Mehr als doppelt so viele Ladesäulen wie vor vier Jahren
Elektromobilität im Oberland
Der Ausbau der öffentlichen Ladestationen für Elektrofahrzeuge schreitet zügig voran. Auch in der Region. Beim Kanton spricht man von einem Erfolg.
Der Verkehr verursacht im Kanton Zürich 39 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Damit steht er in krassem Gegensatz zu den Klimazielen des Kantons. Der will 2040, spätestens aber 2050 unter dem Strich keine Treibhausgase mehr freisetzen. So steht es in der «Langfristigen Klimastrategie», den der Regierungsrat im Januar 2022 veröffentlicht hat.
«Alternative Antriebe» bedeuten im motorisierten Individualverkehr nichts anderes als Elektrofahrzeuge. Bis Ende 2025 sollen laut Bund 50 Prozent aller neu zugelassenen Autos sogenannte «Steckerfahrzeuge» sein. Als Steckerfahrzeuge bezeichnet man rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge und auch sogenannte Plug-in-Hybride. Diese verfügen neben dem Verbrennungsmotor auch über einen Elektroantrieb und können an der Steckdose aufgeladen werden – im Gegensatz zu den herkömmlichen Hybrid-Fahrzeugen, die Bremsenergie zurückgewinnen und damit die Batterie laden.
Rund 200’000 reine Elektrofahrzeuge in der Schweiz
Von diesen angestrebten 50 Prozent sind wir noch sehr weit entfernt. 2024 betrug der Anteil Steckerfahrzeuge bei den Neuimmatrikulationen in der ganzen Schweiz 27,6 Prozent. 19 Prozent sind rein elektrische Personenwagen, dazu kommen 8,6 Prozent Plug-in-Hybride. Insgesamt waren Ende 2024 in der Schweiz 203’000 reine Elektrofahrzeuge und 100’000 Plug-in-Hybride zugelassen. Das entspricht einem Marktanteil von 6,3 Prozent.
Für die Autobranche ist das ein Problem: Wenn sie die Zielwerte des Bunds hinsichtlich der CO2-Emissionen verfehlen, drohen den Importeuren hohe Bussen. Es geht um Strafzahlungen bis zu einer halben Milliarde Franken stehen im Raum.
>> Wie gehen die Garagisten mit der Umstellung auf Elektromobilität um?
Entsprechend schrill reagiert die Autolobby: Die Fachleute im Departement von Verkehrsminister Albert Rösti (SVP), welche die entsprechende Verordnung aufgegleist hatten, seien eine «Berner Bubble weitab von jeder Realität». Das sagte Peter Grünenfelder vor zwei Wochen im Interview mit «Blick». Grünenfelder ist Direktor des Autoimporteurverbands Auto Schweiz, jener Organisation also, der Albert Rösti bis zu seiner Wahl in den Bundesrat vor gut zwei Jahren als Präsident vorstand.
Ein Land der Mieterinnen und Mieter
Als Hauptgrund, wieso sich Herr und Frau Schweizer noch immer schwertun mit der Elektromobilität, gilt die Ladeinfrastruktur. In einem Land der Mieterinnen und Mieter ist es vielen Autobesitzern nicht möglich, ihr Fahrzeug über Nacht daheim zu laden. Entsprechend wichtig sind öffentliche Ladestationen.
Und dazu liegen nun erstmals Daten zu den Bezirken Uster, Pfäffikon und Hinwil vor. Sie zeigen: Seit 2021 ist die Anzahl Ladesäulen in der Region um 150 Prozent gewachsen. In absoluten Zahlen ist dies eine Steigerung von 146 öffentlichen Ladestationen im Jahr 2021 auf 366 Ende des vergangenen Jahrs.
Die Zahlenreihe stammt aus Daten des Bundesamts für Energie (BFE). Diese wird seit 2021 geführt und basiert auf den Angaben der Betreiber solcher Ladestationen. Zahlen für 2024 stehen nicht zur Verfügung. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht. Eine Ladesäule kann mehrere Stecker umfassen, also mehr als ein Fahrzeug gleichzeitig laden.
«Die Entwicklung im Zürcher Oberland kann als repräsentativ für den gesamten Kanton betrachtet werden», sagt Manuel Fuchs vom kantonalen Amt für Mobilität. Insgesamt habe sich die Anzahl Ladesäulen im Kanton in den vergangenen vier Jahren ungefähr verdreifacht, aber «der Ausbau fand überproportional im urbanen Raum statt».
Das belegt ein Blick nach Zürich und Winterthur. In beiden Grossstädten hat sich die Anzahl Ladestationen von 205 auf 865 mehr als vervierfacht. Allein in Zürich existieren mit 685 öffentlich zugänglichen Ladesäulen mehr als doppelt so viele wie im Oberland. Insgesamt 2299 sind es im ganzen Kanton (Stand: März 2025).
Volketswil mit 49 und Uster mit 44 öffentlichen Ladestationen sind die Spitzenreiter im Oberland, gefolgt vom kleinen Lindau mit 28 Ladesäulen. Was auf den ersten Blick erstaunt, wird auf den zweiten Blick logisch: Auf Lindauer Boden liegt die Autobahnraststätte Kemptthal an der A1, wo sich Ladestationen von mehreren Anbietern befinden.
Die Lücken in der E-Landschaft
Nach wie vor gibt es auch weisse Flecken auf der E-Landkarte. So findet sich in den Daten des Bundesamts für Energie (BFE) beispielsweise in Grüningen, Hittnau oder auch Weisslingen keine einzige öffentliche Ladestation. Der Ladebedarf variiere je nach Struktur und Lage einer Gemeinde, erklärt Manuel Fuchs und verweist auf Szenarien des Bunds.
Für solche ländlich geprägten Gemeinden geht man in Bern auch in Zukunft von einem geringen Bedarf an öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur aus. «Ein Grund dafür dürfte der hohe Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu einem eigenen Parkplatz sein, was das Laden zu Hause erleichtert», so Fuchs. «Ein übermässiger Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur ohne tatsächlichen Bedarf bringt der E-Mobilität wenig. Entscheidend ist ein gezielter, am Bedarf orientierter Ausbau.»
Man könnte es auch so sagen: In der «Hüsli-Schweiz» hängt man das E-Fahrzeug an die eigene Wallbox. Öffentliche Ladestationen sind dort entscheidend, wo die Menschen ihre Autos in Tiefgaragen oder der blauen Zone parkieren.
74’000 Parkplätze mit Ladestationen ausgestattet
Der Kanton Zürich lässt sich die angestrebte Klimaneutralität etwas kosten. Vor zwei Jahren startete er auf der Basis der eingangs erwähnten kantonalen Klimastrategie ein Förderprogramm zum Ausbau der Ladeinfrastruktur. «Wir können sagen, dass das aktuelle Förderprogramm erfolgreich ist», sagt Manuel Fuchs und rechnet vor: «Seit dem Start wurden im gesamten Kanton bereits rund 4800 Gesuche für etwa 31 Millionen Franken eingereicht. Damit werden über 74’000 private Parkplätze mit der Infrastruktur fürs elektrische Laden ausgestattet.»
Gefördert werden Ladeinfrastrukturen für Privatpersonen, aber auch Gemeinden, die öffentliche Ladestationen für Anwohnende erstellen wollen, Anbieter von Park+Ride und Firmen, die ihre E-Flotte laden wollen. «Das Ziel der Förderung ist es, Ladeinfrastrukturen dort zu schaffen, wo die Fahrzeuge so oder so parkiert sind», erklärt Manuel Fuchs.

Insbesondere Privatpersonen sollen motiviert werden, sich zu Hause eine Lademöglichkeit zu installieren. «Denn wenn man ausschliesslich auf öffentliche Ladestationen setzt, besteht das Risiko zusätzlicher Fahrten und damit auch unnötiger Kilometer.»
Keine Fördergelder erhalten kommerzielle Anbieter von Ladestationen. Hier stellt sich der Kanton auf den Standpunkt, dass diese auch ohne Förderung rentabel sein können.
Trotz dem Ausbau der Infrastruktur kommt die Elektromobilität in der Schweiz nur zögerlich voran. Unsicherheiten über die Wertentwicklung des Fahrzeugs mischen sich mit der grundsätzlichen Skepsis gegenüber der für viele noch neuen Technologie und der sogenannten Reichweitenangst.
«Beim Autokauf geht man immer noch vom GAU aus – dem grössten anzunehmenden Urlaub», sagt Manuel Fuchs mit einem Augenzwinkern. In Tat und Wahrheit liegt die durchschnittliche Tagesdistanz mit dem Auto laut Bundesamt für Statistik bei rund 18 Kilometern. 80 Prozent der Autofahrten sind kürzer als 20 Kilometer.
Und was wir nicht vergessen dürfen: Auch die Reichweite eines Verbrenners ist beschränkt. Sie wird bestimmt durch den Fahrgast mit der schwächsten Blase ...
