Sie malt riesige Wandbilder im Gefängnis Pfäffikon
Kunst im Knast
Ihr jüngstes Werk war für die Zürcher Künstlerin Karoline Schreiber ein besonderes Erlebnis. Und es hat ihr ein neues Gefühl für Freiheit gegeben.
Das Bild der Zürcher Künstlerin Karoline Schreiber ist ein Hingucker. Übergrosser Klee, Löwenzahn und Farn, in einem warmen Grünton gehalten, prangt im öffentlichen Innenhof beim Besuchereingang zum Gefängnis Pfäffikon.
Das Besondere daran: Es ist das einzige einer fünfteiligen Serie, das für die Öffentlichkeit sichtbar ist. Die anderen Werke bekommen nur Inhaftierte und Aufseher zu Gesicht. Sie befinden sich im Inneren des Gefängnisses.
Kunst im Knast also. Wie geht man als Künstlerin so einen Auftrag an?
Die lange Suche nach dem Motiv
Karoline Schreiber empfängt mich in ihrem Atelier im Herzen der Stadt Zürich, im Kreis 5. An den Wänden hängen Bleistiftzeichnungen, oft mit surrealen, traumartigen Motiven. Sie kann aber auch fast fotorealistisch malen, das zeigte sie mit dem Porträt von Regierungsrätin Silvia Steiner.
Auf einem grossen Tisch liegen Skizzen zu den Pfäffiker Wandmalereien. Den Auftrag hat Schreiber im Rahmen eines Wettbewerbs zugesprochen erhalten, zu dem die Baudirektion vier Kunstschaffende eingeladen hat. Das Gefängnis und das Bezirksgebäude Pfäffikon werden derzeit totalsaniert.

Die Künstlerin bietet in breitem Berndeutsch Kaffee an. Obwohl sie seit 30 Jahren in Zürich lebt und arbeitet, spricht sie noch immer den warmen Dialekt ihrer Heimat.
Dann beginnt sie von dem Projekt zu erzählen, das in mehrfacher Hinsicht besonders war. Nur schon wegen des Formats. Schreiber hat noch nie ein auch nur annähernd so grosses Werk geschaffen. «So ein 80-Quadratmeter-Bild muss man ganz anders angehen, sonst kann es bieder wirken», sagt sie. Es brauche mehr Kontraste, mehr Spannung.
Und dann ist da die Suche nach einem Motiv, das in ein Gefängnis passt. «Ich konnte diesen Kontext nicht einfach ausblenden, sondern habe ihn von Beginn weg in meine Recherche einbezogen», sagt Schreiber.
Zunächst versucht sie sich der Sache über Metaphern zu nähern. Sie skizziert Sitzgelegenheiten, als Anspielung auf den Begriff «eine Strafe absitzen».
Sie zeichnet tote Äste, die nach einem Sturm unter einem Baum neben dem Gefängnis liegen. «Grafisch wahnsinnig schön und von grosser Symbolik. Jene, die von der Gesellschaft abgefallen sind, kommen ins Gefängnis.»
Sie sieht sich Fotos von Kritzeleien an, die Insassen auf Gefängniswänden hinterlassen haben. Nichts davon überzeugt Schreiber. Irgendwann erkennt sie: «Ich war noch nie inhaftiert, ich kenne die Gedanken und Gefühle dieser Menschen nicht. Wer bin ich dann, ihnen Bilder mit meinen Metaphern und Symbolen vorzusetzen?»
Der Wunsch, raus in die Natur zu können
Die Künstlerin beginnt, Pflanzen in der Umgebung des Gefängnisses zu sammeln und zu zeichnen. Farn, Klee, Mohn. Könnte daraus etwas werden? Ein langes Gespräch mit einer forensischen Psychologin bestärkt Schreiber in dieser Richtung.
Die Psychologin rät ihr, den Gedanken auszublenden, dass im Gefängnis Menschen sitzen, die schlimme Dinge getan haben. Und sie erzählt der Künstlerin von einem Wunsch, den alle Inhaftierten teilen: «Sie möchten draussen sein und die Natur sehen.»
In dem Moment wird der Künstlerin klar: «Ich will etwas schaffen, was in allen Kulturen, Sprachen und Religionen Hoffnung spenden kann. Oder zumindest positiv wahrgenommen wird.» Daraus entsteht eine erste, entscheidende Skizze: übergrosse Kleeblätter im Vordergrund, im Hintergrund ein stilisierter Wald. Es ist dieses Motiv, das Schreiber weiter verfolgt, verfeinert und variiert.

Während das Klee-Motiv fast gleich bleibt, verändert sich der Bildhintergrund. Weg vom Stilisierten hin zu einer realitätsnäheren Darstellung, die angelehnt ist an die Landschaft, welche der Betrachter der bemalten Wand sehen würde, wenn er durch diese hindurchschauen könnte. Da ist er, der Kontrast, der Spannung erzeugt.
Schreiber entwirft fünf Wandbilder im selben Stil, mit unterschiedlichen Pflanzen und Hintergründen. Das sechste Werk variiert das zentrale Motiv neu: in Form von meterhohen Pflanzen, die sich im Spazierhof zwischen den Zellenfenstern die dreistöckige Mauer hinauf Richtung Himmel ranken.
Sie gibt der Serie den Namen «Internal Landscapes», auf Deutsch «Innere Landschaften». Das Konzept überzeugt die Jury, sie erhält den Auftrag.
Sie arbeitet nächtelang durch
Mit dem Zuschlag kommt für Schreiber die nächste grosse Herausforderung: Wie kommen die Bilder, in Tusche auf A4 entworfen, auf die Wand? Anfangs plant die Malerin, mit Schablonen zu arbeiten. «Aber so gehen jene winzigen Details verloren, die für Tuschzeichnungen charakteristisch sind. Etwa Linien, die auf dem Papier mal mehr, mal weniger verlaufen.»

Schliesslich lässt Schreiber die Vorlage von einer spezialisierten Firma, der Videocompany, auf die Wand projizieren. Was folgt, ist ein langwieriges Durchpausen mit Bleistift, teils in schwindelnder Höhe. Eine ungewohnte Arbeit für Schreiber. «Ich musste auf einem Gerüst arbeiten, und das im Dunkeln, weil der Beamer tagsüber nicht lichtstark genug gewesen wäre», erzählt sie. «Das war schon ein besonderes Erlebnis. Nachts durcharbeiten und am Morgen bei Sonnenaufgang mit den Pendlern im Zug nach Zürich sitzen, das hat mir gefallen.»

Fürs Ausmalen engagiert Schreiber zwar mehrere Assistentinnen und Assistenten, die ihr helfen. Aber zeitweise verzweifelt das Team fast. Es ist Hochsommer, die Wand nach Süden ausgerichtet. Es ist entweder brutal heiss – oder es regnet so, dass an Malen nicht zu denken ist. Verzögern lassen sich die Arbeiten nicht, das Gefängnis ist eine Baustelle, Termine müssen eingehalten werden.
Nach acht Wochen ist das grosse Wandbild endlich fertig, die Pflanzen im Spazierhof zum grössten Teil. Noch warten vier weitere Bilder auf Schreiber. Aber diese sind viel kleiner, und die Arbeiten finden vom Wetter geschützt im Innern statt. Im Frühsommer 2026 wird das Gefängnis eröffnet, dann werden auch Schreibers Arbeiten offiziell eingeweiht.
Was die Künstlerin jetzt schon weiss: Dieses Werk prägt nicht nur das neue Gebäude. Es prägt auch sie als Mensch. Auf die Frage, was sie aus dieser Zeit mitnimmt, antwortet sie: «Ein neues Gefühl für den Begriff Freiheit. Und damit verbunden die Erkenntnis, wie viele Gestaltungsmöglichkeiten ich einfach nur dadurch habe, dass ich ein straffreier Mensch bin.»