«Muss Abfall wirklich ein Drecksgeschäft sein?»
Interview mit Kezo-Boss Daniel Böni
24 Jahre leitete Daniel Böni die Kehrichtverwertung Zürcher Oberland (Kezo). Im Gespräch blickt der Maschinenbauingenieur zurück und erklärt, wieso seine Kehrichtverwertungsanlage auch eine Goldmine ist.
Herr Böni, im August haben Sie die Leitung der Kezo nach 24 Jahren an ihren Nachfolger übergeben. Im Dezember werden Sie 65 Jahre alt, dann werden Sie auch die leitenden Funktionen in der ZAV Recycling AG in Hinwil und der Stiftung ZAR abgeben. Mit welchem Gefühl gehen Sie in Pension?
Mit einem sehr guten. Es waren schöne, interessante Jahre bei der Kezo.
Was waren Ihre grössten Herausforderungen in dieser Zeit?
Am stärksten herausgefordert und belastet hat mich ein tödlicher Unfall im Jahr 2010.
Was war passiert?
Bei Bauarbeiten war die Öffnung eines Schachts ungenügend abgedeckt, und ein Mitarbeiter einer externen Firma stürzte rund 20 Meter in die Tiefe. Das war wirklich schlimm. Noch heute habe ich Herzklopfen, wenn ich die Sirene eines Krankenwagens oder Polizeiautos auf der Zürichstrasse höre. Neben diesem Unfall waren zwei Brände die grössten Herausforderungen. Für den einen Brand konnten wir als Kehrichtverwerter nichts, der wurde uns mit dem Abfall in die Anlage gebracht. Der zweite war durch einen Kurzschluss in der Mittelspannungsverteilung verursacht worden. Wir haben in den letzten beiden Jahrzehnten viel in die Sicherheit der Anlage investiert. Sie müssen sich vorstellen: Als ich hier anfing, stand an einem Anschlagbrett, man solle auf der Schicht nicht zu viel Alkohol trinken (lacht). Es waren andere Zeiten …

Und was waren aus Ihrer Sicht die Highlights?
Ganz grundsätzlich die Optimierung der Anlage und der Abläufe. Die Kezo war immer ein sehr guter Betrieb. Aber verschiedene Pannen in den ersten Jahren hatten oft zu Unterbrüchen geführt. Als ich hier angefangen habe, stand daher die Optimierung im Vordergrund. 2001 haben wir 135’000 Tonnen Abfall thermisch verwertet, heute sind es fast 200’000. Diese Phase der Optimierung war für mich sehr interessant, weil sie mir erlaubte, den ganzen Prozess im Detail kennenzulernen. Ein wichtiger Schritt war 2010 auch die Gründung der Stiftung ZAR gemeinsam mit dem Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) des Kantons Zürich und dem Verband der Betreiber Schweizer Abfallverwertungsanlagen (VBSA).
Was ist der Zweck dieser Stiftung?
Es geht um echte Kreislaufwirtschaft mit dem Ziel, Reststoffe aus der thermischen Verwertung, also Schlacken und Filterasche, so aufzubereiten, dass man sämtliche Wertstoffe separiert und wiederverwertet. Das sind vor allem Metalle.
Von welchen Mengen sprechen wir hier?
Die ZAV Recycling AG (die Kezo ist die grösste Aktionärin, Anmerkung der Red.) hat letztes Jahr fast 100 Kilogramm Gold aus dem Abfall gewonnen. Dazu kamen 2000 Kilogramm Silber, 4000 Tonnen Aluminium und 10’000 Tonnen Eisen. Der thermische Prozess in unserer Anlage ist ein sehr effizienter Recyclingprozess: Das organische Material wird verbrannt, daraus entstehen Strom und Fernwärme. Was zurückbleibt, ist Material, das nicht brennt. Das sind Mineralien und Metalle.
Fast 100 Kilogramm Gold, 2000 Kilogramm Silber, 4000 Tonnen Aluminium und 10’000 Tonnen Eisen.
Aber woher kommen diese 100 Kilo Gold?
Aus Elektrogeräten, die im Abfall landen. Das sind jeweils kleinste Mengen, die sich in der Summe addieren.
Landen so viele Elektrogeräte im Müll?
Man geht davon aus, dass nur etwa 65 Prozent der defekten Elektrogeräte gesammelt werden. Der Rest landet im Abfallsack. Sie können sich nicht vorstellen, was die Leute alles wegschmeissen! Wir haben schon Tausende von Bocciakugeln aus Metall aus der Schlacke separiert, mit denen man gleich wieder hätte spielen können. Oder nehmen Sie Kochgeschirr: Wenn einer der Grossverteiler eine Aktion hat, dann merken wir das.

Sie sind als studierter Maschinenbauingenieur in einem Geschäft mit wenig Glamour tätig. Was fasziniert Sie an dieser Branche?
Ich hatte mich vor meiner Tätigkeit bei der Kezo bereits mit Produktionsprozessen beschäftigt. Der Vorteil dabei: Man sieht am Schluss, was man hergestellt hat. Als ich hierherkam, dachte ich zuerst, dass das eine traurige Sache für die Mitarbeiter sei, da ja nur vernichtet wird. Aber dann habe ich relativ schnell erfasst, dass die Kezo eben auch ein Produktionsbetrieb ist, konkret für Wärme, Strom und Wertstoffe. Und: Das Unternehmen war immer schon sehr innovativ. Das hat mir als Ingenieur gefallen.
Können Sie Beispiele von solchen Innovationen nennen?
1984 wurde beispielsweise der «Abfallunterricht» in den Schulen der Verbandsgemeinden eingeführt. Die Kezo war auch eine der ersten KVA in der Schweiz, die eine Prozesssteuerung eingeführt hat, um den Automatisierungsgrad zu erhöhen. Die wichtigste Innovation war aber sicher das Verfahren zur Austragung und Aufbereitung der Trockenschlacke, das wir gemeinsam mit der Stiftung ZAR entwickelt haben. Es erlaubt uns, diese grossen Mengen an wertvollem Material aus unserer Schlacke zurückzugewinnen, die ich vorhin erwähnt habe.
Was muss ich mir unter diesem Verfahren vorstellen?
Wir konnten den Prozess so modifizieren, dass die Schlacke nach dem Verbrennungsofen nicht mehr mit Wasser gelöscht werden muss. Trockene Schlacke kann man beliebig fraktionieren und dadurch Wertstoffe zurückgewinnen. Trägt man die Schlacke nass aus, dann verhält sie sich wie Zement. Daraus feinste Metallteile zu gewinnen, ist fast nicht möglich. Private Unternehmen, die auch in diesem Bereich tätig sind, bereiten leider noch immer nasse Schlacke auf. Dadurch deponiert man viele Metalle, statt diese zu rezyklieren. Auch wenn ich es bedaure, dass wir die privaten Unternehmen nicht von den Vorteilen der Trockenschlacke überzeugen konnten, haben wir den Benchmark gesetzt und haben damit die Innovationen vorangetrieben.
Dort, wo die Umwelt sehr stark tangiert wird, ist ein staatliches Monopol sicher besser.
Damit sind wir bei der Frage, wo der Staat die Privatwirtschaft konkurrenzieren darf und wo nicht.
Da habe ich eine klare Meinung: Dort, wo die Umwelt sehr stark tangiert wird – beispielsweise beim Abwasser oder beim Abfall –, ist ein staatliches Monopol sicher besser. Wenn es um Profit geht, werden zu viele Kompromisse gemacht.
Die Kezo ist Kehrichtverbrennungsanlage, sie ist aber auch Energielieferant und Rohstoffmine. Trotzdem hat man oft das Gefühl, Sie müssten sich für jedes neue Projekt rechtfertigen: Ihre Fernwärme ist zu wenig wirtschaftlich, die von Ihnen beheizten Gewächshäuser sind zu hässlich, die geplante Deponie ist unnötig und der Neubau viel zu teuer …
Diese Widerstände muss man relativieren. Die Opposition, die Sie erwähnen, die gibt es. Aber es sind oft wenige Akteure, die lautstark auftreten. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir für unsere Pläne viel Opposition erfahren haben. Wir konnten immer auf eine grosse Unterstützung unseres Verwaltungsrats, der Delegierten und der Gemeinden zählen.
Aktuell ist der Neubau der Anlage ein Thema und mit ihm die geplante Deponie im Tägernauer Holz.
Wenn Sie einen Recyclingprozess haben, dann fallen immer auch Reststoffe an. Bei uns sind das Schlacken, um die wir uns kümmern müssen. Wir versuchen, diese aufbereiteten Schlacken zu verbessern, damit sie vielleicht einmal als Baustoffe eingesetzt werden können.
Gibt es da Möglichkeiten?
Ja, zum Beispiel für die Zementindustrie. Wir haben jetzt gewisse Produkte, die wir aufgrund der Gesetzeslage einsetzen dürften, aber die Zementindustrie muss das auch wollen.
Wovon sprechen wir?
Von Schlacken mit einem sehr hohen Eisenoxidanteil, den man im Zement braucht. Was vielen Leuten nicht bewusst ist: In jedem Recyclingprozess fallen Reststoffe an, die nicht weiterverwertet werden können. Ein typischer Fall ist die Kunststoffsammlung. Vom Kunststoff, der heute gesammelt wird, kann nur ein kleiner Teil wieder in den Kreislauf geführt werden. Der Rest geht dorthin, wo er am billigsten entsorgt werden kann. Das ist vielmals die Umwelt. Darum ist es wichtig, dass wir für den Reststoff, also unsere Schlacken, das entsprechende Deponievolumen haben.
Andererseits muss man die Menschen in Gossau oder Grüningen auch verstehen, die keine Deponie in ihrem Wald haben möchten.
Das Tägernauer Holz ist ein Nutzwald. Da stehen keine jahrzehntealten Eichen. Und irgendwo muss man diese Deponien erstellen. Schauen Sie, ich wohne im Zürcher Unterland. Dort entsteht in den nächsten Jahren ein Endlager für radioaktive Abfälle. Wenn das der beste Platz ist und dieser in der Nähe meines Hauses liegt, dann ist das halt so. Da sind die Leute halt schon sehr egoistisch unterwegs.
Mit dem Neubau ist die Kezo für die Zukunft extrem gut aufgestellt.
Die Deponie steht im Zusammenhang mit dem Ersatzneubau der Kezo. Warum braucht es den überhaupt?
Die aktuellen Anlagen sind nach 50 Jahren am Ende ihrer Lebensdauer angelangt. Zudem reduziert die Kezo mit dem Neubau ihre Verwertungskapazität von heute 190’000 Tonnen auf 120’000 Tonnen Abfall, weil sie nur noch den Abfall aus den 36 Gemeinden des Zweckverbands thermisch verwerten möchte. Dadurch ist sie für die Zukunft extrem gut positioniert.

Inwiefern?
Bei vielen KVA in der Schweiz macht der Marktkehricht, das sind zum Beispiel brennbare Bauabfälle, mehr als 50 Prozent der verwerteten Menge aus. Das ist wirtschaftlich ein grosses Risiko.
Sie sprechen von Kehricht, der aus anderen Regionen in eine KVA gekarrt wird.
Korrekt. Sie müssen sich vorstellen: Alle Anlagen, die ein grosses Fernwärmenetz unterhalten, müssen im Winter Fernwärme liefern. Dazu brauchen sie Abfall. Nur ist Abfall wegen der Bauwirtschaft ein saisonales Geschäft – im Winter hat es weniger als im Sommer. Der Run auf Abfall wird also im Winter riesig sein. Das drückt auf die Preise, die eine Kehrichtverbrennungsanlage für das gelieferte Material verlangen kann. Dieses Risiko haben wir mit der neuen Anlage nicht mehr.
Dabei hat die Abfallmenge, die die Kezo in den letzten Jahren verbrannt hat, bereits abgenommen.
Das hat andere Gründe: Als vor zwei Jahren die Strompreise explodiert sind, ist viel Abfall als Brennstoff exportiert worden. Wir hatten etwa 20’000 Tonnen weniger Abfall, weil wir nicht bereit waren, die Preise zu senken, um diese Exporte zu unterbinden. Jetzt gibt es in Deutschland eine neue Energiesteuer. Zudem sind Transportkosten gestiegen. Und plötzlich stehen diese Entsorger wieder vor der Kezo und sagen: «Wir sind doch gute Freunde und haben euch immer Abfall gebracht.» Wissen Sie, manchmal frage ich mich schon, ob Abfall ein solches Drecksgeschäft sein muss. (Lacht.)
Ende Jahr ziehen Sie sich aus diesem Geschäft zurück und gehen in Rente. Haben Sie Pläne?
Ganz konkrete sogar: Ich besitze einige Oldtimer, «Sleeping Beauties», die darauf warten, zum Leben erweckt zu werden.
Was sind das für Schönheiten?
Alfa Romeo. Verschiedene Spider- und Giulietta-Modelle der 1950er und 1960er Jahre.
Und als Ingenieur dürften Sie in der Lage sein, die Fahrzeuge eigenhändig zu warten und zu reparieren?
Genau. Ich freue mich auch darauf, sie häufiger zu fahren. Meine Frau und ich sind oft damit in den Ferien. In einem alten Alfa Romeo durch Italien zu fahren, ist ein riesiges Vergnügen. Und was mir auch noch ganz wichtig ist: Die Kezo ist ein 24/7-Stunden-Betrieb. Ich freue mich darauf, wieder mehr Zeit für andere Menschen zu haben. Wenn man älter wird, hat man im Umfeld mehr Leute, die auf Hilfe angewiesen sind.
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