Diese Bubikerin ist Meisterin in der Buchbindetechnik
Als erste Schweizerin seit 20 Jahren
Die grafische Industrie in der Schweiz befindet sich in der Krise. Die Digitalisierung macht dem Handwerk das Leben schwer. Trotz allem hat Leonie Hintermann aus Bubikon die Meisterprüfung als Buchbinderin abgeschlossen.
Man darf Leonie Hintermann durchaus als Exotin unter Exoten bezeichnen. Die 22-Jährige hat im Juli die Meisterprüfung in der Buchbindetechnik, Fachrichtung Handwerk, erfolgreich abgeschlossen.
Exotin, weil handwerkliche Buchbindung in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung. Im handwerklichen Bereich geht es um Einzelaufträge: beispielsweise um hochwertige Kataloge für Uhrenläden und Bijouterien oder um Hochzeits- und Kinderalben oder um aufwendig hergestellte Schachteln.
Exoten, weil die grafische Industrie in den letzten 20 Jahren nur eine Entwicklung kannte: Sie schrumpft.
In diesen für die Branche schwierigen Zeiten entschied sich Leonie Hintermann zuerst für eine Berufslehre als Printmedienverarbeiterin und anschliessend für die Meisterprüfung in der Buchbindetechnik – als erste Schweizerin seit 20 Jahren. Dafür war die Bubikerin für ein Jahr nach München ausgewandert. In der Schweiz werden zwar ebenfalls höhere Berufsprüfungen angeboten: «Aber auf Stufe Bachelor gibt es nichts Vergleichbares.»
Leder, Pergament, Gold
An der Alois-Senefelder-Schule in München fand sie den Lehrgang, den sie in der Schweiz vermisst: Die dortige Meisterschule für Buchbindetechnik vermittelt traditionelle buchbinderische Fertigkeiten. Dazu gehören der Lederband, der Pergamentband, der Goldschnitt, die Handvergoldung und Sonderfertigungstechniken unter künstlerischen und gestalterischen Aspekten.
Und falls Sie sich jetzt fragen, wer Alois Senefelder war: Der Münchner erfand Ende des 18. Jahrhunderts die Lithografie. Der Steindruck war eine damals grosse technische Innovation, da Drucke bedeutend günstiger hergestellt werden konnten als mit dem bis dahin eingesetzten Kupferstich.
Die Krise der grafischen Industrie
Das Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Economics untersucht jährlich die Lage der grafischen Industrie in der Schweiz. In ihrer aktuellen Analyse vom August 2025 kommen die BAK-Ökonomen auf ein Produktionsniveau der grafischen Industrie im Jahr 2024 von 2,6 Milliarden Franken. «Das ist der tiefste Wert im vom Index abgedeckten Zeitraum seit Anfang 2010.»
Doch es kommt noch schlimmer: «Zwischen den Jahren 2000 und 2019 hat sich das Produktionsniveau der grafischen Industrie mehr als halbiert.»
Besserung ist nicht in Sicht. «Die Produktion beim Vorleistungsgut Papier ist sehr energieintensiv. Gleichzeitig besteht eine hohe Preissensibilität bei der Nachfrage nach Printprodukten und Dienstleistungen», schreibt BAK Economics. Viele Auftraggeber hätten nach der schwierigen Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre weniger Ressourcen für grafische Erzeugnisse und reagierten noch preissensibler. «Hinzu kommen die vielfältigen Substitutionsmöglichkeiten durch den Digitalisierungsschub.»
Dass Leonie Hintermann ihr Berufsleben dereinst dem Handwerk verschreiben würde, war schon früh klar: «Ich habe immer gerne Dinge fabriziert. Sei es zu Hause oder in der Werkstatt meines Grossvaters.» Dieser besitzt in Mönchaltorf ein Parkettgeschäft. «Ich war oft da, durfte basteln, schreinern und drechseln.»
Dass sie ihr Handwerk in der grafischen Industrie finden würde, war jedoch Zufall. Nach Schnupperlehren als Polygrafin und als Architekturmodellbauerin stiess Leonie Hintermann auf ein Inserat der Bubu AG in Mönchaltorf, die eine Lernende oder einen Lernenden im Bereich Printmedienverarbeitung suchte. Nach drei Tagen schnuppern war für die damals 16-Jährige klar, dass das ihr Weg sein würde.

Vier Jahre dauerte die berufliche Grundbildung. Rückblickend sagt sie: «So zufällig meine Berufswahl war, ich bin sehr glücklich damit und mit meiner Ausbildung. Ich habe in diesen Jahren sehr viel gelernt.» Hintermann ist fasziniert von der Kreativität in diesem Beruf: «Ideen kreieren, neue Sachen ausprobieren, die Kunden überraschen oder gar begeistern, das bereitet mir Freude.»
Das Buch als Luxusartikel
Die 22-Jährige weiss, dass ihr Handwerk den sprichwörtlichen «goldenen Boden» schon lange verloren hat. «Aber ich bin überzeugt, dass es dieses Handwerk auch in Zukunft geben wird.» Industriell in der Massenproduktion, daneben als handwerklich gefertigtes Luxusgut.
So wie ihre Meisterarbeit an der Schule in München: Es ist ein Franzband mit Pop-up-Schuber. Ohne allzu sehr ins Detail zu gehen: Die Arbeit, die mit der Bestnote 1 ausgezeichnet wurde, ist ein hochwertiger Einband französischen Ursprungs, verbunden mit einer Edelkartonage, eingefasst in Leder und ausgeschmückt mit Rosenblättern.

Seit Anfang August ist Leonie Hintermann zurück in ihrer Heimat in Bubikon. Momentan sucht sie eine Stelle, wo sie das in München Gelernte um- und einsetzen kann. Gerne verbunden mit der Ausbildung von Lernenden. «Ich bin offen für vieles. In dieser Branche geht es nicht ohne Offenheit gegenüber Veränderungen.»
