Maur diskutiert über Journalismus und «Gemeindeblättli»
Nabelschau unter Medienschaffenden
Der Verein Maurmer Zeitung will die Dorfzeitung «Maurmer Post» übernehmen. Das war die Schlusspointe einer hochkarätigen Diskussionsrunde.
Eines muss man Thomas Renggli, Ex-Chefredaktor der «Maurmer Post» und heutiger Verleger des Konkurrenzprodukts «Maurmer Zeitung», lassen: Er weiss sein Netzwerk zu nutzen. Ein von ihm hochkarätig zusammengesetztes Podium diskutierte am Donnerstagabend über die Bedeutung des Lokaljournalismus im Allgemeinen und die vertrackte Situation in Maur im Speziellen.
Arthur Rutishauser (Chefredaktor SonntagsZeitung), Ljilja Mucibabic (stv. Chefredaktorin Zürcher Oberland Medien), die Medienunternehmer Roger Schawinski (Radio 1) und Bruno Hug (Linth24) sowie Renggli selbst fanden unter der Diskussionsleitung von Marc Jäggi (Radio 1) zum wenig überraschenden Grundtenor: Lokaljournalismus ist wichtig, aber heute schwierig zu finanzieren.
Rund 50 Interessierte verfolgten die animierte Diskussion. Der organisierende Verein Maurmer Zeitung hatte mit mindestens der doppelten Zahl gerechnet. Doch die witterungsbedingt prekären Verkehrsverhältnisse sorgten für einen eher intimen Rahmen im Restaurant Schifflände in Maur.
Begonnen hatte die Diskussion mit gut 30-minütiger Verspätung und in Unterzahl. Roger Schawinski und Bruno Hug stiessen weitere 20 Minuten später zur Runde. «Wir brauchten vom Pfauen in Zürich nach Maur eine Stunde und 45 Minuten», meinte Schawinski halb belustigt, halb genervt.
Angesichts der Distanz von 12,5 Kilometern hatten sich die beiden Medienunternehmer folglich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,2 km/h durch den Wintereinbruch gekämpft. Diesen Kampf aufgegeben hatte Rolf Bollmann (Mitbegründer «20 Minuten»), für den in Stettbach Endstation war.



Deutlich mehr Drive als die Fahrgemeinschaft Schawinski/Hug hatte die Diskussion über den Lokaljournalismus und das Spannungsfeld zwischen seiner unbestrittenen Bedeutung für die Meinungsbildung und seiner geringen Relevanz im Werbemarkt.
«Zerstörende» Einnahmensituation
Als «zerstörend» bezeichnete Bruno Hug die Einnahmensituation im Online-Journalismus und untermalte diese Wortwahl an einem Beispiel. 1981 hatte der Medienunternehmer die Wochenzeitung «Obersee Nachrichten» gegründet, die er 1999 an die Somedia in Chur verkaufte.
Er habe mit Inseraten einen jährlichen Umsatz von rund 4 Millionen Franken gemacht, so Hug, der heute das publizistisch erfolgreiche Onlineportal «Linth24» betreibt. Mit den ungefähr gleichen Nutzerzahlen erziele er mit seinem Onlineangebot einen Werbeumsatz von jährlich 300’000 Franken.
«Grosskonzerne wie Google und Meta kassieren die Werbeeinnahmen, die uns heute fehlen», brachte es Arthur Rutishauser auf den Punkt.
Wie also lassen sich Regionalmedien finanzieren? Subventionen seien durchaus ein Ansatz, meinte Schawinski. «Aber das funktioniert nicht, wenn jene Stellen subventionieren, über die berichtet wird.»
Das war und ist in Maur der Fall und führte auch zum eigentümlichen Umstand, dass heute zwei Gemeindepostillen produziert werden: die «Maurmer Post», die von der Gemeinde herausgegeben wird, und die «Maurmer Zeitung» von deren Ex-Chefredaktor Thomas Renggli, die unabhängigen Journalismus betreibt.
Die Gemeindemedien sind ZO-Journalistin Ljilja Mucibabic nicht nur inhaltlich, sondern auch finanziell ein Dorn im Auge: «Die Gemeinden bauen eigene ‹Blättli› auf, publizieren dort ihre amtlichen Mitteilungen und verkaufen nebenbei noch Werbung, die dann den unabhängigen Lokalmedien fehlt.»
«Maurmer Zeitung» will «Maurmer Post» übernehmen
In Maur laufen derweil Bestrebungen, die «Maurmer Post» inhaltlich von der Gemeinde zu lösen. Bis im März 2024 war Thomas Renggli Chefredaktor der Dorfzeitung. Sein befristeter Vertrag wurde nicht verlängert, nachdem er einen höchst umstrittenen Artikel über ein mutmassliches Tötungsdelikt in Maur ins Blatt gerückt hatte.
In den kommenden Wochen will der Verein Maurmer Zeitung eine Einzelinitiative lancieren, die eine Neuordnung der lokalen Mediensituation vorsieht. Dies erklärte Vereinspräsident Peter Leutenegger am Ende der Diskussion. Faktisch geht es um eine Übernahme der «Maurmer Post».
Inhalt der Initiative ist, dass die Gemeinde nicht länger Herausgeberin der «Maurmer Post» ist, sondern die redaktionelle Verantwortung dem Verein Maurmer Zeitung mit einem Leistungsauftrag überträgt. Dieser Leistungsauftrag soll mit jährlich 275’000 Franken abgegolten werden. Aktuell bezahlt die Gemeinde jedes Jahr 320’000 Franken für die «Maurmer Post».
Der Verein umfasst mittlerweile rund 200 Mitglieder – und dürfte an einer Gemeindeversammlung durchaus ein ernstzunehmender Machtfaktor sein.
