Eine Zahl mit 12 Nullen und ihre Auswirkungen auf unsere Wirtschaft
BSU-Wirtschaftsupdate
Viel Optimismus am Wirtschaftsupdate der Bank BSU: Die Schweiz stehe wirtschaftlich gut da, sagte Referent Reto Cueni. Nur die USA bereiten etwas Sorgen.
Reto Cueni ist ein gern gesehener Gast am jährlichen Wirtschaftsupdate der Ustermer Genossenschaftsbank. Schon vor einem Jahr hatte der Chefökonom der Bank Vontobel im Ustermer Stadthofsaal referiert und meinte damals, er mache sich um die Schweiz keine grossen Sorgen.
Zwölf Monate später lässt sich feststellen, dass er mit seiner damaligen Einschätzung richtig lag. Auch bei seinem Auftritt am Donnerstagabend vor rund 200 Kundinnen und Kunden der Bank BSU dominierte in seinen Ansichten zur Weltwirtschaft und zu den globalen Finanzmärkten die Zuversicht.
Natürlich, der Krieg in der Ukraine und in Gaza, die Spannungen zwischen den USA und China, das immer noch ungeklärte Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU und die bevorstehenden Wahlen in den USA, das alles macht die Analyse zu einer Gleichung mit vielen Unbekannten.
Kreditkartenschulden von 1’100’000’000’000 Dollar
Trotzdem wagte Cueni die Prognose, dass die Schweizer Wirtschaft auf dem aktuellen Niveau weiterwachsen werde. Mit etwas mehr Sorgen blickt der Ökonom in die USA. Dort belaufen sich die Kreditkartenschulden auf mittlerweile 1,1 Billionen US-Dollar. Um diese Summe zu veranschaulichen: Eine Billion hat 12 Nullen, 1,1 Billionen sind in Zahlen 1’100’000’000’000 Dollar.
«Seit Covid steigen die Reallöhne in den USA nicht mehr an. Aber die Amerikaner konsumieren, als wäre nichts geschehen», sagte Cueni und folgerte: «Die USA leben über ihre Verhältnisse.» Als Folge würden sich die Zahlungsausfälle häufen. Der Vontobel-Chefökonom sieht die Gefahr einer schwachen Rezession in den USA – mit Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft.
Weitere Zinssenkung im Herbst
Was seine Zuhörerinnen und Zuhörer – ob Anlegerinnen oder Hypothekarschuldner – wohl am meisten interessierte, schnitt Cueni nach seinem Ausblick rund um die Welt auch noch an: die Zinsen. Im März hatte die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Leitzins von 1,75 auf 1,50 Prozent gesenkt und damit einen Überraschungscoup gelandet. Zum Vergleich: Der Leitzins der US-Notenbank bewegt sich in einem Band zwischen 5,25 und 5,50 Prozent, jener der Europäischen Zentralbank steht bei 4,25 Prozent.
Am kommenden Donnerstag wird die SNB ihre neuste geldpolitische Lagebeurteilung vornehmen. Die Nachrichtenagentur AWP hat 20 Prognostiker nach ihren Erwartungen befragt: Zwölf gehen davon aus, dass der Leitzins bei 1,50 Prozent bleibt, acht rechnen damit, dass die SNB ihn auf 1,25 Prozent senkt.
«Ich denke, dass die Nationalbank den Zins über den Sommer bei 1,50 Prozent belässt», sagte Cueni in Uster, «ihn aber im September auf 1,25 Prozent senkt.» Top, die Wette gilt.
Erwartungen bezüglich Zinsentwicklung, Wirtschaftswachstum, Wechselkurse oder Rohstoffpreise fliessen in die Entscheidungen von Anlegerinnen und Anlegern ein. Doch wie treffen wir Entscheidungen? Und wie rational gehen wir dabei vor?
Dieser Frage widmete sich im zweiten Teil der Veranstaltung der frühere Eishockeyschiedsrichter Andreas Koch, genannt «die Pfeife». Koch wohnt mit seiner Familie in Gossau. Er hat Jus studiert und besitzt einen Masterabschluss in Wirtschaftspsychologie.

In einem sehr unterhaltsamen Referat zeigte Koch auf, wie wir Entscheidungen fällen: nicht etwa rational, sondern zu 95 Prozent im Unterbewusstsein. «Wir sind nicht rational, sondern rationalisierend», sagte Koch und meinte damit, dass wir unseren Verstand, lateinisch «ratio», vor allem dazu nutzen, unsere Entscheidungen im Nachhinein zu erklären.
Mit einem Experiment zeigte Koch auf, wo jeder Mensch seinen blinden Fleck hat. «Wir sind beschränkt wahrnehmungsfähig», stellte der Ex-Referee fest, «jeder Mensch hier im Saal hat eine andere Perspektive.» Ob man in einer Situation eine Chance oder eine Gefahr sehe, liege immer im Auge des Betrachters.

Koch zog viele Analogien zu seiner Karriere im Schweizer und im internationalen Eishockey – und verwies auch immer wieder auf die Aussagen seines Vorredners. Detail am Rande: Der Banker und der Referee sind zusammen in Wallisellen aufgewachsen und kennen sich seit 40 Jahren. Auch das eine spannende, implizite Erkenntnis eines gelungenen Abends: Verschiedenste Karrierewege können zum selben Ziel führen. Und wenn es nur der Ustermer Stadthofsaal ist.