«Im schlimmsten Fall ist unsere Existenz gefährdet»
KMU im Oberland
Er ist Chef eines KMU im Oberland, und er möchte anonym bleiben. Aber er macht sich grosse Sorgen um sein Unternehmen und die Arbeitsplätze.
Danke, dass Sie sich für dieses Interview zur Verfügung stellen. Wieso wollen Sie es anonym führen?
Aus zwei Gründen: Unsere Konkurrenz liest mit, und ich möchte nicht, dass sie von unseren Schwierigkeiten erfährt. Selbiges gilt für unsere Kunden. Ich fürchte, sie könnten abspringen, wenn sie lesen, was ich Ihnen zu sagen habe. Dieses Risiko möchte ich nicht eingehen.
Welche Bedeutung hat der US-Markt für Ihr Unternehmen?
Er macht rund zehn Prozent unseres Umsatzes aus. Wir liefern nicht über die Schweiz in die USA, sondern direkt aus China.
Wo Donald Trump die Zölle auf aktuell 145 Prozent hochgefahren hat.
Es ist für uns im Moment unklar, ob unsere Produkte in den USA mit Schweizer oder mit China-Zöllen belastet werden. Auszugehen ist von den Zolltarifen für China.
Wäre eine Lieferung aus China via die Schweiz in die USA keine Möglichkeit, diese absurd hohen Zölle im wahrsten Sinne des Wortes zu umschiffen?
Wir sind daran, das zu analysieren. Wir gehen jedoch davon aus, dass das keine Rolle spielt, weil das Ursprungsland relevant ist. Wenn die Lieferung über die Schweiz erfolgt, müsste ein relativ grosser Veredelungsschritt hier vorgenommen werden, damit es als Schweizer Produkt gilt. Das würde eine Verlagerung von Wertschöpfung aus China in die Schweiz nach sich ziehen. Das wiederum führt ziemlich sicher zu einer Verteuerung der Waren und schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit.
Was bedeuten 145 Prozent Einfuhrzölle aus China in die USA konkret?
Unser geplanter Umsatz mit den USA würde mit grösster Wahrscheinlichkeit auf null zusammenbrechen. Eventuell kommen wir mit einem blauen Auge davon, falls der Markt in der Lage ist, die Preiserhöhungen zu absorbieren. Im schlimmsten Fall ist unsere Existenz gefährdet.
Das klingt dramatisch.
Wir sind im B2B-Geschäft tätig, also im Geschäft mit Firmenkunden. Dadurch sind wir auch indirekt via unsere Kunden von den Zollschranken betroffen. Wir haben Lieferanten aus den USA und aus China. Inwiefern der Handelsstreit zwischen China und den USA zum Zusammenbruch von Unternehmen, zu Liquiditätsengpässen oder sonstigen Schwierigkeiten führt, ist für uns im Moment noch nicht abzuschätzen. Ein Konkurs eines Lieferanten in China aufgrund eines möglichen Wegbruchs seines Exportmarkts würde zum Zusammenbruch der ganzen Lieferkette führen. Das könnte für uns das Ende bedeuten.
Welche unternehmerischen Massnahmen bleiben Ihnen, um diese Zölle irgendwie abzufedern?
Wir analysieren die Lage und erarbeiten Szenarien. Erst wenn wir die Auswirkungen im Detail genauer verstehen, können wir mit unseren Kunden nach Lösungen suchen: Entweder müssen sie mit den höheren Kosten leben, oder wir müssen auf einen Teil unserer Marge verzichten. Weiter müssen wir an Effizienzsteigerungen arbeiten und unsere Kosten durch Automatisierung und Fokussierung senken. Der Spielraum bei kleinen Firmen wie der unseren ist aber beschränkt.
Wie beurteilen Sie die angedrohten 31 Prozent US-Zölle für die Schweiz als Ganzes?
Für eine kleine offene Volkswirtschaft sind sie ein Desaster. Wenn sie wirklich eingeführt werden, sind ganz schwere Verwerfungen zu befürchten. Ich bin mir nicht sicher, ob man in Bundesbern die Dimension wirklich erkannt hat. Es geht hier um das Rückgrat unserer Volkswirtschaft und damit um die Arbeitsplätze und letztlich den Wohlstand in unserem Land. Die Welt hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren durch Globalisierung und freien Handel einen grossen Wohlstand geschaffen. Das trifft auch auf die USA zu. Ich bin deshalb überzeugt, dass sich die USA und Donald Trump mit dieser absurden Handelspolitik ins eigene Knie schiessen.
