Zahlen für den guten Zweck: Läden im Tösstal führen neues Bezahlsystem ein
Geld fürs Gemeinwohl
Kartenzahlungen sind schnell und praktisch, wären da nicht die hohen Gebühren für Händler. Gewerbler aus Turbenthal testen daher ein neuartiges Bezahlsystem. Als erste Gemeinde im Kanton auch mit Support aus der Politik.
«Bar oder mit Karte?» Für viele Kundinnen und Kunden ist diese Frage bereits vor dem Gang an die Ladenkasse beantwortet – Smartphone, Karte oder intelligente Uhr sind bereits gezückt.
Obwohl Bargeld im stationären Handel noch immer geschätzt wird, ist dessen Nutzung im Vergleich zu physischen und mobilen Zahlungskarten rückläufig, wie die jüngste Erhebung des Forschungsprojekts «Swiss Payment Monitor» zeigt.
Diese Entwicklung beobachtet auch Jan Kasser, Inhaber der Drogerie Kasser in Turbenthal. Mehr als zwei Drittel aller Zahlungen werden in seinem Geschäft inzwischen mit Karte oder Handy abgewickelt. Der Umbruch kam mit der Pandemie. Heute ist für Kasser klar: «Wir könnten es uns nicht mehr leisten, keine Kartenzahlung anzubieten.»
Mobiles Bezahlen ist bequem, keine Frage. Doch die Gebühren, die für die Transaktionen anfallen, sind für viele Unternehmer ein Ärgernis. Meist betragen sie zwischen 1,2 und 1,7 Prozent des Kaufpreises und nagen an der Marge der Detailhändler. Wo diese Gebühren hinfliessen, bleibt zudem oft im Dunkeln.
Dabei gibt es gleich mehrere Nutzniesser: Nicht nur die Bank erhält einen Anteil, auch der Zahlungsdienstleister und das Kartenlabel erhalten ein Stück des Kuchens. Nicht selten handelt es sich bei letzteren beiden um ausländische Firmen, in der Summe fliesst also viel Wertschöpfung ins Ausland ab.
Doch Abhilfe für das Gebührenproblem zeichnet sich ab. Eine neue Lösung ist seit Kurzem in der Drogerie Kasser und weiteren Geschäften in Turbenthal und Umgebung in Gebrauch. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des örtlichen Gewerbevereins hat die Drogerie kürzlich das von einer Schweizer Genossenschaft entwickelte Zahlungssystem Verd Cash eingeführt.

Das System wurde erstmals im Kanton Bern lanciert und ist im Bernbiet schon vergleichsweise verbreitet. Die Funktionsweise ist simpel – Kundinnen und Kunden laden Geld auf eine Karte und bezahlen damit kontaktlos am normalen Kartenlesegerät. Der Händler bezahlt, wie bei Mastercard & Co., Gebühren – doch der Prozentsatz ist mit 0,6 Prozent nur etwa halb so hoch wie jener bei herkömmlichen Anbietern.
Der eigentliche Sinn des Systems liegt aber in der Verwendung der häppchenweise angehäuften Gebührengelder: Bezahlt ein Kunde mit der orangen Karte, fliessen die Transaktionskosten zur Hälfte in zwei verschiedene Töpfe.
In einem Topf wird Geld für nationale Projekte angespart, ein Teil hiervon wird ausserdem zur Deckung der Betriebskosten verwendet.
Für Gemeinden und ihre Einwohner besonders verlockend ist der zweite Topf: Bezahlt beispielsweise ein Einwohner aus Turbenthal in einem Geschäft in Rüti mit der Verd-Karte, landet die Hälfte der anfallenden Gebühren automatisch im sogenannten Gemeindetopf von Turbenthal.
Von Ludothek bis Obstplantage
Wie ein eigenes Konto gibt es für jede Politische Gemeinde in der Schweiz ein solches Gefäss. Das dort angesammelte Geld soll später in die Gesellschaft zurückfliessen – in Form von Geldbeträgen für lokale Projekte.
Um auf die Gelder zugreifen zu können, muss die Gemeinde zunächst einen einmaligen Betrag bezahlen – im Fall von Turbenthal kostete das 1100 Franken. Turbenthal ist im Kanton Zürich die erste Gemeinde, die den Topf «aktiviert» hat. Tut eine Gemeinde dies nicht, fliesst das Geld am Jahresende wieder in den ersten, nationalen Pott.

Aktuell gehört die Genossenschaft rund 1700 Menschen, erklärtes Ziel ist aber, dass sie dereinst möglichst vielen Menschen im Land gehört. Denn: Welche Projekte finanziert werden, entscheiden die Mitglieder. In den Testgemeinden Luterbach SO und Riggisberg BE unterstützte der Topf etwa eine öffentliche Obstplantage und das Jubiläum einer Ludothek.
Vom neuartigen Zahlungssystem erfahren hat der Gewerbeverein im Tösstal über die Zusammenarbeit mit der Genossenschaft hinter den Probon-Sammelmärkli. Überzeugungsarbeit habe es kaum gebraucht. «Klar haben wir alle genügend anderes zu tun», sagt Jan Kasser. Doch das Thema Kartengebühren komme im Verein immer wieder auf. «Mangels Alternativen beisst man dann halt in den sauren Apfel.»
Den Einsatz von Verd als kostengünstige Alternative kann sich Kasser nicht nur im Detailhandel vorstellen, sondern auch bei Handwerkern oder etwa beim Garagisten. «Unser Ziel ist, dass alle Betriebe im Verein, die Kartenzahlung anbieten, auch Verd akzeptieren.»
App als nächster Schritt
Interessierten Kunden stellt Kasser direkt am Ladentisch eine Karte aus. An der Turbenthaler Gewerbeausstellung Mitte April will der Gewerbeverein verstärkt für das neue Zahlungsmittel weibeln. Die Tösstaler Gemeinde ist nicht die einzige Gemeinde in der Region, die das gemeinnützige Zahlungsmittel einführt.


Laut Hannes Wohlwend, dem Regionalleiter bei der Genossenschaft Verd, bereiten auch mehrere andere Gemeinden im Oberland vor, ihren Gemeindetopf zu aktivieren. Parallel dazu stehe man im Austausch mit lokalen Gewerbevereinen, um mehr Betriebe zur Einführung der neuen Methode zu bewegen. «Wir zielen bewusst auf kleinere Anbieter im Dorf», erklärt Wohlwend, «da die grossen Player wie Migros und Coop eigene Abmachungen mit den Zahlungsanbietern haben.»
Bislang existiert die Zahlungsmethode nur als physische Prepaid-Karte. Um wirklich konkurrenzfähig zu sein, dürfte kein Weg an einer App vorbeiführen. Das steht bereits auf der To-do-Liste – inklusive Anbindung an das Konto und die Wallet-App auf dem Handy. Doch die Entwicklung kostet Geld. «Und als Genossenschaft sind wir für Investoren nicht interessant.» Deshalb sammelt sie in einem Crowdfunding 80’000 Franken, um die Entwicklung voranzutreiben. Geht der Plan auf, soll die App Ende 2026 erscheinen.
