Schuldenberg und Streit mit den Gläubigern – ist das Spital Wetzikon zu retten?
Showdown in der Spitalkrise
Dem GZO Spital droht der Konkurs. Am Freitag treffen die Spitalleitung und Gläubiger aufeinander. Der Weg aus der Krise könnte alle Beteiligten viel Geld kosten: Anleger, Banken und Gemeinden.
Die Patientin ist stabil. Die Ärzte haben sie ins künstliche Koma versetzt. Die lebenswichtigen Organe scheinen zu funktionieren, aber da klaffen Löcher, und es gibt eine grosse Einblutung, für die die Spezialistinnen dringend eine Lösung brauchen.
Die Patientin ist das Spital Wetzikon. Ein Regionalspital mit 900 Mitarbeitenden, eine der grössten Arbeitgeberinnen im Zürcher Oberland. Und: Es gehört vollständig zwölf Gemeinden in der Region.
Ist diese Patientin noch zu retten?
Die Gesundheitsversorgung Zürcher Oberland (GZO) AG, die das Spital betreibt, befindet sich seit Ende April in der provisorischen Nachlassstundung, dem finanzrechtlichen Koma. Die AG ist vor Betreibungen geschützt und wird von zwei Juristen überwacht.
> > Lesen Sie hier, was bisher in der Wetziker Spitalkrise passiert ist.
Die lebenswichtigen Organe, der Kern des Spitals, sind noch funktionsfähig: Das Spital schreibt nach eigenen Angaben mit der Versorgung von Patienten schwarze Zahlen. Doch das GZO hat einen gigantischen Schuldenberg von 285 Millionen Franken angehäuft samt Bauruine. Ist diese Patientin noch zu retten?

Erste Antworten der Involvierten auf diese Frage sind am Freitag zu erwarten. Dann will die Spitalführung ihre Pläne zur Rettung präsentieren.
Klar scheint: Es braucht eine Notoperation.
Operation mit Risiken
Diese Redaktion hat in den letzten Tagen mit rund einem Dutzend Menschen Gespräche geführt, die mit dem Spital Wetzikon und seiner schwierigen Situation vertraut sind. Zitieren lassen will sich niemand, die Anspannung scheint bei allen Beteiligten gross. Diese Gespräche sowie öffentliche Zahlen geben aber Hinweise darauf, wie die Notoperation an der GZO AG aussehen könnte.
Die Sache ist kompliziert: Es gibt verschiedene rechtliche und finanzielle Abhängigkeiten. Zudem muss am Ende eine Mehrheit aller Gläubiger zustimmen.
Für ein Gelingen braucht es vereinfacht ausgedrückt drei Säulen: weniger Schulden, mehr Geld, und ein tragfähiges Geschäftsmodell für die Zukunft.
Bricht eine der drei Säulen weg, droht das Konstrukt einzustürzen.
Schulden lasten schwer
Das Hauptproblem der AG sind die hohen Schulden und die damit verbundenen Zinsen.
Verbindlichkeiten von 285 Millionen Franken stehen per Ende August in den Büchern, wobei die Zahlen gemäss provisorischer Bilanz «mit wesentlichen Unsicherheiten behaftet» sind.
Mehr als die Hälfte der Schulden, insgesamt 170 Millionen Franken, hat sich das Spital an der Börse geliehen. Dieses Geld hätte ohne Nachlassstundung per Juli zurückgezahlt werden müssen. Wer genau die Gläubiger sind, sagt das Spital nicht. Der Kreis besteht gerüchteweise aus Banken, Pensionskassen, Privaten und Investoren.
Eine besondere Rolle kommt in diesem Zusammenhang der GZO Creditor Group zu. Diese Gruppe um den Investor Gregor Greber hat einen Teil der Schulden günstig an der Börse gekauft und will gemäss Aussagen auf ihrer Website möglichst alles Geld aus der Anleihe zurückbekommen. Denn die Investoren sind überzeugt: Die Vermögenswerte der AG sind höher, als sie das Spital ausgewiesen hat.

Zu den Anleiheschulden kommen 60 Millionen Franken langfristige Darlehen. 40 Millionen Franken davon stammen gemäss Recherchen des «SonntagsBlicks» von einem sogenannten Schuldscheindarlehen der Postfinance. Wer die restlichen 20 Millionen geliehen hat, ist unklar. Dazu kommen offene Lieferantenrechnungen, weitere kurzfristige Schulden und Verbindlichkeiten.
Diese gesamte Schuldenlast droht das Spital zu erdrücken.
Deshalb ist die Grundidee des Sanierungsplans gemäss Insidern: Alle müssen bluten. Oder anders gesagt: Jeder leistet einen Beitrag an die Sanierung des Unternehmens.
Fast alle Anleger verlieren dann Geld. Insider sprechen von einem Schuldenschnitt von 30 bis 50 Prozent. Von noch mehr geht vorsichtshalber die Postfinance aus. Sie hat in ihrem Halbjahresbericht den Wert des GZO-Schuldscheindarlehens um 60 Prozent nach unten korrigiert; von 40 auf 16 Millionen Franken.
Frisches Geld scheint nötig
Neben den hohen Schulden hat die Firma zu wenig Eigenkapital, wie die ZKB in einer Analyse zum Spital Wetzikon im Sommer festhielt. Die AG braucht frisches Geld. Doch Investoren wollen nicht mehr einsteigen, ein Käufer für den unfertigen Neubau ist aktuell nicht in Sicht. Der Kanton zahlt ebenfalls nicht und hat das Spital im April als «nicht unverzichtbar» eingestuft.
Also bleiben die Gemeinden als Eigentümer des Spitals. Sie haben bereits im Sommer signalisiert, dass sie unter bestimmten, nicht genauer bezeichneten Voraussetzungen zu einer Kapitalerhöhung bereit wären.
Wie viel frisches Geld nötig wäre, hängt ebenfalls von der Höhe des Schuldenschnitts und dem künftigen Geschäftsmodell ab. Es dürfte um eine Summe von 60 bis 80 Millionen Franken gehen.
80 Millionen Franken Kapitalerhöhung nannte auch Gregor Greber in einem Papier, das auf der Website der Investoren publiziert wurde. Diese Summe wollen die Investoren von Pascal Bassu gehört haben, dem Wetziker Stadtpräsidenten und Sprecher des Ausschusses der Aktionärsgemeinden.
«Diese Darstellung ist schlicht falsch», sagt Bassu auf Anfrage. Er habe Greber nie eine Zahl genannt. Zudem gebe es von den Gemeinden derzeit keine Zusagen über konkrete Summen. Mehr will Bassu nicht sagen.

Würden sich die Aktionärsgemeinden entscheiden, Geld in die AG einzuschiessen, müssten sie sich dieses wohl bei Banken leihen. Oder sie erhöhen die Steuern, um den Betrag aufzubringen. Beides müsste das Volk absegnen, in allen zwölf Gemeinden.
Zukunft: Mit oder ohne Neubau?
Aber selbst wenn ein Schuldenschnitt und eine Kapitalerhöhung gelingen würden: Wie sieht das künftige Geschäftsmodell aus?
Diese Frage wird gemäss den involvierten Personen entscheidend sein, um Gläubiger, Gemeinden und letztlich die Sachwalter sowie das Nachlassgericht vom Sanierungsplan zu überzeugen.
Dafür muss das Spital das Problem mit seinem Betonklotz lösen: Ein Teil der Schulden steckt in einem Neubau. Das Gebäude ist gemäss Darstellung des Spitals zu 70 Prozent fertiggestellt. Ob das stimmt, lässt sich ohne Detailkenntnisse nicht überprüfen. Die Baustelle steht seit Mai still.
Denn die Generalunternehmung Steiner AG befindet sich ebenfalls in Nachlassstundung. Die beiden Parteien streiten noch, wer wie viel Geld von wem bekommt. Das GZO sagt, der Generalunternehmung stünden für den gesamten Bau 225 Millionen Franken zu, die Steiner AG fordere nun aber 340 Millionen Franken. Wie viel die GZO AG der Generalunternehmung für bereits geleistete Arbeit noch zahlen muss, ist unklar.
Nur: Was plant das Spital mit der Bauruine? Fertig bauen? Umnutzen? Und, wenn ja, wie?

Aktuell hat das Spital noch fast 90 Millionen Franken flüssig. Im Falle einer Kapitalerhöhung samt Schuldenschnitt wäre genügend Geld vorhanden, um das Gebäude fertig zu bauen, den Altbau zu sanieren und beide teilweise umzunutzen.
In der provisorischen Bilanz per Ende August kündigt die Spitalleitung aber einen Abschreiber von 97 bis 127 Millionen Franken auf den Immobilien an. Aktuell steht der Rohbau mit 95 Millionen Franken in den Büchern. Es ist aber unklar, welche Gebäude konkret weniger wert sind und wie viel der Summe auf den Neubau entfallen.
Der Abschreiber könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Spitalleitung den Betrieb künftig nur mit einem Gebäudeteil oder ohne Neubau führen will.
Die Zahlen könnten aber auch sehr bewusst eingesetzt worden sein, um den Gläubigern zu zeigen, wie schlecht es mutmasslich um das Spital steht. Dies, um so den Druck zu erhöhen, einem Schuldenschnitt zuzustimmen. Die Investoren der GZO Creditor Group sprechen in einer Medienmitteilung explizit von einer «Einschüchterungstaktik». Die Investorengruppe geht in einer eigenen Bewertung von einem viel höheren Wert aus.
Erste Machtprobe mit den Gläubigern
Im Moment setzt die Spitalleitung noch auf Vollbetrieb. Denn Vertrauen ist zurzeit die wichtigste Währung. Nur, wenn das Personal mitzieht und die Patientinnen das Spital aufsuchen und die GZO AG so schwarze Zahlen schreibt, kann die Notoperation gelingen.
Ende Jahr entscheidet das Nachlassgericht, ob das Spital weitere ein bis zwei Jahre Zeit bekommt, die Notoperation zu konkretisieren. Dazu müssen die Juristen zur Einschätzung gelangen, dass eine realistische Chance auf eine Sanierung besteht und sich eine Mehrheit der Gläubiger dahinter stellt.
Am Freitag geht es deshalb für die Spitalleitung vorderhand darum, mit einem Grossteil der Gläubiger zu besprechen, ob sie eher für die Notoperation sind oder die Maschinen abstellen und das Spital in Konkurs schicken wollen.
Es kommt also gewissermassen zur Machtprobe zwischen der Spitalleitung und den Investoren um Gregor Greber. Wie viele Gläubiger sind bereit, auf Geld zu verzichten, um das Spital zu retten und erst in der Zukunft Geld zu bekommen? Und wie viele spekulieren darauf, dass in diesem Spital doch noch mehr Kapital steckt, das sie im Falle einer Abwicklung und Liquidation bekommen würden?
Von der Not-OP zur Organspende
Die Versammlung ist aber vor allem ein Gradmesser. Denn, selbst wenn sich ein Grossteil der Aktionäre am Freitag kritisch zur Not-OP äussern sollte, kann das Gericht dem Spital trotzdem zusätzlich Zeit in der definitiven Nachlassstundung gewähren, um die Pläne zu verfeinern.
Trotz aller Rettungsszenarien besteht aber das Risiko, dass das Nachlassgericht eine Verlängerung ausschlägt oder die Gläubiger später den Sanierungsplan doch noch ablehnen. In diesem Fall würden die Maschinen abgestellt, die gesunden Teile verkauft und mit dem Erlös zumindest ein Teil der Schulden gedeckt werden.
Die Patientin würde dann zur Organspenderin.