Nach dem «Absturz» folgt für diese Jungbrauer aus Bubikon der Aufstieg
Hopfenhandwerk geht weiter
In Bubikon wird seit sechs Jahren Bier gebraut. Sechs Studenten wollen nun den nächsten Schritt von der Hobby- zur professionellen Brauerei wagen.
43 verschiedene Biere, über 1200 Bewertungen und ein Rating von 3,8 bei möglichen 5 Sternen bei der grössten Bier-Community machen sie zur besten Brauerei im Oberland, gar im Kanton Zürich: Absturzbrew.
Doch mit dem Abstürzen soll es jetzt vorbei sein – zumindest im Namen. Die sechs Köpfe hinter der 2019 in Bubikon gegründeten Brauerei haben sich einen neuen Anstrich gegeben. Das schiefe A im Logo ist zwar geblieben, allerdings ist der Name neu: Another Brewing Company. Noch so eine Brauerei.
Was hat sich geändert bei Valerie, Ueli, Leandro, Tobias, Niklas und Björn, die mit Hobby-Braukits, Gärbottichen aus Plastik und später Landi-Kochtöpfen auf Gaskochern ihre ersten Biere brauten?
Alles neu, nicht alles anders
«Wir stehen an einem ganz anderen Punkt im Leben, wir als Menschen, aber auch als Brauerei. Und wir wollen das Brauen auf einem professionellen Level betreiben, wo der Name nicht mehr passend wäre», sagt Leandro – während er an einem frisch vom Tank gezapften Bier nippt.
Das Abstürzen oder Abschiessen mit ihren Bieren sei auch nie im Fokus gewesen, sondern mehr aus Jux heraus entstanden. Aus Jux wird nun Ernst. «Wir wollen Bier nicht nur für Nerds, sondern für alle brauen», erklärt der 24-jährige Student, der sich zuletzt sogar zum Biersommelier hat ausbilden lassen.
Ihre experimentellen Biere sind keine Massenware. So braucht jede Brauerei für Wachstum mindestens ein Standardbier, das in gewisser Menge Absatz findet. Für die Another Brewing Company ist das, wie könnte es anders ein, einfach ein anderes – Another Beer. Ein süffiges Golden Ale im American Style mit dezenten Hopfen- und Bitternoten.

«Es braucht etwas für all jene, die keine extremen Geschmäcker mögen», sagt Ueli. Der 24-Jährige studiert Lebensmittelwissenschaften und bringt viel Wissen in die Gruppe. Er erklärt auch, warum man mit dem Rebranding, dem Professioneller-Werden, nicht um jeden Preis auch grösser werden will. «Wir zögern mit einem Einstieg in den Detailhandel.» Das aus einem einfachen Grund: der Angst vor Qualitätsverlust. «Im Coop oder Volg steht unser Bier fünf Wochen in der Wärme, ist Licht ausgesetzt. Das hat Einfluss auf die Qualität, die uns sehr wichtig ist.»
Vielmehr sei als nächster Meilenstein der Aufbau eines eigenen Onlineshops geplant.
Kein Geld aus eigener Tasche
Bereits 2023 konnten die ETH-Studierenden einen ersten Meilenstein in ihrer noch jungen Geschichte erreichen. Kurz nachdem sie sich in der Garage und den Kellerräumen des Restaurants Bahnhöfli hatten einmieten können, startete die Crew ein Crowdfunding. Und kam so zu knapp 10’000 Franken. Schulden für den Umbau konnten getilgt werden, und in neue Zutaten sowie professionelleres Equipment konnte investiert werden.
Heute gehören dazu ein zwei Hektoliter grosses Sudhaus und zwei doppelt so grosse Gärtanks. Gebraut werden können so – in der Theorie und je nach Bierstil – auf einmal maximal 800 Liter Bier, was einer Gesamtmenge von 96 Hektolitern pro Jahr entspräche. Zum Vergleich: Bei Chopfab, einer der grössten Brauereien im Kanton, liegt der Ausstoss bei über 100’000 Hektolitern.
Inzwischen stehen in der Garage keine Gerätschaften mehr aus der Anfangszeit. Alle Gewinne werden seit Beginn sofort reinvestiert, in neue Anlagen. Und auch wenn sie selber noch keinen Rappen verdienen, ist der Aufwand mit einem geschätzten 20-Prozent-Pensum doch beachtlich. Aufwand, den die Mittzwanziger nur leisten können, weil sie alle noch mit ihrem Studium beschäftigt sind. Professioneller ja, aber hoch kommerzialisiert? «Nein danke», sagen die Jungs. «Wir wollen nicht bei jedem neuen Bier, das wir brauen, denken: ‹Oh Shit, hoffentlich verkauft sich das auch gut.›»
Bei Bierliebhabern geschätzt und beliebt
Doch was macht die Brauerei aus Bubikon so speziell, dass sie auf Untappd, der App für die gemäss eigenen Angaben grösste Community von Bier-Enthusiasten, als die beste im Kanton gilt?
Einer, der das am besten einschätzen kann, ist Thomas Schneider. Der Zeitungslogistiker ist in der Schweizer Bierszene kein unbeschriebenes Blatt. Wobei vielleicht Flasche oder Dose in diesem Kontext zutreffender wäre.
Denn der 57-Jährige ist ein sogenannter Beer-Hunter, Bier-Jäger. Sein Ziel? Möglichst viele Biere zu entdecken. Seit 1987 ist der in der Szene als «ttt», Thom the Tank, bekannte Bierkenner auf der Jagd, hat schon über 49’000 Biere probiert, gut 35’000 hat er auf Untappd katalogisiert und bewertet. Weltweit hat keiner so viele Schweizer Biere getrunken wie Schneider. Über die Bubiker Brauerei sagt er: «Es handelt sich um ein junges, innovatives Team, das bekannte Bierstile braut, sich aber auch gegenüber Experimenten offen zeigt.»
Dabei werde versucht, eigene Ideen umzusetzen, wie zum Beispiel ein Double NEIPA mit Honig (Honeybadger) oder eine sehr gelungene Kreation eines Sauerbiers mit Blaubeeren (Blaubjörn Is Sauna). «Immer wieder freut es mich, das Team an Festivals oder bei einem Brauereibesuch zu treffen und über die neuesten ‹Würfe› zu fachsimpeln.»
Award versus Bewertung
Wie experimentierfreudig die Another Brewing Company ist, zeigt auch der Umstand, dass sie bereits über 190 verschiedene Biere wie auch Cider gebraut hat. Die Bandbreite der verschiedenen Bierstile ist dabei gross: Von Lager über Pils, hopfige IPAs, belgische Dubbel, leichte, fruchtige Sauerbiere bis hin zu klebrig süssem Russian Imperial Stout mit 13,6 Volumenprozent ist alles dabei. Womit natürlich gerade bei Bieren wie letzterem der Absturz bei übermässigem Konsum vorprogrammiert sein kann.
Und auch wenn sie in Bubikon im Gegensatz zu anderen Brauereien im Kanton für ihre Biere noch keine Preise oder Auszeichnungen gewonnen haben, lassen Kundenrezensionen und -bewertungen auf der Plattform Untappd auf eine gewisse Popularität und wahrgenommene Qualität schliessen. Zumal die Teilnahme an Events wie dem Swiss Beer Award, wo jährlich die besten Schweizer Biere ausgezeichnet werden, gerade für Kleinbrauer eine kostspielige Sache ist.
«Natürlich ist es schön, wenn man sich das auf die Website schreiben kann, aber dafür muss man wie blöd bezahlen», erklärt Ueli. Ihrer Klientel sei eine offizielle Auszeichnung nicht wichtig.

Da sei eine Bewertung durch die Community schon wichtiger. Nur: Auch hier gelte es, Vorsicht walten zu lassen. «Du darfst so eine Bewertung nicht persönlich nehmen, das frisst dich auf», enerviert sich Leandro. Und spricht darüber, wie es ist, als Brauerei und Brauer einer Notenvergabe ausgesetzt zu sein, die jeder absolut willkürlich und nach ständig wechselnden subjektiven Wahrnehmungen vornehmen kann.
Oder anders ausgedrückt: Wo hört persönlicher Geschmack auf, und wo fängt Wissen über Bier, Bierstile, Bierbrauen an. Egal, wie gut ein Lager gebraut ist: Hopfige oder besonders geschmacksintensive Biere schneiden fast immer besser ab.
Umso toller und differenzierter ist für die Crew persönliches Feedback auf Bierfestivals. Dort zu sehen, wie Leute ihr Bier trinken würden, was es bei ihnen auslöse, das sei die wahre Freude. Und Entschädigung für ihre harte Arbeit.
Sie sind Another Brewing Company
Zur Crew gehören Valerie Oriet (25), Björn Schlegel (24), Leandro Schweiss (24), Ueli Bürgler (24), Tobias Forster (25) und Niklas Krause (25). Einmal pro Monat laden sie in ihren «Taproom» ein, das nächste Mal am 2. Mai von 16 bis 22 Uhr. Zudem findet zweimal pro Monat, wenn jeweils gebraut wird, ein Rampenverkauf statt. Die nächste Möglichkeit hierzu bietet sich am 3. und 17. Mai von 10 bis 17 Uhr. Zum Tag des Schweizer Bieres, der am 25. April stattfindet, hat die Crew von Another Brewing Company bewusst keinen Anlass geplant, weil es ihre Kapazitäten übersteigen würde. (erh)
