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«Wir können nicht dreieinhalb Millionen Bäume pflanzen»

Bis 2050 soll die Welt klimaneutral sein. Ob und wie das gehen soll, dazu äussert sich Markus Stieger von R&M in Wetzikon, die 2024 zum wiederholten Mal für ihr Engagement um Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurde.

«Wir können nur einen kleinen Teil unserer CO 2 -Emissionen direkt beeinflussen»: Markus Stieger ist COO und Sustainability Officer bei der Wetziker R+M.

Foto: Marco Belcuore/R+M

«Wir können nicht dreieinhalb Millionen Bäume pflanzen»

Interview mit Markus Stieger, Chief Operating Officer R+M

Themen wie Klima und Umwelt, soziales Engagement und Ethik sind bei R+M in Wetzikon auf höchster Führungsebene angesiedelt. COO Markus Stieger erklärt, worum es geht.

Herr Stieger, die weltweit tätige Ratingagentur Ecovadis hat R+M 2024 mit einer Goldmedaille für Nachhaltigkeit in den Bereichen Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik und Beschaffung ausgezeichnet: Was bedeutet diese Auszeichnung für das Unternehmen?

Markus Stieger, Chief Operating Officer und Sustainability Officer bei R+M: Ich hatte das so nicht erwartet, obwohl wir sehr intensiv am Thema arbeiten. Es ist eine grosse Freude und auch eine Bestätigung für unser strukturiertes, stringentes Vorgehen im Thema Nachhaltigkeit.

Persönlich

Markus Stieger (64) ist Chief Operating Officer (COO) beim Wetziker Unternehmen R+M. Als Sustainability Officer ist er für die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie verantwortlich. Er hat sich nach einer Berufslehre als Maschinenmechaniker zum Maschineningenieur und Wirtschaftsingenieur (MBA) weitergebildet.
Zu seinen Hobbys zählen die Fliegerei, Lesen (Krimis und Thriller) sowie Modellbau.

Warum kam die Gold-Anerkennung für Sie als «Nachhaltigkeitschef» von R+M unerwartet? Sie kennen doch die Anforderungen und wissen, welche Dokumente Sie an die Ratingagentur abliefern.

Nach der Silbermedaille 2023 hatten wir eine detaillierte Analyse vorgenommen, in welchen Bereichen wir uns verbessern können. Und wir haben die Resultate dieser Analyse konsequent umgesetzt. Deshalb hatten wir erneut mit einem guten Silberplatz gerechnet – im oberen Drittel. Dass es jetzt so herausgekommen ist, freut mich sehr. Zudem ist es auch sehr motivierend für unsere Mitarbeitenden, denn wir sind auch im Bereich Nachhaltigkeit aus Überzeugung unterwegs und nicht primär wegen einer Auszeichnung.

Bis 2050 will R+M klimaneutral sein. Das ist ziemlich bald. Warum genau diese Jahreszahl?

Ganz einfach. Das Pariser Abkommen hat das Ziel Netto null für 2050 ratifiziert, ebenso die EU und der Schweizer Bundesrat. Da käme es etwas schräg daher, wenn wir als KMU ein anderes Datum wählten. Die Frage stellt sich vielmehr, ob das überhaupt realistisch ist …

… das wäre meine nächste Frage. Was spricht dafür, dass R+M dieses Ziel erreicht?

Sagen wir es so: Es ist vor allem Hoffnung, schliesslich haben wir bis 2050 schon noch etwas Zeit. Unsere Herausforderung ist der Umstand, dass wir nur einen kleinen Teil unserer CO2-Emissionen direkt beeinflussen können.

Das müssen Sie mir erklären.

Das hat mit der Aufteilung unserer CO2-Emissionen zu tun: Es gibt drei Bereiche, sogenannte Scopes. In Scope 1 fällt, was wir selbst emittieren. Scope 2 sind die Emissionen unserer Energielieferanten, die wir durch die Wahl der Energieträger massgeblich mitbestimmen können. Und Scope 3 ist die indirekte Freisetzung von klimaschädlichen Gasen in der vor- und nachgelagerten Lieferkette. Das sind Emissionen, die durch unsere Unternehmenstätigkeit verursacht werden, die jedoch nicht unter unserer Kontrolle sind. Bei R+M entfallen über 90 Prozent aller Emissionen in diese dritte Kategorie.

R+M (Reichle + De-Massari AG) ist eine weltweit tätige Unternehmensgruppe auf dem Markt der ICT-Netzwerkinfrastrukturen mit Sitz in Wetzikon. Das 1964 gegründete Familienunternehmen bietet Gesamtlösungen für Kommunikations- und Datennetze an. Mit der Vision der unbegrenzten Kommunikation für Menschen und Unternehmen integriert R+M alle Ebenen, von der kupfer- und glasfaserbasierten Connectivity bis zur Software für das Infrastrukturmanagement.

Zu den Einsatzgebieten der Infrastrukturlösungen von R+M zählen LAN und Smart Buildings, Telekommunikation, Fiber to the Home, Fiber to the Antenna/5G, Rechenzentren, Transport und Green Energy.

R+M ist in über 40 Ländern durch lokale Marktorganisationen vertreten und betreibt eigene Produktionsstätten an zahlreichen globalen Standorten. Nachhaltigkeit ist ein zentrales Element der Strategie und der Werte von R+M.

R+M beschäftigt weltweit mehr als 1800 Mitarbeitende. (zo)

Wieso?

In Scope 3 sind primär die Emissionen aus Material und Transport enthalten. Als Hersteller von Infrastrukturlösungen für Daten- und Kommunikationsnetze arbeiten wir unter anderem mit einem dominanten Material wie Kupfer. Eine Möglichkeit, Treibhausgase zu reduzieren, wären Substitute für Kupfer. Doch die entsprechen nicht unseren Anforderungen. Eine andere Möglichkeit ist rezykliertes Kupfer. Obschon gewisse Hersteller bereits Produkte aus rezykliertem Material anbieten, ist der Marktanteil aufgrund der geringen Verfügbarkeit eher bescheiden. Das Ziel, als Industriebetrieb ohne Kompensation klimaneutral zu werden, ist daher eine «Mission impossible». Stand heute wüsste ich nicht, wie wir das realisieren sollten. Aber das soll uns nicht davon abhalten, weiterhin Anstrengungen in diese Richtung zu unternehmen.

Als Industriebetrieb ohne Kompensation klimaneutral zu werden, ist eine ‹Mission impossible›.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Wir versuchen beispielsweise, unsere Transporte zu optimieren, und schauen, dass nicht alles fliegt. Und wo doch, versuchen wir mit unseren Dienstleistern, auf biologische oder synthetische Treibstoffe zu setzen. Ich denke da an Biodiesel oder SAF, sogenanntes Sustainable Aviation Fuel oder auf Deutsch nachhaltige Flugtreibstoffe. Das ist alles Zusatzaufwand und kostet. Auf der anderen Seite haben wir einen unternehmerischen Auftrag und müssen Geld verdienen. Aber wir sind davon überzeugt, dass wir hier auf einem guten Weg sind, den Shareholder Value erbringen und gleichzeitig etwas Gutes für die Umwelt tun.

Porträtbild von Markus Stieger, dem COO von R+M in Wetzikon.
Markus Stieger ist seit 19 Jahren für R+M in Wetzikon tätig.

Die Kosten sind ein gutes Stichwort: Können Sie in Franken ausdrücken, was Ihr Engagement jedes Jahr kostet?

Wir könnten gewisse Dienstleistungen einkaufen. Es gibt Consulting-Agenturen, die solche Prozesse begleiten. Das machen wir aber nicht. Wir haben Ende 2020 ein Kernteam etabliert, eine Roadmap erarbeitet und setzen externe Berater nur sehr punktuell ein. Deshalb kann ich sagen: Wenn wir den Cash-out betrachten, dann kostet uns dieses Nachhaltigkeitsprogramm wenig. Es kostet aber die Zeit, die wir on top auf unsere Arbeitszeiten leisten.

Sie haben also nie nachgerechnet, wie viel diese Arbeitszeit in Franken und Rappen kostet?

Nein, das rechnen wir nicht nach. Es sind etwa 10 bis 15 Prozent der Arbeitszeit im siebenköpfigen Kernteam, mich eingeschlossen. Dazu kommen 5 bis 10 Prozent der Ressourcen von rund 20 weiteren, sehr engagierten Mitarbeitenden an globalen Standorten.

R+M ist ein KMU, Ihre Zulieferer und Abnehmer in der Lieferkette sind oft um ein Vielfaches grösser. Haben Sie überhaupt einen Hebel in der Hand, um die Scope-3-Emissionen zu reduzieren?

Im Rahmen unserer Möglichkeiten, ja. Wir haben einen «Supplier Code of Conduct», also einen Verhaltenskodex für unsere Zulieferer. Unser Nachhaltigkeitsprogramm basiert, grob gesagt, auf vier Säulen. «Nachhaltigkeit» wird oft und fälschlicherweise durch den CO2-Fussabdruck definiert. Aber das Thema geht weiter: Neben Umwelt und Emissionen haben wir die Menschen, die Ethik und als vierten Teil die Lieferketten, also alles, was ausserhalb der eigenen vier Wände passiert. Wir haben den Anspruch, auch von unseren Lieferanten einzufordern, was wir selbst intern leben.

Wie kontrollieren Sie das?

Im Rahmen unserer Möglichkeiten als KMU. Man kann solche Audits durch externe Auditierungsunternehmen ausführen lassen. Das machen wir nur selten. In der Regel führen wir diese Kontrollen im Rahmen von Lieferantenbesuchen durch. Und wir wollen das weiter intensivieren.

Die Menschen bei R+M und das Geschäftsgebaren sind Teil dieses Nachhaltigkeitsprogramms. R+M ist zwar ein KMU, aber weltweit tätig. Wie wollen Sie unsere westlich geprägten Grundsätze beispielsweise in der Gleichstellung von Frau und Mann auf Lieferanten in Saudi-Arabien, Indien oder China übertragen?

Das ist eine gute Frage. Wir müssen an allen unseren weltweiten Standorten die lokalen kulturellen Gepflogenheiten berücksichtigen, im Sinn unserer übergeordneten Richtlinien und mit operativem Einfluss. Lokale Adaptionen von globalen Vorgaben sind in jedem international tätigen Unternehmen von hoher Bedeutung, selbstverständlich auch in der Nachhaltigkeit.

Mit anderen Worten: Sie machen Unterschiede.

Wir versuchen, unsere Grundsätze in allen Regionen anzuwenden, wo wir tätig sind. Die Ziele müssen für die dortigen Organisationen mess- und auch umsetzbar sein. Wir betrachten unser Nachhaltigkeitsprogramm und die zehn Prinzipien des UN Global Compact der Vereinten Nationen als übergeordneten Schirm: Aber Sie haben recht, es gibt Dinge, die schwer umsetzbar sind, weil die kulturelle Verankerung fehlt.

Es gibt Dinge, die schwer umsetzbar sind, weil die kulturelle Verankerung fehlt.

Sie sind seit bald 20 Jahren bei R+M. Seit wann ist das Thema Nachhaltigkeit für Sie als Person wichtig?

Ein schonender, vernünftiger Umgang mit Ressourcen, der Mensch im Zentrum der Organisation und ethische Grundsätze im Geschäftsleben waren schon immer Teil meiner Grundwerte. Mittlerweile nennt sich das Sustainability. Wenn wir das bei R+M im enger gefassten Sinn anschauen: Wir setzen auf eine sehr hohe Qualität, damit unsere Lösungen ganzheitlich sowie langlebig sind und nicht alle paar Jahre ersetzt werden müssen. Oder betrachten wir unseren Hauptsitz hier in Wetzikon: Der Kubus, wo wir dieses Interview führen, ist mittlerweile 14 Jahre alt und war eines der ersten Minergie-Industriegebäude der Schweiz. Firmengründer Hans Reichle hatte dieses Gebäude zusammen mit seinen Söhnen geplant, sie haben das einfach gemacht. Das liegt in der DNA von R+M.

Aussenansicht des Hauptsitzes der Reichle + De-Massari AG in Wetzikon.
Seit 2010 ist der Kubus in Wetzikon Hauptsitz von R+M.

Mittlerweile ist die Nachhaltigkeit auch bei Ausschreibungen ein immer wichtiger werdender Faktor.

Das ist so. Gerade bei Bauaufträgen und Submissionen spüren wir den Druck von Kundenseite immer prägnanter, was gut ist.

Dort sind Sie Scope 3.

Genau. Immer mehr Kunden verlangen nach Dokumentationen im Bereich Nachhaltigkeit, weil sie ihre Scope-3-Emissionen im Auge haben. Das war mit ein Grund, wieso wir unser Programm Ende 2020 strategisch und formell als Nachhaltigkeitsinitiative festgehalten, ein Kernteam zusammengestellt und eine Roadmap erarbeitet haben.

Kompensierte man ausschliesslich mit Baumpflanzaktionen, müsste man mehr als die Hälfte der Landmasse unseres Planeten zusätzlich bepflanzen.

Ich möchte zurückkommen auf Ihre Aussage, dass R+M als Industrieunternehmen keine Chance hat, das Netto-null-Ziel bis 2050 ohne Kompensationen zu erreichen. Wenn nun aber alle Industrieunternehmen weltweit Bäume pflanzen, um Emissionen zu kompensieren, wird die Erde in 26 Jahren aussehen wie der Waldmond Endor in «Star Wars»?

(Lacht.) Wir haben diese Rechnung auch einmal gemacht, weil wir selbst kompensieren, indem wir Bäume pflanzen:  Wir haben in Indien einen relativ grossen Wald mit 1500 Bäumen gepflanzt, die sieben lokalen Bauern den Lebensunterhalt ermöglichen, und es gibt ähnliche Initiativen in Frankreich und Deutschland. Wenn wir bei R+M von einem Fussabdruck von 70'000 Tonnen CO2 – das ist der Stand 2023 – ausgehen, dann müssten wir zur Kompensation dreieinhalb Millionen Bäume pflanzen. Dies unter der Annahme, dass ein ausgewachsener Baum rund 20 Kilo CO2 pro Jahr absorbiert.

Und stellen Sie sich vor, wie viel Wald für eine Kompensation von weltweit 37 Milliarden Tonnen CO2 – auch hier Stand 2023 – benötigt würde: Kompensierte man ausschliesslich mit Baumpflanzaktionen, müsste man mehr als die Hälfte der Landmasse unseres Planeten zusätzlich bepflanzen.

KI-generiertes Bild des Waldmonds Endor aus «Star Wars».
Darstellung des Waldmonds Endor aus «Star Wars»: So ähnlich müsste die Erde aussehen, wenn alle Industrieunternehmen ihren CO2-Ausstoss mittels Baumpflanzungen kompensieren würden.

Diese Vorstellungen klingen nicht sehr realistisch.

Sind sie auch nicht. Wir müssen tun, was machbar ist, um den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Wir schauen konsequent, dass wir rezykliertes Material einsetzen, wo immer technisch möglich. Auch das Thema Verpackung birgt viel Potenzial. Hier nutzen wir beispielsweise rezykliertes Verpackungsmaterial und modular aufgebaute Packmaterialsysteme und in den Warehouse-Abteilungen geschredderte Kartonverpackungen als Füllmaterial. Das sind Themen, die auch eine ökonomische Dimension haben: Wenn wir Kunststoff oder Verpackungen rezyklieren, Transporte optimieren, Abfall minimieren und grundsätzlich haushälterisch mit Ressourcen umgehen, sparen wir Geld.

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