Im «Ochsen» in Uster geht eine Ära zu Ende
Besitzerwechsel
Der «Ochsen» ist eines der ältesten Restaurants in Uster. Nach mehr als 60 Jahren verlässt die Familie Badertscher das Traditionslokal. Doch es geht weiter.
«Es passt für uns.» Jörg und Urs Badertscher haben den «Ochsen» in Uster verkauft. Seit 1964 war das altehrwürdige Haus am Fuss des Burghügels im Familienbesitz, zuerst als «Metzg und Wirtschaft zum Ochsen». Erworben hatten es damals Walter und Katharina Badertscher-Gantenbein. Sie bauten um und aus, schlossen Anfang der 1970er Jahre die Metzgerei und brachten im ausgebauten Dachstock zusätzliche Hotelzimmer unter.
Heute führen die beiden Söhne das Hotel und das Restaurant: Jörg ist seit 36 Jahren als Küchenchef tätig, sein Bruder Urs, ebenfalls gelernter Koch, hat nach Abschluss an der Hotelfachschule vor 26 Jahren die Leitung von Hotel und Restaurant übernommen.
Bereuter Immobilien AG als neue Besitzerin
Im Juli endet die Ära der Familie Badertscher im «Ochsen». Die Bereuter Immobilien AG hat das Hotel und das Restaurant sowie weitere Nebengebäude gekauft, die sich ebenfalls auf dem Grundstück befinden. Das in der Baubranche tätige Unternehmen führt bereits zwei Business-Hotels in der Region: das «Rubus» in Effretikon und das «Tilia» in Uster. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.


Der «Ochsen» verfügt über 23 Zimmer, 70 Plätze gibt es im Restaurant, dazu kommen weitere 40 im Garten. Die Küche kann man als gutbürgerlich bezeichnen, die Karte ist eher klein, dafür kommt kein Convenience-Food auf den Teller.
«Wunderbar zart – schön knusprig»
Küchenchef Jörg Badertscher hat sein Handwerk in Häusern wie dem «Dolder Grand» in Zürich, dem «Kulm» in St. Moritz oder dem «Casino» in Bern gelernt. Als vor 20 Jahren eine Autorin der «Neuen Zürcher Zeitung» im «Ochsen» einkehrte, schrieb sie über den Klassiker Zürcher Geschnetzeltes: «Das Fleisch ist wunderbar zart und die Rösti schön knusprig – kurz: alles genau, wie es sein muss.»
Was sich seit 2005 geändert hat, ist lediglich der Preis: von damals 37 auf heute 45 Franken.
Doch wieso verkaufen die Brüder, die 56 und 53 Jahre alt sind, ihren Familienbetrieb? Auch das hat, wie so vieles in dieser Geschichte, familiäre Gründe. Die beiden haben zwar Kinder, aber keines davon kommt für die Nachfolge infrage: Die von Jörg sind in den 20ern und haben bereits ihre beruflichen Karrieren abseits vom «Ochsen» eingeschlagen. Jene von Urs sind sechs und neun Jahre alt und noch weit von der Berufswahl entfernt.
«Wenn ich warten würde, bis sie in der Lage sind, den Betrieb zu übernehmen, müsste ich bis weit nach meinem 70. Geburtstag arbeiten», sagt Urs Badertscher. «Ausserdem wäre es nicht fair, ihnen in jungen Jahren nicht nur ein Hotel und ein Restaurant, sondern auch Schulden zu vererben.»
In ihrer mehr als 20-jährigen Zusammenarbeit als Koch und Gastgeber seien sie sich wahrlich nicht immer einig gewesen, sagen Jörg und Urs Badertscher. Im Entscheid, sich vom «Ochsen» zu trennen, allerdings schon.

Bewusst haben sie den Betrieb nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern gezielt nach möglichen Interessenten gesucht. Fündig wurden sie bei Marco Bereuter, dem Verwaltungsratspräsidenten der Bereuter-Gruppe. Die Unternehmensgruppe ist seit 2016 auch im Gastgewerbe tätig.
Der «Ochsen» bleibt Hotel und Restaurant
Bereuter ist in der Region derzeit mit vielen Neubauprojekten beschäftigt. Dazu gehört der im Frühjahr fertiggestellte Neubau Bellis vis-à-vis dem Bahnhof Effretikon mit 44 Wohnungen, Gewerbe- und Büroräumen sowie Business-Apartments. Hier hat die Bereuter Totalunternehmung AG seither ihre Administration. Auch ein paar Meter weiter im früheren EWP-Bürogebäude an der Rikonerstrasse 4 wird sie Wohnungen und Gewerbeflächen erstellen.
Und erst vor einigen Wochen wurde bekannt, dass Bereuter das Neubauprojekt der Alterssiedlung Gupfen in Unterillnau von der Genossenschaft Sonnenbühl übernommen hat. Wird auch der zentral in Uster gelegene «Ochsen» einem Neubau weichen?

«Wir haben kein Interesse, das Haus abzureissen oder umzunutzen», verspricht Marco Bereuter. «Das können wir gar nicht, da die Fassade unter Schutz steht. Wir werden den ‹Ochsen› als Hotel und Restaurant weiterführen.» Der Hotelbetrieb wird an denjenigen von «Tilia» und «Rubus» unter Geschäftsführer Fabian Brändli angegliedert, für das Restaurant sucht Bereuter nach einem Pächter.
Doch die Parzelle umfasst noch alte Nebengebäude, die sich hinter dem Hotel und dem angrenzenden Kino befinden. Diese wird Bereuter abreissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen: «Die Lage ist zentral und ruhig, das ist ideal für Wohnungen. Wir sind daran, ein Projekt zu entwickeln.»
Gespräche weit fortgeschritten
Mit potenziellen Pächtern für das Restaurant sei er bereits in fortgeschrittenen Gesprächen, sagt der Bauunternehmer. «Gutbürgerlich» soll die Küche sein, wie bisher. «Keine Pizzeria», steht im Inserat, mit dem Bereuter das Lokal ausgeschrieben hatte: «Die Küche ist klein. Wir hätten gar nicht den Platz, um einen Pizzaofen einzubauen. Zudem gibt es schon genug Pizzerien in Uster.»
Ende Juli erfolgt die Schlüsselübergabe für das Hotel, das Restaurant werden die Brüder Badertscher wohl schon etwas früher schliessen, wann genau, ist noch offen. Den sieben Mitarbeitenden haben sie vorsorglich gekündigt. Auch sie selbst werden sich neue Jobs suchen.
Noch bleiben ein paar Wochen Zeit, sich von den Gästen zu verabschieden. Darunter sind nicht wenige, deren Familiengeschichte ebenfalls mit dem Familienbetrieb verbunden ist: Nach Taufen und Konfirmationen, an Hochzeiten oder zu Leidmahlen ging man in den «Ochsen».
«Viele Gäste verstehen unsere Beweggründe», sagt Urs Badertscher. «Aber natürlich sind sie auch enttäuscht.» Alles andere wäre seltsam.
