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Dieses Kalb bleibt bei der grössten Hitze cool

Die Klimaerwärmung macht auch den Kühen zu schaffen. Das Einkreuzen eines Rindergens aus der Karibik soll ihre Hitzetoleranz erhöhen. In Lindau steht ein erstes Slick-Gen-Kalb.

Dieses Kalb bleibt bei der grössten Hitze cool

Forschung am Strickhof

Die Klimaerwärmung macht auch den Kühen zu schaffen. Das Einkreuzen eines Rindergens aus der Karibik soll ihre Hitzetoleranz erhöhen. In Lindau steht ein erstes Slick-Gen-Kalb.

«Schaut, wie gechillt unser Cool Girl dasteht.» Katrin Müller streicht dem schwarz-weissen Kälbchen sanft über den Kopf. «Jetzt beginnt es auch noch wiederzukäuen. Das machen Kühe nur, wenn sie entspannt sind.»

Tatsächlich: Völlig unbeeindruckt präsentiert sich das Tier dem Fotografen. Selbst als unverhofft ein Traktor über den Platz beim Kälberstall des Strickhofs rattert, zuckt es kaum mit den Ohren. «Jedes andere hätte jetzt mit uns wohl das Kalb gemacht», sagt Katrin Müller mit einem Schmunzeln. Als Kälberexpertin, Beraterin und Lehrerin am landwirtschaftlichen Kompetenzzentrum in Lindau weiss sie, wovon sie spricht.

Wärmetage belasten Stoffwechsel

Cool Girl heisst jedoch nicht so, weil es tiefenentspannt ist. Das siebenwöchige Kalb ist vielmehr hitzetoleranter als die herkömmlichen Schweizer Kühe. Möglich macht dies das sogenannte Slick-Gen. Dieses stammt von der karibischen Kuhrasse Senepol. An Hitzetagen können die Slick-Gen-Kühe ihre Körpertemperatur um bis zu einem Grad tiefer halten.

«Temperaturen zwischen 5 und 15 Grad sind für Kühe ideal», weiss Katrin Müller, ab 24 Grad werde jedes Grad mehr zur Belastung für den Stoffwechsel. «Die auch bei uns zunehmenden Hitzetage werden so zum Stresstest.» Die Folge seien tiefere Milchleistungen und eine verminderte Fruchtbarkeit – «vom Tierwohl ganz zu schweigen».

Die Forschungsställe am Strickhof sind hoch und gut durchlüftet. Trotzdem steigen auch hier die Temperaturen während der Sommermonate über die kritische Grenze. Der Einsatz von Sprinkleranlagen habe sich als zweischneidig erwiesen: «Hitzestress entsteht in Abhängigkeit von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Werden feine Wassertropfen im warmen Stall verteilt, steigt die Luftfeuchtigkeit und somit der Hitzestress.»

Mehr Haut als herkömmliche Kühe

Slick-Gen-Kühe haben eine im Vergleich rund 30 Prozent grössere Hautoberfläche. Augenfällig wird dieses Mehr an Haut in den Falten im Nackenbereich. Dazu kommen leistungsstärkere Schweissdrüsen und ein sehr kurzes Sommerfell: «Der Schweiss verdunstet so direkt auf der Haut und kühlt das darunterliegende Blut», erklärt Katrin Müller. «Die Kühe bleiben sozusagen von sich aus cool.»

Das Kalb «Cool Girl» auf dem Strickhof - Katrin Müller - Foto: Roger Hofstetter
Die vielen Hautfalten am Hals sind ein typisches Merkmal der Slick-Gen-Kühe.

Eine bessere Kühlung bedeute einen besseren Stoffwechsel. Und der wiederum schlage sich in einer besseren Milchleistung nieder. «Kühe produzieren Milch im Liegen. Dann ist das Euter entlastet und die Blutzirkulation besser.» Haben sie zu warm, reduzieren sie das Fressen und bleiben häufiger stehen.

Anders die Slick-Gen-Kühe: Forschungsergebnisse aus Puerto Rico würden zeigen, dass sie an heissen Tagen bis zu vier Liter mehr Milch pro Tag produzieren. Ein weiterer Pluspunkt scheint ihr leicht öliges Fell zu sein. «Anscheinend zieht dieses weniger Fliegen an», sagt Katrin Müller. Noch gäbe es dazu keine Studien. «Für das Tierwohl wäre das aber super.» Dies sei ein Punkt, den man im Strickhof im Auge behalten wolle.

In die Schweiz gebracht hat das Slick-Gen vor rund vier Jahren der Agronom Rudolf Haudenschild, und zwar aus den USA. Heute vermarktet er es gemeinsam mit einem Partner über das Züchtersyndikat «Keep Cool». Kälbchen Cool Girl ist die Tochter eines sogenannten «Köferli-Muni», ihre Mutter Ursina, eine Holsteinkuh, wurde – wie auf Milchviehbetrieben üblich – künstlich besamt.

Vererbungsquote liegt bei 50 Prozent

Samenlieferant Thermo ist einer von drei aktuell in der Schweiz verfügbaren Slick-Gen-Stieren. «Normalerweise erhalten Kälber einen Namen mit dem ersten Buchstaben ihrer Mutter», sagt Katrin Müller. «Slick-Gen-Kälber sind in der Schweiz noch so ausssergewöhnlich, dass wir hier von der Regel abweichen.»

Die Chance, dass Stier Thermo das Cool-Gen an seine Nachkommen weitergibt, liegt bei 50 Prozent. Aufklärung darüber gibt jeweils ein Test des genetischen Gewebes, das beim Anbringen der Ohrmarken anfällt.

Das Kalb «Cool Girl» auf dem Strickhof - Katrin Müller - Foto: Roger Hofstetter
Beim Anbringen der Ohrmarken fällt jeweils Gewebe an. Dessen Untersuchung im Labor zeigt, ob das Slick-Gen vererbt wurde.

Sie vergleicht den Einsatz des Slick-Gens mit der genetischen Implementierung der Hornlosigkeit. «Sind auf einem Milchviehbetrieb keine Hörner erwünscht, werden diese bei den Kälbern unter Narkose entfernt.» Genetische Hornlosigkeit erspare Kalb und Landwirt das Prozedere.

Eine weitere hitzetolerante Rinderrasse sind die Zebus aus dem Senegal. «Anders als die Senepols sind dies aber sehr nervöse Tiere», sagt Katrin Müller. Damit würde ein Verladen, ein Tierspitalbesuch zu einer Rallye – von einem Alpauftrieb ganz zu schweigen. «Solche Kühe können wir auf unseren Schweizer Bauernhöfen nicht brauchen.»

Noch ist Cool Girl unter den rund 150 Rindern am Strickhof das Einzige mit dem Slick-Gen. Im November soll ein weiteres Cool-Kalb zur Welt kommen – vorausgesetzt, das Slick-Gen von Stier Thermo vererbt sich. «In ein paar Jahren werden genetisch hitzetolerante Kühe ähnlich unspektakulär sein wie genetisch hornlose», glaubt Katrin Müller. «Und dann werden die Kälber auch wieder Namen mit dem Anfangsbuchstaben ihrer Mutter erhalten.»

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