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Rüstungschef skizziert in Uster düstere Aussichten

Drohnen, Technologie und Munition: Der Rüstungschef listet in Uster auf, was die Schweizer Industrie liefern kann und sollte.

Rüstungschef Urs Loher zeichnete am 50. Top-Anlass des WFU ein düsteres Bild der aktuellen Position der heimischen Rüstungsindustrie.

Foto: Christian Brändli

Rüstungschef skizziert in Uster düstere Aussichten

«Es fehlt an allem»

Weltweit werden die Kapazitäten der industriellen Rüstung hochgefahren, nur in der Schweiz sinken sie. Rüstungschef Urs Loher zeigte am Wirtschaftsforum in Uster Wege aus dem Niedergang auf.

Vom Licht ins Dunkel führte am Dienstag der 50. Top-Anlass des Wirtschaftsforums Uster (WFU). So präsentierte eingangs Benno Schöb die Geschichte des Kunstlichts. Dabei wies der Leiter Projekte bei der Ustermer Firma Nevalux AG, die sich auf intelligentes Licht und Sensorik fokussiert, insbesondere auf die Möglichkeiten von LED hin.

«Jetzt kommen wir zu einem düsteren Thema», leitete WFU-Präsident Jan Schibli zum Hauptreferenten des Abends über. Der 58-jährige Urs Loher ist als Rüstungschef für die Entwicklung, Evaluation, Beschaffung und Entsorgung von Systemen und Materialien der Schweizer Armee zuständig. Zudem verantwortet er die Planung und Beschaffung von Immobilien des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS).

Zahlen, Erkenntnisse und Tipps

Loher hatte für die rund 150 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer eine grosse Menge an Zahlen, aber auch viele Erkenntnisse insbesondere aus dem Ukraine-Krieg und einige Konsequenzen für die Schweiz und ihre Sicherheitspolitik mitgebracht. «Wir stehen an einer historischen Weggabelung. Die Frage bleibt, ob wir selbst die Weichen stellen. Sonst stellen sie einfach andere.»

Rüstungschef Urs Loher am Rednerpult.
Die sträfliche Vernachlässigung der eigenen Verteidigungsfähigkeit zeigte Rüstungschef Urs Loher mit einem einfachen Vergleich auf.

Zunächst zeigte er mit einem kleinen Vergleich auf, in welcher «verkehrten Welt» die Europäer bisher gelebt haben. «450 Millionen Europäer verlassen sich auf 340 Millionen Amerikaner, um sich gegen 140 Millionen Russen zu schützen.» Auf Druck des amerikanischen Präsidenten Donald Trump beginnt Europa nun, sich aus der Abhängigkeit zu lösen.

«Europa rückt zusammen», hielt er fest. Ziel sei, vermehrt auf europäische Produkte zu setzen. Hier gelte es allerdings, die herrschende Systemvielfalt – fast jedes Land hat seine eigenen Panzertypen, Schiffe und Kampfflugzeuge – zu überwinden. Die USA hätten hier eine viel geringere Palette, was eine einfachere und günstigere Produktion bedeute und den Einsatz der Waffen vereinfache.

Das Geld und die Technik

Trotz teils hohen Staatsschulden leiste sich Europa im Interesse der eigenen Sicherheit eine Aufrüstung. Und hier schlug Loher den Bogen zur Schweiz. Wenn diese nun rasch 40 Milliarden Franken in ihre Armee investieren würde, nähme die Verschuldung von 23 auf 28 Prozent des BIP zu. Ein Wert, der europaweit immer noch zu den tiefsten gehören würde.      

Rüstungschef Urs Loher am Rednerpult.
Europa leistet sich eine Aufrüstung trotz teils hoher Verschuldung.

An dieser Stelle des Referats schlug auch etwas anderes einen Bogen. Das Schweizer Fernsehen, das Loher an diesem Tag begleitete, und die Lautsprecheranlage im Stadthofsaal schienen sich in den Weg zu kommen. Nach einer Steckermanipulation und einem Knall blieb die Anlage still. Mit der Folge, dass sich der Rüstungschef ohne akustische Verstärkung durch den weiteren Abend kämpfen musste.

Keine Durchhaltefähigkeit

Das gelang ihm aber gut, waren die Ohren der Besucher doch für die weiteren nachdenklich stimmenden Zahlen spitz genug: «Wir sprechen jetzt nicht von einer Aufrüstung, sondern lediglich von einer Ausrüstung der Armee.» Die Schweizer Armee sei heute gerade einmal in der Lage, acht Prozent der Landesfläche zu schützen. Es fehle an allem. Vor allem an der Durchhaltefähigkeit.

Der heute zur Abdeckung der Ausbildung ausgelegte Munitionsbestand würde gerade einmal für einen Tag Kampf ausreichen. «Setzen wir da die Prioritäten richtig?», fragte Loher in die Runde. Statt sich auf Instandhaltungsprobleme zu fokussieren, wäre es wichtiger, überhaupt Munition zu haben. «Und dafür brauchen wir eine eigene Rüstungsindustrie.»

Schweizer Rüstung wird gemieden

Angesichts des Ukraine-Kriegs explodierten die Kosten von Rüstungsgütern – Munition ist durchschnittlich 50 Prozent teurer als vor 2022 –, und die Lieferzeiten verlängerten sich. Hinzu komme, dass die Schweiz bei ausländischen Rüstungsfirmen in der Prioritätenliste ganz weit hinten rangiere. Zuerst werden das eigene Land und die Verbündeten berücksichtigt.

Während die Kapazitäten für industrielle Rüstungsgüter weltweit ansteigen, sinken sie in der Schweiz. Mit Kriegsausbruch wollte Deutschland einige tausend Schuss Flugabwehrmunition aus Schweizer Produktion an die Ukraine liefern. Die Schweiz erlaubte diese Weitergabe nicht. «Der Kollateralschaden aus dieser Nichtlieferung ist für uns riesig», unterstrich Loher.

Rüstungschef Urs Loher am Rednerpult.
Während Russland und Europa ihre industriellen Kapazitäten hochfahren, sinken sie in der Schweiz.

Früher seien Schweizer Rüstungsgüter für ihre Qualität geschätzt worden. Heute laute die Devise im Ausland «Swiss free». Die Schweiz werde aufgrund ihrer Rüstungsexport- und Neutralitätsbestimmungen als unzuverlässig eingestuft. Dabei sei die Schweizer Rüstungsindustrie auf den Export angewiesen, da der Heimmarkt viel zu klein sei, um wirtschaftlich bestehen zu können. «Am Schluss stehen wir ohne Verteidigung da, weil wir uns auf einen neutralen Standpunkt stellen.»    

Eigene Industrie und Kooperation

Es stelle sich die Frage, ob wir überhaupt eine eigene Rüstungsindustrie wollten, meinte Loher. Ohne sie bestehe eine sehr hohe und gefährliche Abhängigkeit vom Ausland. Als Lehren aus dem Ukraine-Krieg stellte der Rüstungschef klar, dass die Schweiz eine starke, gut ausgerüstete Armee brauche, die dissuasive Wirkung habe. Dazu brauche es aber auch eine eigene Verteidigungsindustrie. Damit diese bestehen könne, müssten aber die Rahmenbedingungen für den Export geändert werden. Und schliesslich brauche es eine Rüstungskooperation mit unseren Nachbarn. Denn nur das gewährleiste eine Durchhaltefähigkeit. Heute zähle Quantität.   

«Beginnen wir mit dem Wiederaufbau der Rüstungsindustrie, wo wir stark sind», appellierte Loher zum Schluss. Dazu gehörten die gesamte Drohnentechnologie, die Nutzung der künstlichen Intelligenz, die Robotik und autonome Systeme und auch die Quantentechnologie. Aber eben auch die Munitionsfabrikation. Mit Blick auf das neue Artilleriesystem, das die Schweiz beschaffen wird, meinte Loher: «Ich will, dass wir in der Lage sind, die Munition für das neue Geschütz in der Schweiz zu produzieren – oder wenigstens die wichtigsten Komponenten davon.»

«Und was sagen Sie Ihrem neuen Chef, Bundesrat Martin Pfister?», wollte ein Zuhörer am Ende der Fragerunde vom Rüstungschef wissen. «Ich würde ihm die gleiche Präsentation zeigen wie hier!»        

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