Von Brüttisellen in die Museen und Galerien der ganzen Welt
Lascaux-Farben
Barbara Diethelm ist Künstlerin und Unternehmerin. Mit ihren Lascaux-Farben bewegt sie sich in einem Spannungsfeld zwischen Kunst, Kompromisslosigkeit und Kommerzialisierung.
Die Kunst
Gemälde hängen im Treppenhaus und im Sitzungszimmer, in den Büros sowieso. Dazu der feine Geruch nach frischer Farbe. Das ganze Haus atmet Kunst. Hier im Walder-Areal in Brüttisellen produzieren Barbara Diethelm und ihr rund 30-köpfiges Team Farben in höchster Qualität für Künstlerinnen und Künstler rund um die Welt.
Exakt 273 verschiedene Farbtöne werden in der Manufaktur an der Zürichstrasse hergestellt – ausschliesslich auf wässrigen Systemen basierende Acryl- und Gouachefarben. Lascaux nannte Firmengründer Alois K. Diethelm sein Unternehmen in Anlehnung an die gleichnamigen Höhlen im Südwesten Frankreichs mit ihren weltberühmten Höhlenmalereien, die je nach Schätzung bis zu 30’000 Jahre alt sein sollen.
Der Name sorgt auch 60 Jahre später hie und da für Missverständnisse, wie Barbara Diethelm erzählt: «Viele Leute denken, Lascaux sei eine französische Firma.» Auch deshalb hat man den Firmenauftritt kürzlich leicht angepasst: Neben dem Schriftzug stehen nun stolz ein weisses Kreuz auf rotem Grund und der Claim «Handmade in Switzerland».

Alois K. Diethelm war gelernter Maler und Gipser – und dachte weit über seinen Beruf hinaus. «Mein Vater hatte sich immer schon für das Material interessiert und dafür, was man vielleicht noch ändern und optimieren kann», erinnert sich Barbara Diethelm. In den 1950er Jahren entwickelte er eine Wandfarbe auf Wasserbasis.
Befreundete Künstler regten ihn an, einen Schritt weiterzugehen und Künstlerfarben mit dieser damals neuartigen Technologie herzustellen. Obwohl selbst kein Künstler, sollte Diethelm mit den von ihm entwickelten Acrylfarben zunächst die Kunstszene in Zürich und später die Kunst auf der ganzen Welt prägen.
Der Unterschied zwischen Öl- und Acrylfarben
Acryl- und Gouachefarben sind wasserlöslich. Ihre Bindemittel sind polymere Stoffe natürlichen und künstlichen Ursprungs. Sie werden mit Wasser verdünnt und trocknen schnell, da physikalisch durch Verdunstung des Wassers. Bei Ölfarben werden trocknende Öle als Bindemittel verwendet; sie trocknen chemisch, durch Aufnahme von Sauerstoff, und daher langsamer. Zum Verdünnen und Reinigen werden Lösemittel verwendet, beispielsweise Terpentin.
Zuerst kamen die Künstler, dann die Pädagoginnen und die Therapeuten, schliesslich die Restaurateurinnen und Konservatoren. Zielgruppe von Lascaux sind Menschen, die professionell mit Farben arbeiten. Dazu gehören auch Lehrpersonen in der bildnerischen Gestaltung. Im schulischen Bereich seien Lascaux-Farben oft die erste Wahl, sagt Barbara Diethelm: «Nur mit dem besten Material kann sich der kreative Aspekt eines Menschen entwickeln. Unsere Farben sollen die Schöpferkraft jedes Menschen unterstützen.»
Die anerkannte Künstlerin und leidenschaftliche Unternehmerin führt die Firma seit dem Tod ihres Vaters im Jahr 1995.
Niki de Saint Phalle und Sol LeWitt
Im Umgang mit der Kundschaft ist man in Brüttisellen sehr diskret. Man will Kunstschaffende nicht für simple Publicity instrumentalisieren. Bekannt ist, dass beispielsweise Niki de Saint Phalle oder auch Sol LeWitt mit Lascaux-Farben gemalt haben: Der opulente Nana-Engel der französisch-schweizerischen Malerin und Bildhauerin im Zürcher Hauptbahnhof wurde ebenso mit Farben aus Brüttisellen gestaltet wie die minimalistische Kunst des US-Amerikaners.
Auch die riesigen Wandbilder im Gefängnis Pfäffikon der Zürcher Künstlerin Karoline Schreiber entstanden mit Farben aus Brüttisellen. Und manchmal stosse man auf Überraschendes, sagt die Firmenchefin mit einem Lachen und erzählt von einem hierzulande wenig bekannten japanischen Künstler, der in einem Youtube-Video von Lascaux-Farben schwärmt.
Die Kompromisslosigkeit
Im Zentrum der Wertvorstellungen steht die höchstmögliche Qualität. Diese Kompromisslosigkeit ist ein wichtiger Teil der Firmenphilosophie und zeigt sich auch in der Produktion, die mehr Manufaktur als Fabrik ist. Nach komplexen, individuellen Rezepturen werden die Farben in grossen Behältern sorgfältig gemischt. Der Prozess kann mehrere Stunden dauern und wird je nach Farbe immer wieder unterbrochen, damit die beim Rühren entstehende Wärme entweichen kann.
Der Vergleich mit dem Kochbuch
Im Gespräch mit künstlerischen Laien (wie dem Autor dieser Zeilen) vergleicht Barbara Diethelm den Entstehungsprozess einer Farbe gerne mit dem Kochen: «Es sind bis zu 20 verschiedene Zutaten nötig, die in der richtigen Qualität und Menge zum richtigen Zeitpunkt zusammengeführt werden müssen.» Dazu gehören Wasser, Farbpigmente, Bindemittel und Verdicker. Aber es können auch exotischere Ingredienzen sein – so riecht eine Farbe, die die Firmenchefin für den Besuch öffnet, unverkennbar nach Salbei.





Da sich der Produktionsprozess über mehrere Stunden hinzieht, stellt Lascaux pro Tag nicht mehr als drei verschiedene Farben und maximal eine Tonne Farbe her. Das ist dem Qualitätsanspruch geschuldet, aber macht die Planung und Logistik herausfordernd. «Ziel ist, dass wir alle knapp 300 Farben in den zwölf verschiedenen Farblinien ständig verfügbar haben», sagt Barbara Diethelm. Aktuell sei man bei einer Lieferbereitschaft von rund 95 Prozent.
Die Kommerzialisierung
Und noch eine Herausforderung halten der aufwendige Prozess und die absolute Qualität bereit: Lascaux-Farben sind hochpreisig. 45 Prozent des Umsatzes macht das Unternehmen in der Schweiz, der Rest wird in die ganze Welt exportiert. Und das sorgt aktuell für Herausforderungen: «Der Export in die USA ist mit den Zöllen von 39 Prozent komplett eingebrochen. Wir hoffen natürlich, dass sich die Situation aufgrund der jüngsten Verhandlungsergebnisse rasch entspannt.»
Eine Herausforderung ist auch der starke Schweizer Franken. In der EU fakturiert Lascaux in Euro; wird der Schweizer Franken stärker, drückt das auf die Marge. «Schon als die Euro-Franken-Parität erreicht wurde, dachten wir, es lohnt sich nicht mehr. Jetzt stehen wir bei 93 Rappen für den Euro …»

Die dritte Schwierigkeit ist regulatorischer Natur. Barbara Diethelm: «Viele Vorschriften, beispielsweise im Umwelt- oder Gesundheitsschutz, wurden von der EU mit bester Absicht eingeführt und von der Schweiz übernommen. Europäische Hersteller müssen sich daran halten, doch aus Fernost kommt auf dem Postweg minderwertige Ware zu Tiefstpreisen – und niemand kontrolliert das.» Diese Billigware untergrabe «sämtliche ökologischen und ethischen Grundsätze», ärgert sich die Unternehmerin: «Den Konsumenten sollte bewusst werden, unter welchen Umständen ein Produkt entsteht, bevor sie ihren Kaufentscheid fällen.»
Konzentration und Börsenkotierung
Auch im überschaubaren internationalen Markt der Künstlerfarben findet eine Konzentration statt. Viele kleine Manufakturen werden von grösseren Playern geschluckt. «Und diese lassen gerne in Asien produzieren, oft unter fragwürdigen Umständen», sagt Barbara Diethelm.
Als «oftmals kapitalgetrieben» beschreibt sie die Konkurrenz. Tatsächlich, wer im Internet nach anderen Produzenten von Künstlerfarben googelt, findet Börsenberichte, Zeitungsartikel über Firmenkäufe und Wachstumszahlen – aber kaum ein Wort zu einer künstlerischen Vision oder gar Philosophie.
Unternehmerin und Künstlerin Diethelm positioniert ihre Manufaktur als bewussten Gegenentwurf: «Wir wollen kein Wachstum um des Wachstums willen.»
Trotz schwierigem Marktumfeld und kostenintensiver Produktion in der Schweiz lässt sich in Brüttisellen eine Art Aufbruchstimmung ausmachen. Da ist zum einen die Öffnung der Firma, die sich in Workshops, Referaten, Firmenrundgängen und dem jeweils einmal monatlich am Mittwochnachmittag und Freitag geöffneten Fabrikladen ausdrückt.
Zum anderen hat Barbara Diethelm den einen oder anderen Wachstumsmarkt ins Auge gefasst. Aktuell bereitet man von Brüttisellen aus Markteintritte vor, wo sich Konkurrenten zurückgezogen haben. Ab 2026 werden Lascaux-Künstlerfarben beispielsweise in rund 50 Läden in Grossbritannien angeboten.
Denn letztlich kann sich auch Barbara Diethelm den marktwirtschaftlichen Mechanismen nicht verschliessen, sie hat für ihre Manufaktur ein Gleichgewicht im Spannungsfeld zwischen künstlerischen Idealen und der ökonomischen Realität gefunden: «Natürlich müssen wir Geld verdienen. Aber unsere Werte sind nicht kommerzieller Natur.»