Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Wirtschaft

Der Schnittblumenkönig aus Russikon blickt mit Sorge in die Zukunft

Stefan Isler ist der Kopf hinter den mobilen Blumenständen am Strassenrand. Doch sein Geschäft gerät zusehends unter Druck – in mehrfacher Hinsicht.

Stefan Isler hat die Gärtnerei von seinem Vater übernommen. Die Idee für die mobilen Blumenstände hatte er in den 1990er Jahren.

Foto: Noah Salvetti

Der Schnittblumenkönig aus Russikon blickt mit Sorge in die Zukunft

«Züri-Oberländer Sträusse»

Stefan Isler führte eine normale Blumengärtnerei. Bis eine zündende Idee vor über 30 Jahren alles veränderte. Die Geschichte eines Erfolgsmodells, das vielleicht bald verblühen könnte.

Manch einer dürfte das Szenario kennen: Das Geburtstags- oder Familienfest ist schon längst dick in der Agenda eingetragen. Doch frühzeitig ein Mitbringsel zu organisieren, daran hat niemand gedacht.

Eine Situation, in der die Selbstbedienungsblumenstände mit dem charakteristischen gelben Schild und dem etwas aus der Zeit gefallen wirkenden Schriftzug «Züri-Oberländer Sträusse» Abhilfe schaffen können.

80 dieser Stände findet man an gut befahrenen Landstrassen und Ortseingängen im Oberland – und darüber hinaus. Über die Jahre haben sie sich im ganzen Kanton verteilt. Einzelne Standorte findet man gar in den Kantonen Aargau, Schwyz, Glarus, St. Gallen und im Thurgau.

Das Konzept ist simpel – parkieren, Blumen auswählen, Geld hineinschmeissen oder per Twint bezahlen, weiterfahren. Die Idee dazu hatte der Russiker Blumengärtner Stefan Isler 1991 nach einem Aufenthalt in den Niederlanden, wo er die Zwiebeln für seine Blumen bezieht.

Das hat eingeschlagen wie verrückt.

Stefan Isler über seine Geschäftsidee

«Mir war aufgefallen, dass viele Bauern die eigenen Blumen vor ihren Häusern zum Verkauf anbieten», erzählt Isler, als er am Esstisch im Pausenraum des Betriebs Platz nimmt.

Die Idee überzeugte ihn. Also brachte Isler das Konzept mit den Blumenständen, das er in Europas Blumen-Hotspot beobachtet hatte, ins Oberland – eine waschechte Marktlücke. «Das hat eingeschlagen wie verrückt», erinnert sich der 66-Jährige.

Dass es überhaupt so weit kam, hat aber auch mit dem damals gerade aufkommenden Trend der Selbstpflückfelder zu tun. Noch bevor er den ersten Stand eröffnete, versuchte Isler, dort mitzumischen. «Doch die Kunden haben uns immer wieder die Blumen kaputt gemacht, weil sie sie nicht korrekt geschnitten haben.»

Schon der Vater war ein Pionier

Wer sich auf die Suche nach der Wiege der Oberländer Straussstände begibt, landet früher oder später in Russikon. Auf rund 40 Hektaren produziert Isler hier verschiedene Blumensorten – den Schwerpunkt bilden Tulpen, Sonnenblumen und Dahlien. Von Ersteren hat sein Betrieb im letzten Jahr 2,5 Millionen Pflanzen gezüchtet.

Gut die Hälfte seines Geschäfts machen die Selbstbedienungsstände aus. Den Rest des Umsatzes erwirtschaftet er mit dem Weiterverkauf der Blumen an Grossverteiler. Zu seinen Kunden zählen unter anderem die Migros-Genossenschaften Ostschweiz und Zürich. Sonnenblumen und Dahlien vertreibt er landesweit an Migros und Coop.

Mit dem orangen Riesen verbindet Isler nicht nur die Geschäftsbeziehung, sondern auch ein Stück Firmengeschichte. Denn bevor Vater Jakob Isler in den 1960er Jahren die Gärtnerei gründete und damit den Grundstein für das heutige Unternehmen legte, war er als Fachlehrer am Strickhof tätig. Er bildete dort Landwirte aus, die später im Auftrag von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler Blumen anbauen sollten.

Jakob Isler arbeitete also schon mit dem Detailhändler zusammen, als dieser noch nicht annähernd so gross war wie heute. Das brachte ihm auch einiges an Häme ein. «Die Migros-Läden wurden schnell zu ernsthaften Mitbewerbern für die lokalen Blumenhändler», sagt Stefan Isler. «Wer für sie produziert hat, hat sich alles andere als beliebt gemacht.»

In den Erzählungen des Blumenunternehmers schwingt auch immer etwas Nostalgie mit – nicht zuletzt im Hinblick auf die Veränderungen, die der Migros-Konzern und besonders die Fachmärkte derzeit durchleben. Nostalgie aber auch deshalb, weil das Wachstum des Grossverteilers für Lieferanten wie ihn vieles verkompliziert hat.

Ausgeklügelte Logistik

«Für uns ist das Wetter der entscheidende Faktor», erklärt Isler, «aber die Händler planen ihre Aktionen so weit voraus, dass darauf kaum Rücksicht genommen wird.» Könne man weniger liefern, als den mächtigen Abnehmern lieb sei, gelte man als vergleichsweise kleiner Betrieb schnell als «nicht leistungsfähig genug».

Die Konsequenz: Die Produzenten bleiben auf ihrem Produkt sitzen. «Früher war das anders – ‹Dutti› nahm praktisch alles, was man hatte. Heute ist es ein Käufermarkt, nicht mehr ein Verkäufermarkt», sagt Isler. Die Selbstbedienungsstände sind für ihn deshalb auch ein wichtiges zweites Standbein.

Dort lassen sich nämlich auch jene Blumen verkaufen, die nicht in eine bestimmte Norm passen. «Bei den Grossverteilern dagegen ist genauestens vorgeschrieben, welche Masse die Blumen haben müssen.» Was nicht passt, schafft es nicht in die Regale von Migros und Co.

Seine Schnittblumen produziert Stefan Isler im Saisonbetrieb mit jeweils rund 40 Mitarbeitenden – fast alle davon sind Gastarbeiterinnen und -arbeiter, vorwiegend aus osteuropäischen Ländern.

Trotz der überschaubaren Grösse ist die Logistik hinter dem Blumenbusiness eindrücklich. Mittels eines Kamerasystems und einer App kann Isler den Warenbestand ausgewählter Stände stichprobenartig kontrollieren. «Sehen wir, dass das Angebot nachlässt, schicken wir einen Fahrer vorbei», erklärt Isler.

Dazu kommen Erfahrungswerte. Etwa die Tatsache, dass zwischen Freitagabend und Montagmorgen die meisten Sträusse verkauft werden und in dieser Zeit entsprechend viel Auswahl bereitstehen muss. Mindestens alle drei Tage schaut aber ohnehin jemand vorbei – «wegen der Frische.»

Insgesamt gibt es fünf Verteiltouren mit jeweils 13 bis 18 Ständen in einem bestimmten Umkreis. Die Chauffeure – teils Angestellte, teils freiberufliche Fahrer – klappern sämtliche Stände einer Tour ab, leeren die Kassen, protokollieren den Warenfluss und füllen Sträusse auf.

Islers Geschäftsmodell funktioniert – noch. Denn verschiedene Faktoren setzen das Konzept unter Druck. Einer davon ist die Zahlungsmoral, die je nach Standort stark schwankt. «Wir mussten auch schon Stände einstampfen, weil zu viel geklaut wurde», sagt Stefan Isler.

Der Blumenunternehmer scheut deshalb keine Mühen, um Diebstähle zu bekämpfen. Zwei Vollzeitstellen sind dafür zuständig, die Überwachungskameras der Stände zu kontrollieren. Ereignet sich ein Diebstahl, machen die Mitarbeitenden über die Autonummer den Halter ausfindig.

Blumendiebe erhalten dann eine zweite Chance, die Ware zu bezahlen – in Form einer Rechnung. Zahlen sie auch diese nicht, ist der nächste Schritt eine Anzeige.

Ein Geschäft mit ungewisser Zukunft

Und dann ist da noch eine weitere Entwicklung, die das Geschäft zusehends erschwert – der Standortfaktor. Denn: «Es wird immer schwieriger, geeignete Plätze für unsere Stände zu finden.» Laut Isler liegt das vor allem an der zunehmenden Bautätigkeit in den Ortszentren, aber auch an Massnahmen zur Verkehrsberuhigung.

«Die Strasse darf nicht zu dicht befahren sein, aber eben auch nicht zu ruhig», sagt er. Damit das Geschäft gut laufe, brauche es Auto- und Laufkundschaft, deshalb dürfe ein Stand nicht zu weit «ab vom Schuss» sein. «Wir brauchen eine gewisse Frequenz, damit wir den Leuten auch ein attraktives Sortiment bieten können», betont Isler. «Drei, vier Sträusse pro Tag reichen da eben nicht.»

Für ihn gibt es nur eine Lösung: mehr Aufwand für die Suche von Plätzen zu betreiben. Isler setzt deshalb auf finanzielle Anreize. Wer ihm einen guten Standort vermittelt, erhält eine Vermittlungsprämie.

Die Hälfte davon zahlt er direkt aus, die andere Hälfte gibts, wenn sich der Stand nach sechs Monaten bewährt hat. Wie hoch der Betrag ist, will Isler nicht publik machen.

Eine weitere Herausforderung ist die Konkurrenz, die nicht schläft – zum Beispiel Tankstellenshops, die immer öfter auch ein kleines Blumensortiment anbieten. «Die Leute gehen eben dorthin, wo es am bequemsten ist», sagt Isler. Und das sei nun mal nicht selten eine Tankstelle, wenn man sowieso noch «Most» brauche.

In die Zukunft schaut der 66-Jährige deshalb nicht ganz sorglos. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass bisher noch kein möglicher Nachfolger für den Betrieb in den Startlöchern steht. «Die Suche läuft noch», sagt er mit einem Schmunzeln. Dann klingelt das Headset an seinem Ohr – und schon ist Isler weg.

Nelly Isler – die Orchideenmutter

Man sieht eine Frau mit Orchideen.
Nelly Isler 1987 inmitten der von ihr gezüchteten Orchideen.

Eine Erfolgsgeschichte für sich ist diejenige von Stefan Islers Mutter, Nelly Isler. Von 1971 bis zu ihrem Tod 1997 züchtete sie Orchideen. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist so tragisch wie eindrücklich. Das Magazin «Zeitlupe» hat sie 1987 in einem Bericht niedergeschrieben. Während Jakob Isler im Spital lag, kümmerte sich seine Frau um die Pflege der Rosenkulturen – und vergiftete sich, als sie ohne Schutzanzug mit einem Insektizid arbeitete. Sie lag wochenlang im Krankenhaus, die Ärzte hatten wenig Hoffnung auf eine Besserung.

Nelly Isler erholte sich, musste aber mit einer Konsequenz leben: Fortan durfte sie nicht mehr zu oft mit Pflanzenschutzmitteln in Berührung kommen. Das Züchten von Orchideen war die einzige Möglichkeit, wie sie dennoch weiterhin mit Blumen arbeiten konnte. Denn anders als Rosen müssen sie nicht übermässig gespritzt werden. Zeitlebens hat sie über 8000 Kreuzungen von Orchideen gemacht.

Heute hat sich das Unternehmen von Sohn Stefan Isler von der Orchideenzucht verabschiedet. Der Name Isler steht aber nach wie vor für Orchideen: So hat Nelly Isler einst einen Hybrid gezüchtet – er lautet auf den Namen Burrageara Nelly Isler. Die Sorte wird heute noch, teils in verschiedenen Varianten, vertrieben und gilt laut den Beschreibungen auf Online-Shops wahlweise als «Klassiker» und als «besonders edel».

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns