor allem aber leiden die Produzenten seit einigen Monaten unter einer Milchschwemme, die den Preis drückt. Der Grund dafür ist paradox: Ideale Wetterbedingungen im Vorjahr haben dazu geführt, dass die Bauern ihren Kühen nun mehr und qualitativ überdurchschnittlich gutes Heu verfüttern, was wiederum zu mehr Milch führt, als der Markt nachfragt.

Er habe zweimal schlucken müssen, als man ihn «aus dem Nichts» angefragt habe, ob er sich als VMMO-Präsident zur Verfügung stellen würde, erzählt Reto Schaufelberger. Dass er die Verantwortung übernehmen würde, sei ihm indessen schnell klar gewesen.
Er sagt: «Wir müssen Wege suchen, wie wir unsere Milchwirtschaft resilienter aufstellen können. In dieser Position werde ich auch im Vorstand der nationalen Dachorganisation der Milchproduzenten Einsitz nehmen und unsere Anliegen einbringen können.»
Dazu muss man wissen, dass in Bundesbern gerade die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft verhandelt wird. Die Agrarstrategie des Bunds, die sogenannte «AP 2030+», soll im Herbst in die Vernehmlassung kommen. Schaufelberger spricht von einer Weichenstellung: «Die Milchproduktion muss attraktiv werden, der Preis wieder steigen.»
Natürlich gehört dieser dringliche Ton zum Kalkül eines guten Interessensvertreter. Doch man merkt es dem neuen VMMO-Präsidenten an, dass es hier um etwas geht, das ihn persönlich betrifft: das Fortbestehen der eigenen Zunft.
Den Generationenwechsel vollzogen
Viele Betriebe stünden vor einem Generationenwechsel – und das in einer Zeit, in der die rasante technologische Entwicklung immer mehr Investitionsdruck schafft: «Die Hürden werden höher, die Erträge sinken. Mit diesen Perspektiven überlegt sich wohl manch einer zweimal, ob er den Hof der Eltern wirklich übernehmen und, erst recht, ob er weiter melken soll.»
Reto Schaufelberger muss es wissen. Er gehört selbst zu dieser Generation – und steht in besonderer Weise für diesen Wandel. Mit seiner Wahl haben die VMMO-Delegierten den Generationenwechsel an der Spitze vollzogen. Gleichzeitig hat er vor wenigen Jahren das wirtschaftliche Risiko einer Hofübernahme selbst getragen.

Schaufelberger unterhält rund um seinen Hof 13 Hektaren Wald und 27 Hektaren Wiesen und Weiden, mit denen er die eigene Futterproduktion deckt. Seine Kühe geben jährlich etwa 150 Tonnen silofreie Milch, die er fast exklusiv an eine lokale Käserei liefert. Doch das allein reicht nicht, um die Investitionen zu amortisieren und den Betrieb und das Leben zu finanzieren.
Es braucht dazu auch die staatlichen Beiträge für die Pflege von Land- und Naturschutzflächen. Ein kleinerer Teil kommt aus Entgelten für den Strom einer grossen PV-Anlage, den er ins Netz einspeist, seinen Honoraren – er schätzt allein das VMMO-Pensum auf 40 Prozent – und dem Einkommen, das seine Frau als selbständige Kosmetikerin und mit einem kleinen Pensum in einer Apotheke generiert.
Nur schon diese Mischrechnung zeigt, wie hoch die Ansprüche an den Berufsstand heute sind. So ist Schaufelberger nicht nur ausgebildeter Landwirt – er hat auch noch eine Handelsschule absolviert. In jungen Jahren arbeitete er überdies als Hilfsarbeiter auf dem Bau, und im nächsten Leben, so scherzt er, werde er wohl noch eine Lehre als Elektroinstallateur machen. «Ich muss mir helfen können», sagt er.
Es ist eine Haltung, auf die er auch in seiner neuen Rolle angewiesen ist. Denn die Lösungen, die er als VMMO-Präsident verfolgt, müssen sich am Ende auf Höfen wie seinem bewähren.
