Thomas Köhler: «Es tut weh, doch für das Unternehmen ist es das Beste»
Thomas Köhler leitete die Papeterie Köhler in Rüti in vierter Generation und baute das Geschäft trotz Digitalisierung weiter aus. Nun hat er seine 13 Filialen an Orell Füssli verkauft.
Thomas Köhler ist aktuell ein gefragter Mann – seit er den Verkauf all seiner Papeterien-Filialen an Orell Füssli bekannt gab, mehren sich die Interviewanfragen. Für einen Videocall hat er aber dennoch Zeit. Der 64-Jährige hat passend zum Anlass seinen virtuellen Hintergrund angepasst: mit bunten Stiften, Büroklammern und einem Notizbuch. Trotz turbulenter Lebensphase wirkt er gut gelaunt und entspannt.
Herr Köhler, Sie haben Ihr Unternehmen verkauft – für Sie ein freudiger oder trauriger Anlass?
Ich blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf diesen Schritt. Ich habe mein ganzes Leben in der Papeterie-Branche verbracht, stand schon von Kindesbeinen an im Laden meiner Eltern – dieser befand sich direkt bei uns im Haus. Gleichzeitig weiss ich, dass es ein guter Moment ist, zu übergeben. Mittlerweile bin ich 64 Jahre alt, und es wird Zeit, einen Schritt zurückzutreten. Mit Orell Füssli habe ich einen Partner gefunden, der das Unternehmen sicher in die Zukunft führen kann. Aber ganz werde ich trotzdem nicht aufhören, sondern das Unternehmen als Teil des Verwaltungsrats weiterbegleiten.
Köhler ist seit je als Familienunternehmen geführt, Orell Füssli dagegen ist ein grosses Buchhandelsunternehmen. Wie passt das zusammen?
Ziel war eine geordnete Nachfolgeregelung mit dem richtigen Partner. Ausschlaggebend waren nicht kurzfristige Überlegungen, sondern die Frage, wer Köhler langfristig und mit Respekt vor dem Bestehenden weiterführen kann. Orell Füssli weiss, wie Papeterie funktioniert, und hat verstanden, was Köhler ausmacht. Denn nicht nur alle 13 Filialen bleiben bestehen, sondern auch alle Mitarbeitende können unter denselben Konditionen weiterbeschäftigt werden. Auch der Name Köhler bleibt bestehen. Das war mir ausserordentlich wichtig und ein Teil der Übernahmebedingungen – denn gegenüber seinen Mitarbeitenden, aber auch gegenüber dem Markt hat man eine grosse Verantwortung. Kurzum: Auch wenn es wehtut, ist es für das Unternehmen das Beste.
Von der Druckerei zur Papeterie-Kette: Eine kurze Geschichte von Köhler
1904: Gründung als Druckerei
1911: Umzug in neue Liegenschaft, Start der Papeterie
1917: Kauf der Liegenschaft in Rüti (Stammhaus)
1962: Umstellung auf Offsetdruck
1989: Verkauf der Druckerei, Fokus auf Papeterie, erste Filiale ausserhalb von Rüti in Meilen
Anfang 2000er: Neue Sortimente (Spielwaren, Geschenke), erste Papeterie mit Onlineshop in der Schweiz
2017: Verwaltung zieht nach Stäfa in eigene Liegenschaft
2025: 13 Filialen rund um den Zürichsee, das Zürcher Oberland, Einsiedeln und Jona-Rapperswil
Februar 2026: Verkauf an Orell Füssli
Gab es noch weitere Kaufinteressenten?
Ich habe Gespräche in alle Richtungen geführt. Mit wem, verrate ich aber nicht, genauso wenig wie den Verkaufspreis. Am Ende bin ich froh, dass es Orell Füssli geworden ist. Wir standen bereits vor dem Verkauf in intensivem Kontakt, man war sich also nicht unbekannt.
Sie haben das Unternehmen über Jahrzehnte geleitet: Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Das Unternehmen wurde rund 30 Jahre von meiner Mutter Gisela Köhler geführt, bevor ich im Jahr 2000 die Geschäftsleitung übernommen habe. Einerseits hatte ich sehr viel Glück – ich würde sagen, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und auch noch im richtigen Alter. Gleichzeitig wusste ich, wie wichtig es ist, frühzeitig zu investieren. Wenn alte Papeterien wegen mangelnder Nachfolge das Geschäft aufgeben wollten, habe ich sie übernommen. Und wir haben die Bedürfnisse der Kunden immer in den Vordergrund gestellt und viel dafür getan, sie dauerhaft an uns zu binden.
Böse Zungen würden behaupten, dass man im digitalen Zeitalter gar keine Papeterien mehr braucht.
Das stimmt so nicht – sonst würde es uns gar nicht mehr geben. Aber das Geschäft hat sich in den letzten Jahrzehnten sicherlich verändert. Früher haben die Leute viel mehr Büroklammern oder Ordner mit Registern gekauft, heute braucht das fast niemand mehr. Dafür ist der Umsatz von Agenden stark angestiegen, genauso wie Glückwunschkarten. Das zeigt doch: Trotz E-Mail und Whatsapp ziehen viele Kunden die analoge Variante immer noch vor – denn das ist einfach persönlicher.
Und wie bleibt die Branche dauerhaft zukunftsfähig?
Man muss vorausschauend denken und frühzeitig erkennen, welche Geschäftszweige wachsen und welche auf Dauer eher wegbrechen. Ich glaube, dass Spielwaren, Bücher und auch das Bastelsortiment immer wichtiger werden. Ein gebündeltes, vielseitiges Sortiment ist der Schlüssel, aber auch, für die Kunden vor Ort als Ansprechpartner da zu sein. Leider finden viele Papeterien keine Nachfolger – doch die Branche darf nicht aussterben.
Lassen Sie uns kurz noch auf Ihr Sortiment schauen: Was ist da Ihr aktuelles Lieblingsprodukt?
Ich mag den Produktmix, den wir in der Papeterie anbieten – für jedes Lebensalter ist etwas dabei, die Papeterie begleitet einen von der Geburt bis ins hohe Alter.
Und was das Lieblingsprodukt der Kunden?
Neben den besagten Agenden und Glückwunschkarten liegt auch Bastelware sehr im Trend. Auch die bunten Legami-Stifte aus Italien verkaufen sich sehr gut, besonders bei Primarschülern.
Zu meiner Zeit war die Diddl-Maus, vor allem die Blätter zum Sammeln, sehr beliebt.
Das stimmt, die haben sich Ende der 90er sehr gut verkauft. Und ich bin sicher: Der Trend kommt wieder!

Wie geht es jetzt für Sie persönlich weiter? Ganz klassisch auf Weltreise oder mit dem Camper durch Europa fahren?
Ich bin in eine Papeterie-Familie hineingeboren, und das legt man nicht einfach ab. Mein Fokus und meine Rolle verlagern sich einfach. Als Verwaltungsrat freue ich mich, das Unternehmen weiterhin begleiten zu dürfen, mit etwas mehr Freiraum für Persönliches.