Die Uhr, die nicht mehr tickt, hat einen Retter in Pfäffikon
Vom Maschinenmechaniker zum Uhrmacher
Alte Zeitmesser erweckt René Etter mit Leidenschaft zum Leben. Mit seiner neuen Selbständigkeit beweist er, dass Träume keine Altersgrenzen kennen.
Ob vergoldet, verschnörkelt oder mit einem Kuckuck versehen: Wanduhren sind wunderschöne Relikte aus einer anderen Zeit. Obwohl sie viele Generationen überdauern, können sie auch mal kaputtgehen. Und jemanden zu finden, der sie flickt, ist schwierig, oder?
Nicht im Oberland. Pfäffikon hat eine Anlaufstelle für all die Grossuhren, die nicht mehr richtig ticken: die Uhrenwerkstatt Etter.
In einem Zimmer seines Familienhauses hat René Etter eine eigene Werkstatt eingerichtet – grosse, tickende Uhren hängen aber auch im Wohnzimmer oder in der Küche. Seit etwas mehr als einem Jahr ist der 55-Jährige nun selbständig und repariert Grossuhren. Diese können teilweise über 300 Jahre alt sein.
Er holt sie bei Bedarf ab, schaut sich das defekte Stück an und erstellt eine Offerte. Braucht er ein Ersatzteil, stellt er dieses gleich selbst her. Messing und härtbaren Stahl - durch Wärmebehandlung besonders widerstandsfähig gegen Verformungen – kauft er beim Stahlhändler ein. Drehbank und Fräsmaschine hat er im Keller. So steht weder der Reparatur noch Etters Leidenschaft etwas im Weg.
Die grosse Quarzkrise
Früher war René Etter Maschinenmechaniker. Der gebürtige Baumer hat seine Lehre in Winterthur gemacht und arbeitete viele Jahre bei der Teilfertigung und der Montage von grossen Maschinen. Wie beispielsweise Abfüllanlagen für Joghurt oder Kompressoren, so gross wie Einfamilienhäuser.
Für Uhren hatte Etter schon immer etwas übrig. «Es ist faszinierend, wie wir seit dem Mittelalter mit derselben Mechanik und Logik die genaue Zeit anzeigen können», sagt er. Trotzdem absolvierte er die Lehre als Maschinenmechaniker, denn die Uhrenbranche schien keine Zukunft zu haben.
In den 1970er Jahren hatte die neue Welle der elektronischen Uhren mit ihrer Quarztechnologie die Quarzkrise ausgelöst. Betriebe gingen in Konkurs, viele Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. «Plötzlich kriselte es in der Uhrenindustrie, und man riet mir davon ab.»
Eine Lehre mit 45
Mit 45 Jahren wollte er seiner Faszination jedoch endgültig nachgehen. Er absolvierte eine Lehre als Uhrmacher bei der Zeit Zone Zürich AG, einer Uhrenwerkstatt in der Stadt Zürich.
Da er bereits die Allgemeinbildung und die mechanische Grundausbildung besass, musste Etter nur zwei statt vier Jahre Lehre absolvieren. Er begann gleichzeitig mit den Lehrlingen des zweiten und dritten Lehrjahrs. Mit 16-Jährigen. «Das war ganz spannend. Meine Kinder waren damals noch im selben Alter und fanden es lustig, dass ich Hausaufgaben machen musste», sagt Etter amüsiert.
Auf die Unterstützung seiner Familie konnte er stets bauen. Immerhin hatte der zweifache Vater mit 45 Jahren einen Lehrvertrag für 480 Franken unterschrieben. «Meine Frau hat mich unterstützt, damit ich mir meinen Traum erfüllen konnte», erzählt Etter.
In seiner Ausbildung als Uhrmacher-Rhabilleur, also Spezialist in Reparatur und Wartung, hat er an jeglichen Zeitmessern geschraubt – ob Armband-, Taschen- oder Wanduhren. Gegen Ende der Lehre werkelte er immer mehr an Grossuhren. «Das lag mir am meisten, weil man die fehlenden Teile selbst herstellen kann.»
Uhrenersatzteile werden oftmals restriktiv gehandelt. Für originale Ersatzteile verlangen viele Hersteller ein Zertifikat und eine spezielle Werkstattausrüstung – was Tausende von Franken kosten kann. Auch werden viele Ersatzteile nicht mehr in ausreichender Zahl hergestellt. Die Anfertigung von Ersatzteilen war für den ehemaligen Maschinenmechaniker nichts Neues.
Nische gefunden
Nach der Lehre blieb Etter noch mehrere Jahre bei der Zeit Zone Zürich AG. «Es gefiel mir dort, deshalb wollte ich eigentlich nicht weg.» Er widmete sich immer mehr den Grossuhren – als Einziger der neun Uhrmacher im Betrieb.
Doch dann ergab sich 2023 die Chance, die er zu nutzen wusste. Ein Entgegenkommen von der Zeit Zone Zürich AG und die Kinder, die aus dem Haus zogen. Das alles führte dazu, dass Etter seine Werkstatt zu Hause einrichtete und sich selbständig machte.
Für seinen ehemaligen Lehrbetrieb und langjährigen Arbeitgeber repariert er noch heute Grossuhren, was ihm zu einem guten Start verhalf. «Wir wollten Renés Selbständigkeit auf keinen Fall im Weg stehen. Wir sind alle Uhrenexperten und Uhrmacher, doch er ist der Grossuhren-Profi», sagt Daniel Käppeli, Geschäftsleiter der Zeit Zone Zürich AG.
Für den Betrieb lohne es sich, die Arbeit über seine Werkstatt ausführen zu lassen, denn so könnten die Stammkunden auf dieselbe Qualität, den gewohnten Service und dieselbe Abwicklung zählen. «Ich hatte eigentlich immer Aufträge, ohne gross Werbung machen zu müssen», sagt Etter.
Der Markt für Reparatur und Service von Grossuhren – Etters Hauptgeschäft – ist klein. Gleichzeitig verschwinden Uhrmacher immer mehr von der Bildfläche. So konnte sich Etter erfolgreich in einer Nische breitmachen – und sogar seine Leidenschaft verfolgen.
Vielleicht hat René Etter den Nerv der Zeit getroffen. Vielleicht ist dies auch einfach der Beweis, dass es nie zu spät ist, seine Träume zu verwirklichen.