Firmengründungen in der Region auf Rekordhoch
Ein gutes Pflaster
Das Oberland bleibt ein gutes Pflaster für Jungunternehmer. Nie wurden in der Region so viele Firmen gegründet wie in den ersten sechs Monaten 2025.
814 Unternehmen wurden von Januar bis Juni in den drei Bezirken Uster, Pfäffikon und Hinwil gegründet. Dies geht aus einer Mitteilung der IFJ Institut für Jungunternehmen AG in St. Gallen hervor. Seit 2020 untersucht das IFJ Firmengründungen in der Schweiz nach Region, Rechtsform und Branche. Die Datengrundlage stammt vom Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB).
In der ganzen Schweiz wurden im ersten Semester 2025 insgesamt 27’811 Neugründungen verzeichnet. Das ist ein neuer Rekordwert für ein erstes Halbjahr und entspricht einem Wachstum von 2,6 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Auch im Zürcher Oberland sind die Firmengründungen auf einen neuen Rekordwert gestiegen, wenn auch knapp.
In der Vorjahresperiode waren es in der Region noch 812 neu verzeichnete Unternehmen im SHAB. Von diesen Eintragungen ins Handelsregister entfallen 101 auf neu gegründete Handwerksbetriebe: Am häufigsten waren es Maler-/Gipsergeschäfte (19), Bauunternehmen aller Art (18), Schreiner- und Holzbaufirmen (16) und Installationsbetriebe für Heizung, Lüftung, Klima, Elektro und Sanitär (14).
Auf Platz zwei bei den Branchen kommen Beratungsfirmen (Treuhand, Finanzen), auf Platz drei stehen Handelsunternehmen. Die häufigste Rechtsform ist die Einzelfirma mit 344 neuen Eintragungen ins Handelsregister, knapp vor der Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) mit 326.
Um eine GmbH zu gründen, ist ein Mindeststammkapital von 20’000 Franken erforderlich. Dieses Kapital muss vollständig einbezahlt und bei der Gründung nachgewiesen werden. Zum Vergleich: In derselben Periode wurden 92 Aktiengesellschaften gegründet. Finanzielle Voraussetzung hierfür ist ein Aktienkapital von 100’000 Franken.
Dass das Oberland ein guter Nährboden für Unternehmensgründungen ist, ist keine Neuheit. Die Nähe zu Hochschulen und Fachhochschulen, die Nachbarschaft zur Stadt Zürich als Wirtschaftsmotor und – nicht zu unterschätzen – die Lebensqualität mit viel Natur und attraktiven Naherholungsgebieten sorgen für konstantes Wachstum.
Doch: Eine Firma zu gründen, ist das eine. Eine Firma über einen längeren Zeitraum erfolgreich zu führen, ist das andere. Wir haben vor zwei Jahren drei Beispiele von jungen Menschen im Oberland erzählt, die zu Unternehmerinnen und Unternehmern wurden. Mit diesem Artikel zeigen wir, wie es ihnen ergangen ist.
Visure GmbH: Raus aus dem Einfamilienhaus
Als wir die Visure GmbH in Wetzikon vor zwei Jahren ein erstes Mal porträtierten, fand das Gespräch mit Timo Hämmig am elterlichen Küchentisch statt.
Hämmig hatte die Firma für Videoproduktionen gemeinsam mit seinen Jugendfreunden Stephan Deola, Colin Weuste und Janis Wolf im Jahr 2020 gegründet. Der Lockdown sorgte bald für volle Auftragsbücher. Weil grössere Menschenansammlungen untersagt waren, setzten viele Firmen und auch die zahlreichen Kirchgemeinden in der Region auf Videoübertragungen.

2022 machten die vier Freunde aus ihrem Hobby eine Firma und gründeten eine GmbH. Im Mai 2023 nannten sie als mittelfristige Ziele Wachstum, ein eigenes kleines Studio und ein Firmenauto. «Wir wollen in eine Position kommen, in der wir uns vor Aufträgen nicht mehr retten können», definierte Hämmig das langfristige Ziel.
Das Fazit heute: Sitzungen finden nicht mehr am Küchentisch statt. Die junge GmbH hat ihren Firmensitz jetzt an der Zürcherstrasse 47 in Wetzikon. In der ehemaligen Strumpffabrik hat ein Sammelsurium an KMU eine Heimat gefunden: neben dem Photobus, einer Fahrradwerkstatt, einer Tanzschule oder einem Lebensmittelhersteller (die Aufzählung ist nicht abschliessend) auch die Videoproduzenten von Visure.
Auch ein eigenes elektrisches Firmenauto konnte angeschafft werden. «Wir wachsen und probieren nach wie vor neue Sachen aus», sagt Timo Hämmig. So tritt Visure dieses Jahr erstmals mit einem Stand an der ZOM in Wetzikon auf. Ziel sei es, im Oberland Präsenz zu markieren und mit Unternehmerinnen und Gewerbetreibenden in Kontakt zu kommen.
120 Stellenprozente lassen sich mit dem aktuellen Umsatz stemmen. Hämmig: «Wir wachsen stetig. So sind wir in der Lage, immer umfassender werdende Imagefilme zu konzeptionieren und zu produzieren.»
«Punkt 28»: Mal auf, mal ab
Auch Alexandra Kindlimanns Café Punkt 28 in Wetzikon gibt es noch. Die 33-Jährige hatte sich 2022 als Gastronomin selbständig gemacht, weil sie sich als kaufmännische Angestellte zu langweilen begann.
Wo ihre Mutter früher eine Boutique geführt hatte, richtete sie ein gemütliches Lokal ein. Geöffnet ist das «Punkt 28» von Donnerstag bis Samstag. Bis vor Kurzem hatte Alexandra Kindlimann auch am Mittwoch geöffnet. «Doch ich brauche diesen Tag zum Einkaufen, zum Backen und ganz allgemein zur Vorbereitung. Sonst hat sich nicht viel verändert.»

Schon gar nicht ihre Leidenschaft fürs Backen. Dass sie eine Meisterin ihres Fachs ist, belegen die 64 Google-Ratings. Das «Punkt 28» wird mit 5 von 5 Sternen bewertet. In Worten klingt das dann so: «Heimeliges Lokal mit sehr gutem Kaffee und leckeren Kuchen» – «Mit Herz geführt, leckere Cheesecakes und viel Charme» – «Die Pancakes sind nicht von dieser Welt».
Sie habe mittlerweile viele Stammgäste, sagt Alexandra Kindlimann, die stundenweise von Aushilfen unterstützt wird. Finanziell gehe es «mal auf, mal ab. Aber ich habe immer noch viel Freude an meinem Café.»
Und falls das doch irgendwann einmal anders sein sollte, hat Alexandra Kindlimann einen Plan B. Sie absolviert an der Fachhochschule Graubünden in Chur ein Studium der Betriebswirtschaft.
Autosattlerei Jaggi GmbH: Umzug und Meisterprüfung
Im Gegensatz zu Timo Hämmig und seinen Jugendfreunden und Alexandra Kindlimann hat Ann-Christine Ubrich ein bestehendes Unternehmen übernommen. Bei der Autosattlerei Jaggi GmbH in Uster hatte die heute 23-Jährige ihre Lehre als Fachfrau Leder und Textil gemacht. Als sich der frühere Inhaber dem Pensionsalter näherte, übernahm die ehemalige Lernende die Firma, die seit 1952 Lederarbeiten an Autos, Motorrädern und Booten ausführt.
Unterstützt wurde und wird sie nach wie vor von ihrem Vater Horst Ubrich und ihrer Mutter Beate Schmitt. Alles wie gehabt also? Keineswegs. Ann-Christine Ubrich ist mit ihrem Unternehmen aus der Stadt Uster weggezogen.
Der alte Firmensitz wurde zu klein, und die Parkplatzsituation war unbefriedigend: «Also haben wir uns rasch auf die Suche nach einem neuen Standort gemacht.»
In der Ustermer Aussenwacht Wermatswil hat sie im vergangenen Jahr eine geeignete neue Heimat gefunden. In der hellen, zweistöckigen Werkstatt hatte früher Schreiner Thomas Wildling alias «Der Möbelmacher» gearbeitet.

Im November 2024 zog das junge Team um Ann-Christine Ubrich um: «Das war eine riesige Herausforderung – auch finanziell.» Im November und Dezember konnte nur sehr eingeschränkt gearbeitet werden. «Wir mussten viele Kunden vertrösten.»
Mittlerweile haben sich Ubrich und ihre fünf Mitarbeitenden am neuen Ort eingelebt. Die Werkstatt ist heller, die Räume sind grosszügig und nicht derart verwinkelt wie am alten Standort an der Brunnenwiesenstrasse in Uster. «Es ist perfekt hier. Wir sind direkt an der Durchgangsstrasse und dadurch sehr sichtbar. Und wir sind ja nicht einmal aus der Stadt Uster weggezogen, wer ‹Jaggi› und ‹Uster› googelt, findet uns auf Anhieb», freut sich Ann-Christine Ubrich.
Es war ein anstrengender Winter für die junge Firmenchefin, nicht nur wegen des Umzugs. Im Januar legte die gelernte Fachfrau Leder und Textil ihre Meisterprüfung ab. Seit drei Jahren ist sie nun selbständig und sagt rückblickend: «Es war die richtige Entscheidung.»
