Ex-Profi will Bike-Begeisterten in Hinwil eine Heimat bieten
Neues Velocafé
15 Jahre lang war Konny Looser als Mountainbike-Profi auf der ganzen Welt unterwegs. Jetzt hat er in Hinwil sein Velocafé Konny’s eröffnet.
Er ist kein gelernter Velomechaniker und auch kein Barista. Und als Geschäftsmann kann man Konny Looser wohl auch nicht bezeichnen. Für seine neu gegründete Firma existiert weder ein Businessplan noch ein Budget.
Konny Looser erfüllt sich gerade einen Traum, da sind Zahlen eher nebensächlich: Seit dem 5. Juli betreibt der ehemalige Mountainbike-Profi in Hinwil eine kleine Fahrradwerkstatt mit integrierter Kaffeebar. Die Eröffnung von «Konny’s» erfolgte pünktlich zum Start der Tour de France.
Auf einem grossen Flachbildschirm konnten die Radsportfans die erste Etappe mit Start und Ziel in Lille verfolgen und bei Softdrinks, Kaffee und Kuchen fachsimpeln. Alkohol schenkt der Neo-Beizer nicht aus: «Meine Zielgruppe sind Radfahrerinnen und Radfahrer, also sportliche Leute. Bier und Zigaretten passen nicht dazu.»
Mit der Eröffnung zeigt sich Looser sehr zufrieden: «Ich habe sie bewusst als Soft-Opening lanciert. So wurde ich nicht überrannt und konnte mit fast allen Gästen etwas plaudern.» Das neue Projekt hatte er zuvor auf Social Media beworben. Auf Instagram folgen dem früheren Mountainbike-Profi immerhin 11’000 Leute.
Ein Ort für Gleichgesinnte
Auf die Idee für sein Velocafé kam Looser auf seinen Reisen als langjähriger MTB-Profi. Im Gespräch schwärmt er von Lokalen in Girona (Spanien) oder Stellenbosch (Südafrika): «Man konnte am Morgen um 8 Uhr mit dem Velo hinfahren, um einen Kaffee zu trinken, und traf immer auf Gleichgesinnte. Genau das möchte ich hier ebenfalls schaffen: einen Treffpunkt für Fahrradbegeisterte.»
Dieses «Hier» ist ein heller, loftartiger Raum in einer Liegenschaft in der Industriezone in Hinwil. Das Haus befindet sich im Besitz der Familie, die hier 1928 ein Dachdeckergeschäft gründete. Heute realisiert die Gebrüder Looser AG ganze Bauprojekte. Geführt wird das Familienunternehmen von Tim und Jan Looser, den beiden Brüdern von Konny.




Konny Looser ist gelernter Dachdecker und hat in der Nebensaison regelmässig im Betrieb mitgearbeitet. Als Spezialist für Langstreckenrennen wie das Cape Epic in Südafrika oder das Desert Dash in Namibia konnte er vom Sport zwar leben, mehr aber nicht.
Die Trennung als Auslöser
2024 beendete er seine erfolgreiche Laufbahn, in der er fast jedes bedeutende Langdistanzrennen gewonnen hatte. Geplant war, dass er in Zukunft die Karriere seiner Frau unterstützt. Auch Vera Looser ist eine erfolgreiche Radrennfahrerin. Die deutsch-namibische Doppelbürgerin bestreitet MTB- und Strassenrennen. Doch vor drei Monaten kam der Bruch, für Konny Looser völlig unerwartet: Nach elf Jahren Beziehung und sechs Ehejahren hat sich das Paar getrennt. Die Scheidung folgt.

Für Konny Looser war die Trennung der Auslöser, seinen Traum einer Werkstatt mit Kaffeebar zur Wirklichkeit zu machen: «Solange ich Rennen fuhr, war das unmöglich.»
Seine Werkstatt und das Café hat der gelernte Dachdecker selbst geschreinert und gezimmert. Geld musste er kaum in die Hand nehmen: «Ich habe lediglich Zeit investiert.» Während zweier Monate baute er den früheren Lagerraum um. Das Projekt war auch eine Art Therapie für den 36-Jährigen: «Es half mir, die Trennung zu verarbeiten. Sonst wäre mir die Decke auf den Kopf gefallen.»
Die Schweizer Velobranche befindet sich in einer veritablen Krise: Und hier trifft es ausgerechnet das Flaggschiff Mountainbike besonders hart. 2020 – während der Corona-Pandemie – wurden in der Schweiz 197’000 Mountainbikes und E-MTB verkauft. Seither sanken die Zahlen auf noch 114’000 im Jahr 2024. Insgesamt zählt der Branchenverband Velosuisse im vergangenen Jahr 341’000 verkaufte Fahrräder, so wenige wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Zuletzt sorgte das Ende der Migros-Tochter Bike World für Schlagzeilen. Und ausgerechnet in diesem Umfeld will Konny Looser mit einem Bikeshop in Hinwil Fuss fassen? «Ich verkaufe eigentlich keine Fahrräder», stellt er klar. Daher sei er von den Verwerfungen auf dem Markt und dem Überangebot an Fahrrädern auch nicht betroffen. «Und ich konkurrenziere niemanden.»
Das Wort «eigentlich» impliziert Ausnahmen. Bei Konny Looser sind es zwei: Er vertritt in Hinwil die Marken Stoll aus Beringen SH und Onguza aus Namibia. Stoll konstruiert und produziert massgeschneiderte Rennräder und Mountainbikes, Onguza steht für äusserst robuste Gravelbikes; das sind Fahrräder, die Elemente von MTB und Rennvelos kombinieren und für Schotter- und Waldwege geeignet sind.
Mit beiden Marken ist Looser emotional verbunden: Mit einem Stoll-MTB gewann er 2022 die Schweizer Meisterschaft im Marathon. Und Namibia war in den letzten Jahren zu einer Art zweiter Heimat geworden.
(sco)
Das Resultat kann sich sehen lassen: Neben der rustikalen Bar und der Werkstatt hat Looser eine Galerie mit einem Raum als Co-Working-Space eingerichtet. Zudem plant er, sein Geschäft mit Veloreisen auf- und auszubauen. Im vergangenen Winter radelte er mit einer Gruppe von elf Hobbyfahrern eine Woche durch Namibia. «Das würde ich gerne jeweils im Winterhalbjahr auf vier bis sechs Wochen ausbauen.»
Ein weiteres Standbein will er mit Gruppenausfahrten und Firmenevents schaffen – mit Start und Ziel an der Fabrikstrasse 3 in Hinwil.
Von Montag bis Mittwoch arbeitet Konny Looser wie zuletzt als Dachdecker im Familienbetrieb, von Donnerstag bis Samstag ist er ab nun in seiner neuen Werkstatt und seiner Kaffeebar tätig. Er ist in der privilegierten Lage, einfach mal machen zu können: «Ich gehe das Velocafé erst mal als Hobby an. Wenn ein Geschäft daraus wird, dann ist das wunderbar. Wenn nicht, kann ich auch wieder voll als Dachdecker arbeiten …»
