Landwirt aus Grüningen will ungeschöntes Bild vom Bauernhof zeigen
«Vo Puur zu Puur»
«Das hier ist nicht Ballenberg!» Landwirt Erwin Kündig mästet Hühner und öffnet seinen Hof am Sonntag, 15. September, für die Aktion «Vo Puur zu Puur».
Machen wir uns nichts vor: Das Leben eines Masthuhns ist kurz. Rund anderthalb Monate hat es Zeit, um vom Schlüpfen aus dem Ei auf ein Gewicht von 2 bis 2,2 Kilogramm zu kommen. Dann ist es schlachtreif.
Rund 120’000 Poulets werden pro Jahr auf dem Heggenhof in Grüningen aufgezogen. Die Zeit zwischen Schlüpfen und Schlachten verbringen sie in einer hellen, sauberen Halle. Zu Beginn ihres Lebens bei 32 Grad, gegen Ende noch bei 20 Grad Celsius.
«Unsere Hühner haben ein kurzes, aber schönes Leben»
«Viele Konsumenten denken, das Huhn läuft über den Bauernhof und legt sein Ei in ein Nestli. Aber so ist es nicht», sagt Erwin Kündig. Der 38-jährige Landwirt aus Grüningen will seinen Besucherinnen und Besuchern an der Aktion «Vo Puur zu Puur» ein ungeschöntes Bild der Hühnermast vermitteln. Die Aktion des Zürcher Bauernverbands zielt darauf ab, Interessierten die Zürcher Landwirtschaft näherzubringen. «Ehrlich und transparent» wolle er sein: «Wir haben nichts zu verstecken. Unsere Hühner haben ein kurzes, aber ein schönes Leben.»

Sieben Mal im Jahr erhält Kündig 17’000 sogenannte Eintagesküken aus einem Brutbetrieb in der Ostschweiz. In Grüningen wachsen sie nach den sogenannten BTS-Richtlinien auf. BTS steht für besonders tierfreundliche Stallhaltung.
Diese wird vom Bund mit Direktzahlungen unterstützt, die schon höher waren. Jede Charge wird kontrolliert. «Das Hybridhuhn, das wir aufziehen, ist sehr ressourceneffizient», sagt Erwin Kündig und rechnet vor: «Um auf sein Lebendgewicht von 2 Kilo zu wachsen, benötigt es nur 2,8 Kilo Futter.»
Das ist nicht unwichtig, denn im Gegensatz zu Kühen, die für uns unverdauliches Gras fressen und in Milch und Fleisch umwandeln, sind Hühner eigentlich Nahrungskonkurrenten des Menschen. Die Körner, die sie vertilgen, könnten auch wir essen.
Seit 2011 existiert der Pouletproduktionsbetrieb in Grüningen. Gleich daneben steht ein weiterer Stall mit sogenannten Ausmastkühen. So nennt man gesunde Kühe, die keine Milch mehr geben und mit gutem Futter rasch an Gewicht zulegen. Das ergibt am Ende ihres Lebens ein beachtliches Schlachtgewicht und ist für Landwirte ein lohnendes Geschäft.
Sonnenblumen, Raps, Mais, Weizen und Holzschnitzel
Weiter baut Kündig Sonnenblumen, Raps, Mais und Weizen an. Der Weizen wird regional gemahlen und an die Bäckerei Voland geliefert. Weiteres Geschäftsfeld ist der Handel mit Holzschnitzeln und die Betreuung von Holzschnitzelheizungen. Mit diesem unter dem Strich CO2-neutralen Energieträger wird auch der Hühnerstall beheizt. Der Strom stammt aus der eigenen Photovoltaikanlage auf dem Dach.

«Das hier hat nichts mit Ballenberg zu tun. Wir produzieren Lebensmittel», sagt der Landwirt. Denn Herr und Frau Schweizer essen viel Pouletfleisch. Mit knapp 12 Kilogramm pro Kopf und Jahr belegt Poulet hinter dem Schwein (19 kg) und vor dem Rind (11 kg) den zweiten Platz in der Beliebtheitsrangliste. 55 Prozent werden in der Schweiz produziert, 45 Prozent wird importiert – aus Brasilien, Deutschland, Frankreich, Ungarn und weiteren Ländern.
In der EU sind pro Quadratmeter rund 50 Prozent mehr Tiere zugelassen als beim Schweizer Mindeststandard. Das macht die Produktion im Ausland deutlich günstiger – auf Kosten des Tierwohls. Die Poulets vom Heggenhof gehen in den Grosshandel und gelangen von dort in die Regale der Grossverteiler. Einmal pro Woche verkauft Kündig sie auch direkt ab Hof.

Erwin Kündig ist nach 2016 zum zweiten Mal bei «Vo Puur zu Puur» dabei. «Es ist ein guter Anlass», sagt der 38-Jährige. «Es ist wichtig, dass die Menschen – die ja auch unsere Kunden sind – einen Einblick in unsere Arbeit und damit in die Produktion ihrer Lebensmittel erhalten.»
Kündig denkt dabei auch an die politische Agenda: Die Trinkwasserinitiative, die den Pestizid- und Antibiotikaeinsatz drastisch reduzieren wollte, wurde 2021 wuchtig verworfen, die Massentierhaltungsinitiative ereilte 2022 das gleiche Schicksal, und am 22. September stimmen wir über die Biodiversitätsinitiative ab.
Bislang stand die Schweizer Stimmbevölkerung klar hinter der Landwirtschaftspolitik und damit auch hinter ihren Bauern. Doch Erwin Kündig ärgert sich über den zunehmenden Druck seitens der Politik und der Gesellschaft: «Der Beruf des Landwirts ist der wichtigste Beruf der Welt. Denn wir sorgen dafür, dass die Menschen zu essen haben. Und ich mag mich nicht jedes Jahr wieder dafür rechtfertigen müssen.» Am Sonntag, 15. September, will er seine Argumente darlegen.
