«Zum neuen Männerbild gehören heute auch Pflanzen»
Rinaldo Walser hat die Männerpflanze in Wangen-Brüttisellen erfunden, um eine Geschenkidee für seine männlichen Artgenossen zu schaffen. Im Interview wehrt er sich gegen Gender-Kritik und überhöhte Preise.
Herr Walser, wie kam es zur Idee einer Männerpflanze?
Rinaldo Walser: Bei einem Branchenanlass wurde ich informiert, dass die Verkaufszahlen von Blumen stagnieren, aber die der Zimmerpflanzen steigen. Es hiess: «Junge Menschen finden Pflanzen cool.» Auch in den sozialen Medien ist mir aufgefallen, dass immer mehr Influencer oder Musiker ihre Räume mit Pflanzen gestalten.
Aber das meiste, das Fleurop verkauft, ist tendenziell eher feminin und lieblich. Da kam ich auf die Idee für die Männerpflanze, und das hat bei mir ein richtiges Feuer entfacht. Mit der Marke wollten mein Team und ich den Zeitgeist aufgreifen, denn das Männerbild hat sich grundlegend geändert: Heute gehören auch Pflanzen dazu.
Feuer und Flamme fürs Grüne
Rinaldo Walser arbeitet seit 2011 beim Schweizer Blumenversand Fleurop in Wangen bei Dübendorf und ist heute operativer Leiter. Er hat Betriebswirtschaft und Marketing studiert und gründete 2018 die Marke Männerpflanze als Tochterunternehmung von Fleurop.
Die als Geschenkidee gedachten Pflanzen der Marke haben alle einen männlichen Vornamen, eine Geschichte und werden fertig eingetopft und mit Steckbrief geliefert. Verkauft werden die Produkte online oder im Fachhandel in der ganzen Schweiz.
Wie reagierte man intern auf diesen Vorschlag?
Super. Die Leute haben geschmunzelt. Vor allem für die Marketingabteilung ist so ein Projekt natürlich ein Traum.
Was war die überraschendste Reaktion von der Kundschaft?
Grundsätzlich wurde die Idee von den Medien und von der Gesellschaft gut aufgenommen. Überrascht haben mich aber die Hartnäckigkeit und die Aggressivität einiger Menschen, die ein Problem mit der Bezeichnung Männerpflanze haben. Eine Person hat sogar einen Instagram-Kanal dem Kampf gegen die Männerpflanze gewidmet.
Gab es schon mal eine Pflanze, die nicht als Männerpflanze durchging, sondern eher genderneutral sein müsste?
Wir denken mehr in Zielgruppen innerhalb der Männerwelt, nicht in der Geschlechterwelt. Zum Beispiel haben wir eine Pflanze für einen Musiker, eine für einen Sportler, eine für einen Banker …
... und welche ist Ihrer Meinung nach die männlichste Pflanze?
Für mich ist die männlichste Pflanze «Bruce», der grösste und teuerste Säulenkaktus im Sortiment. Ich halte ihn für die Mutter aller Pflanzen. Der Name stammt vom Schauspieler Bruce Willis, und er ist für mich ein harter, kerniger Typ.
Sind Männer wirklich nur für Pflanzen geeignet, die auch ohne Zuwendung und Aufwand klarkommen – oder trauen Sie ihnen einfach nicht mehr zu?
Nein, wir trauen Männern mehr zu. Dass all unsere Pflanzen als pflegeleicht vermarktet werden, liegt vor allem daran, dass sie den Menschen auch langfristig Freude bereiten sollen – und nicht schon nach zwei Monaten in der Wohnung eingehen.
Sie haben stolz erzählt, dass auch Frauen Ihre Pflanzen für sich selbst kaufen. Ist das nicht der Moment, wo Ihr Gender-Marketing sich selbst überholt hat?
Also grundsätzlich werden schätzungsweise 90 Prozent unserer Pflanzen an Männer verschenkt. Aber zu dieser Frage habe ich zwei Anekdoten. Die erste stammt von einer Frau, die mir erzählt hat, dass sie mehrere Männerpflanzen für ihr Büro gekauft hat. Sie hat gesagt: «Wir sind nur Frauen im Büro, da brauchen wir auch ein paar Jungs!»
Eine andere Frau hat mir erzählt, dass sie ihrer Single-Freundin, die auf ältere Männer steht, eine Männerpflanze geschenkt hat. Spezifisch war das die silberne Efeutute «Richard», die von Schauspieler Richard Gere inspiriert wurde. Und «Richard» steht für alle Männer, die schöner wurden mit dem Alter.
Ich will damit sagen: Wenn unsere Marketingidee ein bisschen aufgeweicht wird, stört uns das nicht. Der Einsatzzweck der Männerpflanze ist völlig offen.
Warum bekommen Ihre Pflanzen Namen wie «Bruce» oder «Frankie»? Soll das Nähe erzeugen – so à la: Das ist mein Mitbewohner, nicht nur ein Blumentopf?
Pflanzen mit einem Namen und einer Story verkaufen sich besser. In dem Bereich haben wir bei Fleurop viel Erfahrung. So haben beispielsweise auch unsere Blumensträusse Namen wie «Smiley» oder «Little Sunshine». Dadurch emotionalisiert man das Produkt.
Wenn ich Ihnen sage, diese Pflanze heisst Beaucarnea, dann können Sie wenig damit anfangen. Wenn Sie aber den Namen «George» hören und erfahren, dass diese Pflanze für Stärke und Durchhaltevermögen steht, können Sie sich viel besser damit identifizieren. Immer wieder kommen Kollegen zu mir und sagen: «Meinem ‹Mike› gehts immer noch gut» oder «‹Anthony› ist immer noch perfekt».
Verglichen mit anderen Händlern sind Ihre Preise zum Teil sehr hoch. Eine Elefantenfuss-Pflanze mit einem etwa 20 Zentimeter grossen Topf kostet bei Bauhaus 25 Franken, bei Ihnen 89 Franken. Handelt es sich beim Preisaufschlag um die umgekehrte Pink Tax?
Der höhere Preis liegt am Aufwand, der in einer Pflanze steckt. Wir liefern fertig eingetopft in einem schönen Topf und mit einer passenden Story auf der Website. Zudem achten wir auf hochwertige Produkte von guten Lieferanten. Dazu kommen unser Lieferservice, der Kundendienst und die dazugehörende Karte mit einer Pflegeanleitung.
Ausserdem kaufen wir nicht in der Masse ein, wie das ein Grosshändler tut. Und wir verkaufen nicht direkt, sondern über Fachhändler, was den Preis erhöht.
Der Slogan «Wo Mann mitwächst» klingt nach Persönlichkeitsentwicklung. Was soll «Mann» von seiner Pflanze lernen?
Wir reiten nicht zu sehr auf diesem Motto herum. Aber wer eine Pflanze pflegt, lernt, auf ein Lebewesen achtzugeben und es zu unterhalten. Das ist wie eine Freundschaft, Mann wie Pflanze profitieren davon.
Haben Sie selbst Pflanzen daheim?
Ja.
Ausschliesslich Männerpflanzen oder auch ein paar ohne Bart und Charakterbeschreibung?
Ich habe beides. Viele habe ich nicht selbst gekauft – lustigerweise bekomme ich Pflanzen immer mal wieder geschenkt, zum Beispiel von meinen Kindern.