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Was passiert mit den Maschinen? Was mit der Fabrik?

Das Klumpenrisiko war zu gross. Mit dem Aus der Weberei Russikon verlieren 55 Angestellte ihre Stelle. Und das Oberland ein prägendes Stück Industriegeschichte.

96 Jacquard-Webmaschinen stehen in der Weberei in Russikon. Was mit ihnen passiert, ist unklar.

Foto: Simon Grässle

Was passiert mit den Maschinen? Was mit der Fabrik?

Weberei in Russikon

Die österreichische Getzner-Gruppe sieht keine Zukunft für ihre Weberei in Russikon. Die Produktion wird eingestellt. Damit schliesst sich ein Kapitel Industriegeschichte im Oberland.

Es gibt Geschichten, die schlecht altern. «Die textile Tradition im Zürcher Oberland lebt also weiter.» Mit diesen Worten endete eine Reportage dieser Redaktion über die Weberei Russikon, die im Oktober 2024 erschienen war.

Gut drei Monate später teilt die Muttergesellschaft Getzner Textil AG aus Bludenz mit, man überprüfe die Produktionsplanung und ziehe «die Schliessung des Schweizer Standorts in Betracht». Doch der Entscheid ist bereits gefallen. In der Medienmitteilung ist von einem gesetzlichen Konsultationsverfahren und einem Sozialplan für die 55 betroffenen Mitarbeitenden die Rede.

Das Schweizer Obligationenrecht verlangt ein solches Konsultationsverfahren vor beabsichtigten Massenentlassungen. Die Arbeitnehmer sollen zumindest die Möglichkeit haben, «Vorschläge zu unterbreiten, wie die Kündigungen vermieden oder deren Zahl beschränkt sowie ihre Folgen gemildert werden können», besagt Artikel 335 OR.

«Bestürzt» hätten die 55 Mitarbeitenden reagiert, als sie von der geplanten Schliessung erfahren hätten, sagt Martin Frick, Finanzchef der Getzner Textil AG und Verwaltungsratspräsident der WR Weberei Russikon AG. Auch ihm gehe die Schliessung nahe: «Es ist eine sehr, sehr schwierige Situation. Die Getzner-Gruppe hat eine mehr als 200-jährige Tradition in der Textilindustrie. Ein solcher Schritt ist schlimm, und entsprechend schwer ist es uns gefallen, unseren Mitarbeitenden die Schliessungsabsicht mitzuteilen.»

Textilproduktion seit 6000 Jahren

Mit der Weberei Russikon endet die Tradition der Textilindustrie im Zürcher Oberland nach rund 200 Jahren. Wobei die ältesten Zeugnisse der Herstellung von Textilien noch viel weiter zurückreichen. Funde aus Robenhausen belegen, dass die am Pfäffikersee ansässigen Pfahlbauer schon vor 6000 Jahren Stoffe gewoben haben.

Bis zur industriellen Produktion von Textilien in der Region sollte es aber noch ein wenig dauern: Im 19. Jahrhundert stiess die industrielle Revolution auch ins Zürcher Oberland vor. Textilfabriken lösten die Heimarbeit ab, bis heute prägen die alten Spinnereien und Webereien die Region zumindest architektonisch und kulturhistorisch.

Mitte des 20. Jahrhunderts war der Boom vorbei, die Industrie zog weiter nach Fernost, wo die Gesetze lasch und die Arbeitskosten tief waren. «Die Schweizer Textilmaschinen-Hersteller verkauften ihre hochwertigen Maschinen ins Ausland - was Billigimporte ermöglichte und zusammen mit veränderten Konsumgewohnheiten und Währungsproblemen dazu führte, dass dieser Industriezweig verschwand», sagt der Wilemer Historiker Wolfgang Wahl.

Die Massenproduktion verlagerte sich ins Ausland, die verbliebenen Textilunternehmen spezialisierten sich. Wie die Weberei Russikon: 1890 war sie als Teppichweberei gegründet worden, später wurde Baumwolle in höchster Qualität hergestellt. «Die Firma musste sich immer wieder anpassen, um überleben zu können», sagte Silvio von Pich Lipinski, Produktionsleiter in Russikon, in der eingangs erwähnten Reportage.

Nach turbulenten Jahren mit Fusionen, mehreren Übernahmen und einem Kauf durch das Management im Jahr 1995 übernahm die Getzner Textil AG 1996 die Aktienmehrheit an der WR Weberei Russikon AG, im Jahr 2007 wurde die Textilgruppe aus Vorarlberg alleinige Inhaberin.

In der Folge investierte Getzner stetig in den Maschinenpark, 2002 wurden die ersten 34 Jacquard-Webmaschinen installiert, 2018 war die Umstellung auf diese Technik abgeschlossen. Zuletzt produzierte die Fabrik ausschliesslich schwere Damaststoffe für den Markt in Westafrika, rund drei Millionen Laufmeter pro Jahr.

Westafrikanische Menschen in farbenfrohen Damastkleidern. Die Stoffe werden unter anderem in der Weberei Russikon hergestellt.
Die Krise in Westafrika liess die Verkäufe von Damaststoffen aus Russikon drastisch einbrechen.

Dieses Klumpenrisiko wurde dem Unternehmen jetzt zum Verhängnis. Die wirtschaftliche Krise in dieser Weltregion liess die Umsätze einbrechen, der Muttergesellschaft Getzner riss buchstäblich der Geduldsfaden.

Hohe Kosten, teurer Franken

96 Jacquard-Webstühle ratterten mit ohrenbetäubenden 105 Dezibel in den Fabrikhallen in Russikon. «Wir haben in den letzten 20 Jahren stetig in Russikon investiert», sagt Martin Frick. Eine hohe Effizienz machte die hohen Produktionskosten und den teuren Schweizer Franken lange Zeit wett. Frick: «Doch das hat in letzter Zeit leider nicht mehr funktioniert.»

Was mit den Webmaschinen passiert, ist noch unklar. Ebenso, was aus dem Fabrikareal wird. Martin Frick: «Dazu gibt es noch keine konkreten Pläne. Wir möchten zuerst das Konsultationsverfahren abwarten.» Dieses soll bis Mitte Februar abgeschlossen sein. Dann erfolgt eine finale Entscheidung, wie es in Russikon mit der Weberei weitergehen wird. Es könnte auf 55 Entlassungen hinauslaufen und auf das Ende der Textilproduktion im Zürcher Oberland.

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