Wetziker Stadtrat schreibt Buch über Unternehmensführung
Interview mit Stefan Lenz
Stefan Lenz ist nicht nur FDP-Stadtrat von Wetzikon, sondern auch Unternehmensberater. Mit drei Mitherausgebern hat er ein Buch über moderne Führung verfasst.
Herr Lenz, was haben Sie gegen Hierarchien?
Stefan Lenz, Managing-Partner der Unternehmensberatung 360excellence AG: Ich habe nichts gegen Hierarchien! Die braucht es, weil sie Ordnung und Struktur geben, was notwendig ist. Im heutigen Arbeitsumfeld sind die Hierarchien oft flach, aber letztlich beantwortet die Hierarchie die Frage, wer die Verantwortung trägt. Dort ist zumindest die rechtliche Seite klar: die Unternehmensleitung.
Sie haben ein Buch über Selbstorganisation herausgegeben. Bei dieser Art der Führung wird auf Hierarchien weitgehend verzichtet. Kurz umrissen: Was muss ich mir unter Selbstorganisation vorstellen?
Es ist eine Organisationsform, in der Teams mit unterschiedlichen Schwerpunkten synchronisiert auf ein Ziel arbeiten. Es ist eine moderne Form der Führung und ein sehr facettenreiches Thema. Selbstorganisation ist oft mit Agilität gekoppelt und eine herausfordernde Form für die Arbeit, sowohl für Arbeitnehmende wie auch für Arbeitgeber. Genau darum haben wir auch 18 unterschiedliche Beiträge im Buch «Selbstorganisation macht Sinn» integriert.
Selbstorganisation ist eine Organisationsform, bei der zahlreiche Führungsaufgaben ins Team integriert werden. Es können ganze Unternehmen oder nur einzelne Teams oder Projekte in einer Selbstorganisation arbeiten.
Mitarbeitende führen sich selbst auf Basis von vereinbarten Regeln und im Rahmen von Leitplanken. Sie strukturieren ihren Arbeitsalltag, tragen Verantwortung für den Arbeitsfortschritt und haben eine möglichst hohe Entscheidungsfreiheit. Die Hierarchien sind flach, es gibt weniger Anweisungen von oben als in klassischen hierarchischen Strukturen.
Wichtig sind aber die regelmässige Abstimmung des Stands der Arbeiten («Daily Stand-up») und die Aussprache zur Würdigung und Verbesserung der Arbeitsweise im Team («Retrospektive»).
Selbstorganisation soll eine schnellere Anpassung an neue Herausforderungen und Veränderungen ermöglichen. Die individuellen Stärken und Kompetenzen der Mitarbeiter werden genutzt, um Aufgaben zu erledigen – oft über Teamgrenzen hinweg. (zo)
Was war der Auslöser für dieses Buch?
Meine drei Mitherausgeber und ich wollten unsere Erfahrungen aus der langjährigen Unternehmensberatung teilen. Wir sehen viele Firmen, die in eine solche Organisationsform förmlich hineinstolpern und sich nicht bewusst sind, was es dazu braucht. Das führt zu Misserfolgen und gescheiterten Projekten. Am Ende bleiben Frustrationen und Enttäuschungen, die sich auf die mentale Gesundheit aller Beteiligten auswirken. Das kann bis zu Burn-outs führen.
Im Buch liest man von gemeinsamen Visionen und Zielen oder auch viel von Eigenverantwortung. Das klingt nach einer anspruchsvollen Führungsaufgabe.
Anspruchsvoll, aber zeitgemäss. Gerade die jüngere Generation fordert das heute ein. Sie will selbständiger arbeiten, sie will mehr Kompetenzen haben und autonomer sein. Entscheidungen sollen dezentral gefällt werden. Das hat auch zur Konsequenz, dass es mit der Selbstorganisation in der typischen Ausprägung weniger Chefinnen oder Chefs braucht. Ich denke hier vor allem an das mittlere Management, das die Hierarchie hinauf und hinunter rapportiert. Mit einer funktionierenden Selbstorganisation kann man also mit gleich vielen personellen Ressourcen mehr leisten und die Produktivität steigern. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit über Generationen und Hierarchiestufen hinweg.
Ich nehme an, Sie werden mit diesem Buch nicht reich …?
Man wird nicht reich im Sinne von Geld. Man wird reich an Erfahrungen und Praxiseinblicken. Wir haben viel dazugelernt bei der Arbeit an diesem Buch, gerade was die Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Praxis bedingt. Und nicht zuletzt war dieses Buch auch ein Projekt der Selbstorganisation. Wir haben mit 23 Autorinnen und Autoren an 18 Beiträgen dezentral gearbeitet, und am Schluss musste ein gutes Resultat her.
Unter den Autoren ist unter anderen der Wetziker Unternehmer Andreas Wolfensberger vom DT Druck-Team. Nach welchen Kriterien haben Sie die Autoren ausgewählt?
Wir suchten ein möglichst breites Spektrum an unterschiedlichen Firmen und wollten auch Unterschiede im Bedarf an Selbstorganisation aufzeigen. Eine Druckerei funktioniert anders als eine Versicherung, ein Unternehmen für Software-Entwicklung oder eine öffentliche Verwaltung.
Ist jede und jeder Mitarbeitende für diese Art des Arbeitens geeignet?
Nein, und es braucht sie auch nicht überall. Um ein Beispiel zu machen: Wenn ich eine Buchhaltungsabteilung habe, bin ich froh, wenn sie nicht selbst organisiert arbeitet. Die soll ihr Geschäft korrekt abwickeln und sich nicht täglich die Sinnfrage stellen. Selbstorganisation ist in der Regel an kreative Prozesse gekoppelt: in der Produktentwicklung, in der Projektarbeit oder im Marketing. Also in Disziplinen, in denen Neues geschaffen wird. Hier ist die Sinnvermittlung ein wichtiger Aspekt.
Und was ist, wenn ich mich als Arbeitnehmer nicht mit dem Unternehmen identifizieren, sondern einfach meinen Job machen will?
Das ist eine Führungsaufgabe. Wenn der oder die Vorgesetzte merkt, dass Sie weniger Freiraum, sondern eine klare Ansage brauchen, dann soll das auch möglich sein. Aber das hat dann mit Selbstorganisation nicht mehr viel zu tun.
Selbstorganisation macht Sinn – Ein Leitfaden zu zeitgemässer Zusammenarbeit in KMU / Herausgeber: Adrian Dätwyler, Andreas Enz, Stefan Lenz, Markus Sulzberger / Versus-Verlag, Zürich