Dieser Maurmer löst die Multimedia-Probleme der Babyboomer
Ob Netflix-Passwort oder TV-Senderliste
Seit 44 Jahren ist Max Masur (68) aus Maur als Einzelmaske mit seiner Audio Video Masur GmbH am Markt. Weil er sich konsequent auf seine Generation ausrichtet.
Will man über die Entwicklung der Unterhaltungselektronik sprechen, führt kein Weg am Komparativ vorbei.
Schneller, leistungsstärker, je nach Bedarf grösser oder kleiner, vielfältiger, raffinierter, praktischer, günstiger. Kurz, der rasante Fortschritt liefert uns aus technischer Sicht immer bessere Geräte. Doch sind sie auch bedienungsfreundlicher?
Die Antwort auf diese Frage liegt im Auge des Betrachtenden – und hängt wohl auch in grossem Masse von dessen Jahrgang ab. Während das Gros der jüngeren und mittleren Generation sie wohl bejahen würde, sieht das die Kundschaft von Max Masur dezidiert anders.
«Die Leute, die zu mir kommen, sind zwischen 60 und 100 Jahre alt. Die können und wollen da gar nicht mehr Schritt halten», erklärt der Maurmer, der seit mittlerweile 44 Jahren sein eigenes kleines Audio-Video-Geschäft auf der Forch betreibt.
Seine Dienste sind gefragt
Tatsächlich hat es der 68-Jährige der Generation der Babyboomer zu verdanken, dass er heute noch am Markt ist. Sie lässt sich von ihm beraten, kauft zuweilen auch Fernseher oder Stereoanlagen und lässt sich diese von ihm installieren.

Vor allem aber bittet sie ihn um Hilfe, wenn sie ein Problem hat, das sie nicht lösen kann. Und von denen gibt es reichlich.
Das Internet funktioniert nicht. Die Telefonleitung ist tot. Das Passwort für Netflix ging vergessen. Die Suche bei Youtube führt nicht zu den gewünschten Resultaten. Die TV-Sender-Liste muss neu eingestellt werden.
Seniorinnen und Senioren sind wunderbare Kunden. Sie zahlen rechtzeitig, und man kann drei- oder viermal vorbeigehen, bis sie es wirklich begriffen haben.
Max Masur
In Zeiten, in denen das Angebot immer grösser und der Support immer unpersönlicher wird, sind die Dienste Masurs gefragt.
Er sagt: «Seniorinnen und Senioren sind wunderbare Kunden. Sie zahlen rechtzeitig, und man kann drei- oder viermal vorbeigehen, bis sie es wirklich begriffen haben.»
Den Senioren fehlt die Geduld
Masur ist sich bewusst, dass man diese Aussage auch spöttisch verstehen kann. Doch nichts läge ihm, der ebenfalls AHV bezieht, ferner. Das geschäftliche Verhältnis ist für ihn in der Regel ein freundschaftliches. «Nach getaner Arbeit gibt es meist noch einen Kaffee oder ein Glas Wein.»

Manchmal ist das Problem gar so trivial, dass es genügt, den Stecker auszuziehen und wieder einzustecken. Masur weiss genau, warum: «Meine Generation hat in der analogen Welt gelebt. Wenn der Schalter kippt, läuft der Fernseher – das sitzt tief in uns drin. Digitale Geräte müssen dagegen hochgefahren werden, was Zeit benötigt. Dafür fehlt uns die Geduld.»
Er gibt zu, dass es auch ihm nicht immer einfach fällt, auf der Höhe zu sein – obschon das ja immer die Essenz seines Berufs gewesen ist. Insbesondere die Überhandnahme der IT fordert ihn heraus.
Doch mit seiner Rolle als Problemlöser für ältere Menschen hat er sich in eine Nische gesetzt, in der es sich mit seinem Beruf als selbständiger Radio-TV-Elektroniker – so hiess der Beruf einst – wirtschaften lässt. Und er weiss sehr wohl, dass das nicht selbstverständlich ist.
Von der Werkstatt zum Laden
Vor rund 50 Jahren, als er sich für die entsprechende Berufslehre und später auch gegen den Einstieg ins väterliche Taxiunternehmen entscheidet, herrscht in der Branche noch Aufbruchstimmung.
1980 gründet er seine eigene Firma und richtet sich eine Werkstatt im Elternhaus ein. Das Geschäft läuft gut, Masur setzt auf Reparaturen. Mit der Zeit kommt der Vertrieb von Fernsehern, Radios und den ersten Mobiltelefonen hinzu.




Die schweren Koffer, in denen diese damals noch verstaut sind, mögen heute fast schon skurril anmuten, doch damals sind sie eine Neuheit – und insbesondere in den wohlhabenden Gegenden rund um den Pfannenstiel beliebt.
Mitte der 1990er Jahre übernimmt er das Elternhaus und baut es aus. Zur Werkstatt kommt ein Showroom, ein eigentliches Ladenlokal mitten im Einfamilienhausquartier, in das er Kundschaft ziehen kann. Im Hintergrund übernimmt seine Frau Corinna das Backoffice.
Das gleichzeitige Aufkommen der Discounter und des Elektro-Grossfachmarkts Media-Markt verkraftet er noch ohne grössere Verluste: «Die Preise waren damals nicht tief genug, um mein Geschäftsmodell wirklich in Gefahr zu bringen.»
Statt sich wegen der Konkurrenz zu grämen, setzt er auf Beratung, Hausservice, Reparaturen, Qualität und eine stammkundenfreundliche Preispolitik. «Wenn der Fernseher am Samstagabend nicht funktioniert, dann komme ich vorbei und bringe das Ersatzgerät», beschreibt er das exemplarisch.

Der Marken- und Produktevielfalt begegnet er mit einer Fokussierung. Er setzt auf wenige, dafür verlässliche Brands. Als er Mitte der 2000er Jahre merkt, dass es mit Mobiltelefonen kaum mehr Geld zu verdienen gibt, nimmt er diese aus dem Sortiment.
Gleichzeitig bildet er sich laufend weiter. Anfänglich werden die Kurse von den Herstellern angeboten. Dann, als sich diese langsam von diesem Modell verabschieden, tut er es auf eigene Faust.
Der Internethandel bereinigt die Branche
Das alles geht gut, bis der Internethandel, der sogenannte E-Commerce, in der ersten Hälfte der 2010er Jahre seinen Siegeszug antritt. Er löst in der Branche eine Flurbereinigung aus, der viele seiner Mitbewerber zum Opfer fallen.
Masur aber überlebt. Weil er den Vorteil geniesst, dass er seine Ladenfläche im eigenen Haus hat und keine Miete bezahlen muss. Weil er keinen Angestellten auf der Lohnliste hat. Und weil die neue Welt der Technologie für seine Kundschaft immer mehr Herausforderungen mitbringt.
«Es war wirklich eine harte Zeit, ich dachte ernsthaft daran aufzugeben», erinnert er sich. Dass viele Kunden nicht mehr gekommen seien, habe ihm darüber hinaus auch persönlich wehgetan.

Er erlebt Enttäuschungen, erfährt, dass Leute, die sich von ihm beraten lassen, das TV-Gerät anschliessend im Internet kaufen. «Als sie am Samstag um 16 Uhr vor dem Laden standen und mich um ein HDMI-Kabel baten, das nicht mitgeliefert worden ist, konnte ich ihnen dann wenigstens dieses noch verkaufen – zum vollen Preis», erzählt er.
Mit Genugtuung stellt er bald darauf aber fest, dass die Zahl seiner Kundinnen und Kunden wieder zunimmt. Der Grund? «Nachdem sie im Internet dreimal auf die Schnauze gefallen sind, hatten sie wohl genug davon.»
Es ist der Lohn für die Anstrengungen, die er zuvor in seine Serviceleistung gesteckt hat. Die Leute wissen: Das Internet mag günstig und verlockend sein, doch bei Max Masur funktionierts.
Altern mit der Kundschaft
Die goldenen Zeiten sind allerdings auch für ihn vorbei. Die Realität beschränkt seine Möglichkeiten. Sei es bei den Preisen. Beim Umstand, dass die neuen Produkte so kompakt gebaut sind, dass man die meisten Defekte gar nicht mehr reparieren kann. Oder schlicht beim Alter der Kundschaft.
Die Jungen brauchen mich nicht mehr, und das ist völlig in Ordnung.
Max Masur
Wobei ihn das gar nicht so stört. Den Beruf, wie er ihn ausübe, gebe es heute so nicht mehr. «Die Jungen brauchen mich nicht mehr, und das ist völlig in Ordnung», bringt es Masur auf den Punkt.
In der Kombination mit seiner AHV-Rente beschere ihm sein Geschäft ein schönes Auskommen. «Und ich muss mich für niemanden mehr verbiegen», ergänzt er.
Hat sein Geschäft also kein Ablaufdatum? «Ich weiss es nicht», sagt Masur. «Ich glaube, ich werde jetzt einfach gemeinsam mit meinen Kundinnen und Kunden alt.»
