Diese Farmfluencer geben Einblick in ihren Alltag
Landwirtschaft im Realitätscheck
Vom Säen bis zum Brot, von der Geburt bis zum Grill: Die Farmfluencer des Zürcher Bauernverbands präsentieren das wahre Leben als Landwirte – echt und ungeschönt.
Auf dem Quellhof in Mesikon bei Illnau ist die Scheune gefüllt mit 50 Tonnen Kartoffeln. Sie alle sind entweder zu gross, zu klein, aufgerissen oder haben grüne Stellen. Somit können sie nicht mehr im Grosshandel verkauft werden.
Was jetzt mit ihnen passiert, zeigt Landwirtin Bettina Hübscher in einem Video. Denn statt vergoren und zu Biogas werden diese Kartoffeln über den Winter an ihre Kühe verfüttert. «Die Tiere stürzen sich jeweils begeistert darauf.»
Es ist einer dieser Blicke hinter die Kulissen in der Landwirtschaft, die der Zürcher Bauernverband (ZBV) mit dem Projekt «Farmfluencer» ermöglichen will. Bettina Hübscher ist eine von 25 Farmfluencern im Kanton – eine Kombination von «Farmer», englisch Bauer, und «Influencer». Gestartet hat das Projekt im Dezember 2021. Seither wurden über 500 Videos veröffentlicht.
«Das Ziel des Projekts ist es, die Produzenten und die Konsumenten näher zusammenzubringen und gegenseitiges Verständnis zu schaffen», sagt Nathanael Helfenstein vom ZBV. Jeder Farmfluencer nimmt sich einem Kernthema seines Betriebs an und dokumentiert dieses von A bis Z. «Es wird gezeigt, was man macht, und erklärt, weshalb man etwas so macht. Das führt vielfach zu mehr Verständnis.»
Von 100 definierten Themen sind bisher rund ein Viertel umgesetzt worden, wobei ein Thema im Schnitt in 20 Episoden erklärt wird. Auf Instagram hat der Account «farmfluencer_ch» über 12’000 Follower, auf Facebook sind es über den Account «NaturTalent» sogar über 35’000.
Bettina Hübscher versucht dabei aufzuzeigen, wie sie das Thema Nachhaltigkeit im Alltag lebt. Wie für viele Landwirte, die beim Projekt mitmachen, hatte auch sie zuvor keine Erfahrung vor oder hinter der Kamera. «Es brauchte zu Beginn etwas Überwindung, aber ich finde es eine gute Idee, der Bevölkerung auf diese Art unsere Arbeit näherzubringen.»
Sie mache die Erfahrung, dass ein zunehmender Teil der Bevölkerung kaum mehr Berührungspunkte mit der Landwirtschaft hat und die Zusammenhänge nicht sieht. Diese Leute würden tendenziell in zwei Extremen denken: «Die einen haben ein völlig verklärtes Bild von einer Landidylle, die im letzten oder gar vorletzten Jahrhundert stehengeblieben ist», fasst sie zusammen. «Und die anderen denken, es ist alles nur noch herzlose Industrie, es gäbe nur noch Massentierhaltung und Raubbau an der Natur.»
Vom Podcast zum Video
Ähnliche Erfahrungen macht auch Pascal Ott. Er hat als Projekt in seiner Ausbildung zum Agrotechniker am Strickhof in Lindau gemeinsam mit zwei Kolleginen einen Agrarpolitik-Podcast umgesetzt. Das Team meldete sich beim ZBV, um ihn als Sponsor für den Podcast zu gewinnen. «Die Verantwortlichen sagten Ja, mit der Bedingung, dass wir im Gegenzug als Farmfluencer Videos zum Thema Selbstversorgungsgrad produzieren», erzählt er.
Mittlerweile ist das Podcast-Projekt beendet, dafür sind schon zwei Themenreihen für den ZBV abgedreht. Nach der Serie zum Selbstversorgungsgrad folgte eine weitere zum Thema Berufsbild Bauer. «Es ist wichtig, dass die Bevölkerung versteht, warum wir was machen», sagt er. «Ich hatte selten Diskussionen, die nicht mit dem erhofften Verständnis für die Schweizer Landwirtschaft endeten.»
Als Beispiele nennt er die Notwendigkeit, teilweise auch nachts mit den Traktoren auf dem Feld unterwegs zu sein. «Aber das ist aufgrund des Wetters manchmal einfach unumgänglich.» Auch wenn Pflanzenschutzmittel auf den Feldern verteilt wird, sehe das oft für das ungeübte Auge schlimm aus. «Als ob wir Tausende von Litern Gift versprühen würden – wobei einige Liter Pflanzenschutzmittel vielmehr mit einigen tausend Liter Wasser verdünnt wird. Getreu nach dem Grundsatz, so viel wie nötig, so wenig wie möglich.»
Die Ziegenkäse-Nachfolger
Um den Landwirten vor Ort über die Schulter blicken zu können, organisiert der ZBV jedes Jahr im Herbst die Veranstaltung «Vo Puur zu Puur», die jeweils bis zu 20’000 Besucher auf den verschiedenen Höfen anlockt. Das Projekt «Farmfluencer» soll diesen Aktionstag ergänzen.
Am Aktionstag «Vo Puur zu Puur» haben jeweils auch die Farmfluencer Monika und Koni Schuppli aus Girenbad die Türen zu ihrer Geisse-Chäsi geöffnet. Das Interesse am Blick hinter die Kulissen können die beiden nur bestätigen. «Wir wurden richtiggehend überrannt», erzählt Monika Schuppli.
Sie wurden von rund einem Jahr vom ZBV angefragt, ob sie eine Serie zum Thema Ziegenkäse produzieren wollen. Dies mit einem traurigen Hintergrund, denn eigentlich gab es bereits einen Bauern, der das Thema bei sich hatte. «Er hatte jedoch ein Burn-out und man suchte einen Nachfolger», sagt Koni Schuppli.
Somit ist ihr Beitrag als Farmfluencer bereits wieder abgeschlossen. Derzeit wird jedoch die Website von Schupplis Geisse-Chäsi überarbeitet. Die Teilnahme am Projekt hat die beiden dazu veranlasst, darüber nachzudenken, inwiefern auch die Social-Media-Präsenz ihrer Käserei noch gepusht werden sollte. «Aber eigentlich hätten wir auch sonst schon genug zu tun», meint Monika Schuppli.
Wie bei allen Farmfluencern filmten Monika und Koni Schuppli mit ihren Handys die Arbeitsschritte und schicken das Videomaterial zusammen mit einer Tonspur an den ZBV. Dort werden die einzelnen Elemente zu Videos zusammengeschnitten. Die acht Episoden zur Ziegenkäse-Produktion entstanden innert eines halben Jahrs. «Immer, wenn wir grad Zeit hatten», erzählt Koni Schuppli.
Neben Bettina Hübscher, Pascal Ott und dem Ehepaar Schuppli haben bisher drei weitere regionale Vertreter Beiträge unter dem Label Farmfluencer des Zürcher Bauernverbands produziert: José Carvalho aus Kollbrunn mit dem Thema Schafe, Thomas Oswald aus Rüti zum Thema Apfel sowie Stefan Beerstecher zum Thema Hors-Sol-Tomatenanbau in Hinwil.
Dass die Landwirte und Produzenten ihre Videobeiträge selbst filmen, ist Teil des Konzepts. «Authentizität steht im Vordergrund», sagt Nathanael Helfenstein vom ZBV. Mit dem Account «NaturTalent» auf Facebook wurde 2018 der Grundstein gelegt, auf dem Farmfluencer nun aufbaut. «Naturtalent-Filme wurden noch durch uns aufwendig recherchiert. Ein Thema wurde in einem mehrminütigen Video behandelt, das in sich geschlossen ist.»
Das Konzept von Farmfluencer reagiere dabei auf die sich geänderten Gewohnheiten. «Themen werden nicht mehr in umfassenden Beiträgen über mehrere Minuten behandelt, sondern neu als Serien ausgegeben und erscheinen in kurzen Episoden.» Die Videos dauern denn auch maximal 60 bis 90 Sekunden. Rund zwei bis drei Videos werden aktuell pro Woche auf die diversen Plattformen geladen.
Positive Bilanz
Mit dem Projekt sei man sehr zufrieden. «Auf gutem Weg, aber noch lange nicht am Ziel», sagt Helfenstein. «Wir schätzen die positiven Rückmeldungen seitens unserer Bauernfamilien und aus der Bevölkerung.» Erfreulich seien auch Diskussionen zu kontroversen Themen, die zeigten, dass die Gesellschaft die Augen vor Tatsachen verschliesse.
«Wir sind überzeugt, dass es wichtig ist, unter anderem den Schlachtprozess zu zeigen, der unumwindbar zum Fleischkonsum dazugehört. Mit der Tatsache, dass für jedes Stück Fleisch ein Tier gestorben ist, mag sich die Gesellschaft nicht gerne auseinandersetzen.»
Durch Social Media könne man die Landwirtschaft zumindest über den Bildschirm in die Haushalte und zu den Konsumenten bringen. «Lebensmittel haben nebst einem Preis vor allem einen Wert, und diesen wollen wir aufzeigen. Nahrungsmittel sind nicht selbstverständlich.»
