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Trinity bestimmt die Gegenwart, Yolanda Schicker-Siber die Zukunft

Sie leitet die Präparation, die Grabungen und hat T-Rex Trinity aufgebaut. Bald übernimmt die Tochter von Museumsgründer Köbi Siber ganz. Wer ist sie?

«Trinity hat alles verändert»: Yolanda Schicker-Siber posiert vor dem Tyrannosaurus Rex.

Foto: Simon Grässle

Trinity bestimmt die Gegenwart, Yolanda Schicker-Siber die Zukunft

Wachablösung im Sauriermuseum Aathal

Während das Sauriermuseum Aathal mit dem T-Rex Trinity neue Popularitätshöhen erreicht, klärt sich im Hintergrund die Zukunft der Institution: Yolanda Schicker-Siber wird das Lebenswerk ihres Vaters Köbi Siber weiterführen.

Das Zürcher Oberland ist für Aussenstehende eine eher unauffällige Gegend. Etwas abseits der grossen Ballungszentren findet man hier schöne Landschaften und Einkaufsmöglichkeiten. Echte Publikumsattraktionen sind dagegen dünn gesät.

Es passt irgendwie, dass die beiden grössten direkt am Tor zur Region liegen: der Juckerhof und das Sauriermuseum im beschaulichen Seegräben. Oben an der Sonne lockt farbiges Gemüse Menschenmassen an den Pfäffikersee. Und unten im dunklen Aatal schauen sich Jahr für Jahr Zehntausende Besucherinnen und Besucher Fossilien an.

Das Schattendasein des Sauriermuseums ist indessen einzig dem Standort geschuldet. In Sachen Popularität muss es spätestens seit diesem Jahr definitiv nicht mehr hinter dem Erlebnishof anstehen.

«Früher waren wir für viele das Sauriermuseum, das man sich auch mal anschauen könnte. Nun sind sie gekommen», sagt Yolanda Schicker-Siber mit funkelnden Augen. «Trinity hat alles verändert.»

Trinity. Der erste originale Tyrannosaurus Rex, der je in der Schweiz ausgestellt wurde. Der König und Superstar unter den Dinosauriern. Oder, wie es der Vizedirektorin entfährt: «Es ist einfach der T-Rex!»

Viele Besucher schauen sich im Museum den T-Rex an.
Der Superstar unter den Dinosauriern: Trinity lockt Gross und Klein ins Sauriermuseum.

Ein ganzes Jahr steht das imposante, 11,6 Meter lange, 3,9 Meter hohe und 67 Millionen Jahre alte Skelett unterdessen hier. Nun hat das Museum bekannt gegeben, dass das Gastspiel noch einmal bis Ende März verlängert wird. Klar ist: Es wird sich rechnen.

Denn Trinity bescherte dem Sauriermuseum nicht nur das erfolgreichste Jahr seines Bestehens, sondern auch enorme Publizität. Von der Erstausstellung in der Zürcher Tonhalle über die Auktion im Frühling 2023 bis zum Umzug ins Aatal im Januar 2024: Der nationale Medientross begleitete den T-Rex mit Storys auf Schritt und Tritt – und rückte dabei auch Yolanda Schicker-Siber mit ins Scheinwerferlicht.

Der «gordische Knoten» ist gelöst

Das ist insofern bemerkenswert, als dass ihr Vater Köbi Siber auf dem Gebiet als Koryphäe und Anlaufstelle Nummer 1 für die Medien gilt. Der autodidaktische Paläontologe hat das Museum 1992 gegründet, ist bis heute dessen Direktor und trägt einen Ehrendoktortitel der Universität Zürich. Mehr als zwei Dutzend Saurier hat er selbst ausgegraben.

Dass nun seine Tochter vermehrt in der Öffentlichkeit auftaucht, ist ein Indiz dafür, dass sich im Hintergrund etwas tut. Köbi Siber ist jüngst 82 geworden. Im Wissen, dass ein Verkauf der Institution in seinem Sinn ein schwieriges bis unmögliches Unterfangen ist, treibt ihn die Nachfolgefrage schon seit einigen Jahren um.

2020 übergibt er deshalb zehn seiner Saurier der Universität Zürich für einen symbolischen Franken. Mit diesem Schachzug gelingt es ihm, den Exemplaren ihre gemeinsame Zukunft als Kollektion zu garantieren und sie der Öffentlichkeit zu erhalten. Gleichzeitig, so erklärt er heute, löse sich damit der «gordische Knoten» in der Zukunftsfrage.

Der Hintergedanke: Weil die Dinosaurier durch neue Marktdynamiken rasant an Wert gewinnen, müssten nach Sibers Ableben einige von ihnen mit grosser Wahrscheinlichkeit einzeln verkauft werden, um eine saubere Erbteilung unter seinen vier Töchtern zu ermöglichen. Diesem Szenario kommt er damit zuvor.

Museumsgründer Köbi Sieber gibt einer TV-Station ein Interview.
Saurier-Koryphäe und Anlaufstelle Nummer 1 für die Medien: Museumsdirektor Köbi Sieber.

Von dieser Last befreit, kann er nun mit dem Quartett ein für alle Seiten zufriedenstellendes Arrangement finden. Das beinhaltet unter anderem, dass Yolanda Schicker-Siber das Museum Schritt für Schritt übernehmen wird.

«Meine älteste Tochter führt mein Lebenswerk weiter – es ist die perfekte Lösung», frohlockt Siber. «Sie kennt das Feld und das Netzwerk, denkt systematisch, hat hohe Ansprüche und den nötigen Unternehmergeist.»

Unterhält man sich mit der 52-Jährigen über ihren Werdegang, stellt sich dagegen schnell einmal die Frage, ob es denn überhaupt je hätte anders kommen können. Rückblickend scheint es, als wäre Yolanda Schicker-Sibers Weg an die Museumsspitze vorbestimmt.

Schon als Kind gräbt sie mit

Schon mit fünf Jahren begleitet die Seegräbnerin ihren Vater erstmals auf eine Ausgrabung in die USA. In Erinnerung bleiben ihr keine Knochen, sondern ein schockierendes Erlebnis: «Ein Mitarbeiter wurde von einer Klapperschlange in die Wade gebissen. Darauf hat er sich kurzerhand das Gift selbst wieder rausgesaugt, es ausgespuckt und sich danach den Mund mit Pepsi ausgewaschen.»

Mit elf Jahren geht sie mit der Familie für ein Jahr nach Peru, der Vater ist auf der Suche nach fossilen Walen. Hier erfährt sie erstmals, was das Graben wirklich bedeutet. Sie lernt die Zusammenhänge kennen, erlebt aber auch, wie «extrem streng» die Arbeit ist.

Während der Sekundarschule nimmt sie Abstand, beginnt sich für anderes zu interessieren. Sie absolviert eine Ausbildung zur Schneiderin in der Haute-Couture-Abteilung des Modehauses Grieder am Zürcher Paradeplatz. «Vielleicht auch, weil ich nicht einfach dasselbe machen wollte wie mein Vater», sagt sie heute.

Yolanda Schicker-Siber macht sich bei der Grabung in Meilyn Quarry im Bundesstaat Wyoming (USA) Notizen.
Mit fünf Jahren begleitete Yolanda Schicker-Siber ihren Vater erstmals an eine Grabung, heute leitet sie die Grabungen des Museums in Meilyn Quarry im US-Bundesstaat Wyoming.

Nach dem Lehrabschluss, einem Kurz-Engagement als Änderungsschneiderin und einem Sprachaufenthalt in San Diego landet sie als Aushilfe beim Vater im noch jungen Museum. Sie legt bei der Präparation Hand an, reist mit auf eine Grabung – und merkt, wie es ihr «den Ärmel reinzieht». Trotz ihrem ausgeprägten Flair für die Mode ist ihr klar: «Das will ich machen.»

Um sich das nötige Wissen zu erarbeiten, wählt sie die Herangehensweise ihres Vaters: die Autodidaktik.

Neben der Arbeit besucht sie an der Universität Zürich zwei Jahre lang alle möglichen Vorlesungen und Vertiefungskurse im Bereich der Paläontologie, Geologie und Osteologie. In den Semesterferien absolviert sie in den USA Volontariate in Museen. All das tut sie freilich, ohne Prüfungen abzulegen oder Diplome zu erlangen – schliesslich fehlt ihr die Matura.

«Präparation ist vor allem ein Handwerk, bei dem man geduldig und geschickt sein muss. Die Fähigkeiten aus der Berufslehre als Schneiderin und die Kenntnisse von der Universität haben mir die bestmögliche Ausbildung ermöglicht», fasst sie zusammen.

Beim zweiten Mal klappt es mit Trinity

Im Lauf der Jahre taucht Yolanda Schicker-Siber immer tiefer in den Betrieb ein. Sie übernimmt die Leitung der Präparation, nimmt regelmässig an Grabungen in den USA teil, reist mit dem Team an Ausstellungen. Das ganze Paket.

Parallel dazu gründet sie aber auch eine Familie, zieht an ihrem Wohnort im zugerischen Hünenberg zwei Kinder gross. Sie sind mit ein Grund, warum sie sich lange nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, das Museum dereinst zu übernehmen.

Yolanda Schicker-Siber beäugt in der Präparationsabteilung einen Knochen.
Yolanda Schicker-Siber leitet die Präparation – und hat sich die nötigen Fähigkeiten dazu selbst beigebracht.

Das ändert sich um 2020. Inzwischen ist Schicker-Siber Vizedirektorin, die Nachfolgelösung wird virulenter. Bei den Grabungen hat sie unterdessen die Leitung inne, 2021 stellt sie unter dem Namen «Crazy World of Dinosaurs» ihre erste eigene Ausstellung auf die Beine. Der Sohn und die Tochter nähern sich derweil dem Erwachsenenalter, ihr Mann Tom lässt seinen Beruf als Garagisten hinter sich und beginnt im technischen Dienst des Museums zu arbeiten.

Mit Trinity kommt ihre Saurier-Karriere schliesslich zum Höhepunkt. Das Auktionshaus Koller in Zürich erhält 2023 den Auftrag, den Tyrannosaurus Rex zu versteigern, und benötigt die Expertise des Sauriermuseums Aathal, um das Skelett auf- und abzubauen.

Weil das Team mit Trinity bereits einmal in Kontakt gekommen ist, können Schicker-Siber und ihre Leute sich problemlos und schnell des Exponats annehmen. Und weil der Gewinner der Auktion den finalen Standort, ein Museum im belgischen Antwerpen, noch nicht fertiggebaut hat, gelingt es auch noch, das Sensationsskelett für ein Jahr ins Aatal zu lotsen.

«Unbezahlbarer» Werbeeffekt

2024 wird dank Trinity zum Grosserfolg – und zwar in fast jeder Hinsicht. Die hohen Versicherungskosten werden locker wieder eingespielt, die Rekordmarke von 150'000 Besucherinnen und Besuchern geknackt. Der Werbeeffekt, so sagt es Yolanda Schicker-Siber, sei «unbezahlbar». Einzig beim Merchandise hätte man noch mehr rausholen können. «Wir lernen noch dazu», sagt sie lächelnd.

Dabei lässt sie den unternehmerischen Sinn erkennen, den der Vater so an ihr schätzt – und der für die Zukunft des Sauriermuseums durchaus zentral sein dürfte. Schliesslich handelt es sich um einen privaten Betrieb mit rund 35 Mitarbeitenden, der seine Mittel nicht beim Staat beziehen kann, sondern am Markt erwirtschaften muss.

Hinzu kommt, dass sich das Geschäft mit den Sauriern in einem Umbruch befindet. So haben in jüngerer Vergangenheit immer mehr Vermögende die Skelette als Sammler- und Wertanlagen entdeckt und die Preisspirale zum Drehen gebracht.

Dadurch melden die Besitzer der Ländereien, auf denen die Grabungen stattfinden, zunehmend Ansprüche an. Das betrifft insbesondere die USA, wo traditionell auch die Sibers ihre Grabungsstätten unterhalten. Während sie früher die gefundenen Knochen behalten durften, müssen heute Verträge abgeschlossen werden, die den Landbesitzern den Grossteil eines späteren Verkaufserlöses garantieren.

Damit ändern sich für das Sauriermuseum die Verhältnisse. Grob gesagt: weg vom dauerhaften Besitz, hin zur temporären Ausstellung. Dass Köbi Siber vor vier Jahren zehn seiner Dinosaurier der Universität Zürich vermacht hat, tut das Seine dazu: Es schafft den dringend benötigten Platz für Neues.

Yolanda Schicker-Siber findet diesen Paradigmenwechsel nicht nur schlecht. Im Gegenteil: «Das Geschäft wird dynamischer, es wird mehr Abwechslung geben. Die Leute schätzen das.»

Die Vorfreude auf den «Dino-Kindergarten»

Was also wird auf Trinity folgen? «Ein Triceratops», verrät die Vizedirektorin – und entgegnet dem fragenden Blick: «Das Pendant zum T-Rex, die zweite grosse Ikone aus der Kreidezeit.»

Noch grösser ist ihre Vorfreude, wenn es um die Exemplare geht, die sie mit ihrem Team seit 2018 Sommer für Sommer an ihrer Grabungsstätte im US-Bundesstaat Wyoming freilegt und die dereinst die Industriehallen im Aatal füllen werden: «Dort haben wir einen gut erhaltenen Stegosaurus gefunden. Die sind relativ selten. Daneben haben wir einen kleinen Allosaurus entdeckt, auch der ist ganz rar. Und als wäre das nicht genug, liegt daneben noch ein junger Sauropod. Wir sind auf einen eigentlichen Dino-Kindergarten gestossen!»

Man kann das auch so verstehen: Um die Zukunft des Sauriermuseums muss man sich keine Sorgen mehr machen.

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