Gefahr Online-Betrug – wie ein Oberländer 60’000 Franken verlor
Cyberkriminalität
Das Internet ist ein weites Feld für Betrüger aller Art. Und niemand ist davor sicher. Drei Beispiele aus dem Zürcher Oberland zeigen, wie schnell es gehen kann.
Jede Woche gehen beim Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) in Bern zwischen 1300 und 1700 Meldungen zu kriminellen Aktivitäten im Internet ein. Die Tendenz ist steigend. 90 Prozent der Straftaten im digitalen Raum fallen in den Bereich der Cyber-Wirtschaftskriminalität.
«Das Thema betrifft uns alle – ob jung oder alt», sagt Renato Peterhans, Leiter Verkauf und Mitglied der Geschäftsleitung der Bank BSU in Uster. Die Genossenschaftsbank hatte im März einen Informationsanlass zum Thema Cyberkriminalität organisiert und war förmlich überrannt worden.
In einem zweiten Anlass im Ustermer Stadthofsaal konnte sie Ende Mai erneut rund 230 Gäste begrüssen. Marcel Graf, Präventionsspezialist bei der Kantonspolizei Zürich, informierte und sensibilisierte über die verschiedenen Arten von digitalisierter Kriminalität und Cybercrime.

Digitalisierte Kriminalität ist ein Wachstumsmarkt. Und die Kriminellen sind weltweit tätig, auch bei uns im Zürcher Oberland, wie drei aktuelle Beispiele zeigen: Einmal gingen nur 200 Franken verloren, einmal waren es rund 6000 Euro, die um ein Haar in die Hände eines Betrügers flossen, und ein Opfer verlor 60’000 Franken an Online-Gauner irgendwo im Ausland.
Die Kassierin: 6000 Euro
«CEO-Fraud» nennt sich die Betrugsmasche, mit der Edith Bär* geködert wurde. Die ehrenamtliche Kassierin eines Sportvereins erhielt eine vermeintliche E-Mail ihres Klubpräsidenten mit der Bitte, eine Vorauszahlung von rund 6000 Euro auf ein Konto im Ausland zu überweisen. Man wolle mit dem Geld Trainingsgeräte kaufen. Und: Die Sache sei dringend.
«Was erstaunlich war: Wir wollten zu jenem Zeitpunkt tatsächlich neue Geräte anschaffen», erinnert sich Edith Bär. «Die E-Mail-Adresse stimmte bis auf die Endung mit jener des Präsidenten überein, und auch der Tonfall in der E-Mail stimmte.» Von der Anrede «Liebe Edith» bis zum Abschiedsgruss auf Mundart.
Da Edith Bär unterwegs war, als die vermeintlich präsidiale E-Mail eintraf, schrieb sie zurück, dass sie die Zahlung am Folgetag vornehmen würde: «Ich wusste, dass die Bank BSU Zahlungen, die bis Mittag gemacht werden, noch am selben Tag auslöst.» Es gingen an jenem Nachmittag noch drei oder vier E-Mails zwischen dem Betrüger und der Kassierin hin und her, ohne dass diese Verdacht schöpfte: «Alles, was geschrieben wurde, ergab einen Sinn.»
Tags darauf beauftragte sie die Bank, die rund 6000 Euro zu überweisen. «Ich hatte ein eigenartiges Gefühl dabei. Es war nicht der richtige Ablauf. Schliesslich diskutiert man grössere Anschaffungen vorgängig im Vorstand», sagt Bär. «Aber ich wollte auch nicht der Flaschenhals sein, der Dinge unnötig verzögert. Ich wollte es gut machen.»
Erst nach der Transaktion rief sie den Präsidenten an, den vermeintlichen Absender der E-Mails. «Ich habe dir in den letzten Tagen nie geschrieben», lautete seine Antwort.
Jetzt reagierte sie schnell, informierte die Bank und die Polizei. Die Spur führte zu einem privaten Router in Deutschland, nicht aber zum Betrüger selbst. Die IP-Adresse des Kriminellen war nicht zu eruieren.
Bei der Bank BSU hatten derweil bereits die Alarmglocken geklingelt. Das Geld war für weitere Abklärungen auf einem Durchlaufkonto hängen geblieben und somit noch nicht überwiesen worden. Also meldete sich der Betrüger wieder bei der Kassierin: Das Geld sei nicht eingetroffen. «Jetzt wurde es spannend. Auf Anweisung der Polizei tauschte ich noch einige E-Mails mit dem Gauner aus.» Irgendwann schrieb dieser nicht mehr zurück.
Der Betrug konnte verhindert werden, das bereits vom Vereinskonto abgebuchte Geld überwies die Bank zurück auf das Konto. Der Vorfall beschäftigt Edith Bär trotz dem glücklichen Ausgang bis heute: «Man fühlt sich blöd und schämt sich.»
Der Anleger: 60’000 Franken
Konrad Gerber* ist Rentner und sehr an Wirtschaftsthemen interessiert: «Ich wollte nebenher mit Börsengeschäften etwas Geld verdienen und suchte im Netz nach einer geeigneten Trading-Plattform.»
Rasch wurde er fündig: eine Trading-Website, angeblich gegründet von einem Schweizer, der auch als CEO auf der Site firmiert. «Alles wirkte sehr seriös.» Sogar das Matterhorn war (und ist immer noch) darauf abgebildet.
Gerber registrierte sich, zahlte 200 Franken ein und erhielt wenig später den Anruf eines Mitarbeiters. Max nannte sich der Mann, der nach eigenen Angaben in Amsterdam tätig war. «Er war sehr freundlich und hilfsbereit, lotste mich durch die Website und gab mir auch immer wieder Anlagetipps, wo ich mein Geld am besten investieren kann.»
Gerber investierte in kurzfristige Anlagen: Er kaufte und verkaufte Gold, Aktien und Indizes. Und er schien ein gutes Händchen zu haben. Rasch warf das investierte Geld schöne Profite ab. Und Max kümmerte sich um seinen Klienten: «Wir hatten praktisch jeden zweiten Tag Kontakt, per Telefon oder auch per WhatsApp. Manchmal sprachen wir auch über Privates, ich hatte wirklich Vertrauen gefasst.»
Nach einem halben Jahr wollte Gerber einen Teil des Gewinns zu Geld machen und von seinem Konto auf der Plattform abziehen. Nun begannen die Schwierigkeiten. Auszahlen liessen sich die Gewinne nur über eine weitere Plattform und in Bitcoin. Für die Kosten der Transaktion musste er einen Vorschuss leisten. «Aber es wollte einfach nicht klappen, das Geld von der einen Plattform auf die andere zu transferieren.»
Irgendwann sei es eskaliert, erzählt der Rentner: «Hier wollte er noch 8000 Franken, dort nochmals 4000.» Ohne dass auch nur ein Rappen zurückfloss. «Da wurde mir endgültig klar, dass hier etwas ganz faul war.»
Der freundliche Max aus Amsterdam war auch plötzlich nicht mehr zu erreichen und antwortete weder auf Anrufe noch auf E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten.
Gerber ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Die Nachrichten hatte er allesamt protokolliert. «Die Polizisten waren sehr hilfsbereit und nett, aber wirklich helfen konnten sie mir bislang nicht.» Statt eines Gewinns von 200’000 Franken, den sein Konto auf der Plattform ausgewiesen hatte, verlor der Oberländer innert eines halben Jahrs satte 60'000 Franken.
Als er ausstieg, meldete sich dann doch noch jemand: «Ein Mann rief mich an. Er sei Anwalt und könne mir helfen, mein Geld zurückzubekommen. Natürlich wollte er einen Vorschuss …»
Das verlorene Geld bringe ihn finanziell glücklicherweise nicht in die Bredouille, sagt Konrad Gerber rückblickend: «Aber es ist ein sehr teurer Lehrblätz.»
Die Plattform traders-trust.com, die Gerber viel Geld kostete, wird mittlerweile auf cybercrimepolice.ch als verdächtig aufgeführt. Auf der Website informieren der Bund und die Kantonspolizei verschiedener Kantone über Internetbetrug und geben Tipps zur Prävention.
Der Unternehmer: 200 Franken
Glimpflich davongekommen ist Leo Meier*, ein Oberländer Unternehmer, der ebenfalls im Netz nach einer Möglichkeit suchte, ins Trading einzusteigen. Auch er stiess auf eine vermeintlich seriöse Website: «Es gab gute Bewertungen auf Reddit und Coininsider.» Später sollte sich herausstellen, dass auch diese Bewertungen ein Fake waren.
Überzeugt von den Bewertungen im Netz, meldete sich Meier auf der Plattform an und wurde sogleich kontaktiert. Via Banküberweisung zahlte er 200 Franken ein. Der Kontakt erfolgte via Schweizer Telefonnummer, die WhatsApp-Nachrichten hatten jeweils eine Vorwahl aus Deutschland. «Die Schweizer Telefonnummern änderten ständig. Ich nehme an, dass auch die gefälscht waren.»
Er sei rasch stutzig geworden, erzählt Meier. Misstrauisch gemacht habe ihn nicht zuletzt der Versuch der Berater, das System per geteiltem Bildschirm zu erklären. «Ich vermute, dass das dazu dienen sollte, Malware zu installieren.» Malware ist ein Sammelbegriff für jede Art von schädlicher Software, die auf fremden Rechnern installiert wird. Sie wird von Cyberkriminellen genutzt, um Daten zu stehlen und finanzielle Gewinne zu erzielen. Oft wird sogenannte Ransomware eingesetzt, um Kontrolle über fremde Computersysteme zu erlangen, Daten zu verschlüsseln und Lösegeld zu erpressen.
Leo Meier stieg rechtzeitig aus und meldete den Betrug bei der Polizei. Die 200 Franken waren zwar verloren. «Aber mit diesem Schaden kann ich gut leben.»
Das sagt der Experte: «Im Internet kann alles gefälscht sein»
Zurück zum Anlass der Bank BSU in Uster. Dort vermittelte Kantonspolizist Marcel Graf in einfachen Worten und mit anschaulichen Beispielen einige Grundregeln, die das Risiko markant verringern, Opfer von Cyberkriminellen zu werden: nie unter Zeitdruck handeln, immer den Absender überprüfen, niemals Passwörter oder Bankdaten preisgeben und Online-Shops stets überprüfen. Jeder Webshop kann eine Fälschung sein.
Unterschieden wird zwischen digitalisierter Kriminalität und Cybercrime. Während unter Cybercrime Angriffe auf Computersysteme zusammengefasst werden, umfasst die digitalisierte Kriminalität «klassische» Delikte mithilfe moderner Kommunikationsmittel. Graf nannte fünf Formen dieser Delikte:
«Romance Scam» oder Liebesbetrug hat seit der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen stark zugenommen. Dabei werden gefälschte Profile auf Social Media und Internet-Partnerbörsen erstellt. Graf nannte als Beispiel den «gutaussehenden norwegischen Arzt», der dummerweise finanziell gerade etwas in der Klemme steckt.
Phishing und Smishing bezeichnen betrügerische E-Mails und SMS- oder WhatsApp-Nachrichten. Der Klassiker hier ist die E-Mail mit der offenen Swisscom-Rechnung, täuschend echt und dank künstlicher Intelligenz (KI) auch nicht mehr in holprigem Deutsch. Graf: «Überprüfen Sie immer die E-Mail-Adresse!»
CEO-Fraud ist eine Betrugsmasche, bei der Vertreter von Firmen oder anderen Organisationen unter Verwendung falscher Identitäten zur Überweisung von Geld manipuliert werden. Das kann per E-Mail geschehen wie in unserem Beispiel, oder es werden auch schon KI-generierte Sprachaufnahmen verwendet.
Kleinanzeigenbetrug kommt täglich häufig vor. Die gängigen Portale wie ricardo.ch oder tutti.ch verfügten zwar über Kontrollmechanismen, «aber es kann immer einmal etwas durchrutschen», sagt Graf. Auch hier gilt: Hirn einschalten. Kann ein neuer Mercedes für 20’000 Franken oder eine 3-Zimmer-Wohnung im Zürcher Seefeld für 1500 Franken realistisch sein?
Beim Online-Anlagebetrug bringen Betrüger ihre Opfer dazu, in vermeintlich sichere und hochprofitable Anlagen zu investieren. Marcel Graf: «Schnelles Geld ohne Verlustrisiko ist eine Illusion.»
Im zweiten Teil seines rund einstündigen Vortrags ging der Präventionsspezialist auf Telefonbetrügereien ein – vom Enkeltrick bis zum Schockanruf. Solche Delikte bedeuten oft nicht nur den Verlust von viel Geld, sondern auch Scham bei den Betroffenen. «Oft denkt man sich: Wie kann so etwas passieren? Ich sage Ihnen: Es kann passieren. Aber auch hier gilt: Nicht das Opfer ist schuld, sondern der Täter.»

Auf die Frage aus dem Publikum, wieso die Banken nicht stärker eingreifen würden, wenn eine Kundin oder ein Kunde am Schalter stehe und plötzlich 30’000 Franken vom Konto abhebe, appellierte BSU-Banker Renato Peterhans an die Kundschaft selbst: «Es ist eine Gratwanderung. Wir wollen Sie nicht bevormunden. Wir können nur eingreifen, wenn Sie uns die Wahrheit sagen.»
Und auch dann sei dieses Eingreifen nicht immer von Erfolg gekrönt: «Wir konnten einen Kunden nicht davon abhalten, 20’000 Franken an seine grosse Liebe in den Kongo zu überweisen …»
* Namen der Redaktion bekannt.