«Wir kommen dort ins Spiel, wo andere Giessereien scheitern»
Wolfensberger-Eigentümer André Masuhr
Mit einem Volksfest feiert die Wolfensberger AG in Bauma am 8. Juni ihr 100-jähriges Bestehen. Eigentümer André Masuhr über die Vorfreude auf das Fest und den täglichen Kampf als Schwerindustrieller im Hochlohnland Schweiz.
Herr Masuhr, am 8. Juni feiern Sie und Ihre Mitarbeitenden 100 Jahre Wolfensberger AG. Was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum?
André Masuhr, Eigentümer und CEO Wolfensberger AG: Es ist für mich mit sehr vielen Emotionen verbunden. Die Firmengeschichte ist gut dokumentiert, und es ist schon unglaublich, mit wie viel Pioniergeist die letzten 100 Jahre überstanden wurden. Es war immer ein Kampf, die Firma am Leben zu halten und weiterzuentwickeln. 100 Jahre sind eine Leistung, auf die man stolz sein darf und muss. Darum haben wir beschlossen, ein Fest zu feiern, zu dem wir die ganze Gemeinde und die Bevölkerung einladen wollen. Das Fest soll auch ein Dank an unsere Mitarbeitenden und deren Familien sein.
Jubiläumsfest am 8. Juni 2024
Die Wolfensberger AG feiert ihren 100. Geburtstag mit einem grossen Volksfest. Zentrum des Fests ist das Werk 1 an der Bäretswilerstrasse 45 in Bauma, wo ein grosses Festzelt auf die Besucherinnen und Besucher wartet.
Von 10 bis 17 Uhr sind die Türen von Werk 1 und Werk 2 an der Bliggenswilerstrasse 5 geöffnet. CEO André Masuhr: «Wir möchten die Faszination von flüssigem Eisen erlebbar machen.»
Das Programm vom Samstag, 8. Juni, im Detail:
10.00 Uhr: Beginn der Veranstaltung
10.30 Uhr: Eröffnung durch Firmenchef André Masuhr
11.00 Uhr: Konzert der Harmonie Bauma
12.30 Uhr: Kinderklavierkonzert
14.00 Uhr: Ansprache von Gemeindepräsident Andreas Sudler
14.30 Uhr: Alphorngruppe Sternenberg und Chelleländer Jodelchörli Bauma
16.45 Uhr: Festrede André Masuhr
Ab 17.00 Uhr: Partyband Wolkenbruch
Parkiermöglichkeiten sind signalisiert. Es verkehren Shuttle-Busse zwischen den Parkplätzen und den Werken.
Die letzten 100 Jahre waren ein Kampf. Gilt das auch heute noch?
Ja, ganz klar. In der Corona-Zeit hatten wir schwere Umsatzeinbrüche. Wir konnten diese teilweise mit Covid-Krediten auffangen, die wir jetzt zurückzahlen. Dann kamen der Ukraine-Krieg, die explodierenden Energiekosten und der starke Franken. Das hatten wir uns alles nicht so gewünscht. Aber wir haben in der Krise auch investiert – hier am Standort Bauma haben wir die Produktion für mehr als 8 Millionen Franken automatisiert, um produktiver und effizienter zu sein.
> > Lesen Sie hier die Chronik von 100 Jahren Wolfensberger AG.
Die Firma hatte in den 2000er Jahren mehr als 300 Mitarbeitende, aktuell sind es rund 190. Haben Sie Wachstumsziele in Bauma?
Diese Zahlen muss man in Relation bringen: Wir fakturieren rund 70 Prozent des Umsatzes in Euro. In den Nullerjahren hat man 80 Millionen Franken Umsatz gemacht bei einem Wechselkurs von 1,65 Franken für einen Euro. Letztes Jahr haben wir rund 50 Millionen Umsatz gemacht bei einem Wechselkurs von 0,97 Franken. Wir schaffen mit relativ wenig Personal einen hohen Output, weil wir stark automatisiert sind. Wir sind in den letzten vier Jahren gewachsen und haben auch neue Kunden gewonnen. Unser Bestreben ist, dieses Wachstum zu schaffen, ohne den Personalbestand auszubauen.
Wir stehen zum Standort Bauma und werden hier weiter investieren.
Sie haben das Unternehmen vor zwei Jahren erworben. Ist der Standort Bauma in irgendeiner Weise infrage gestellt?
Nein, auf keinen Fall. Wir stehen zum Standort Bauma und werden hier weiter investieren. Etwas anderes war und ist kein Thema.
Sie haben vorhin all die Schwierigkeiten aufgezählt, mit denen Sie sich in den letzten Jahren konfrontiert sahen. Wie überlebt eine Unternehmung der Schwerindustrie im Zürcher Oberland?
Unser Geschäftsmodell basiert auf sehr langfristigen und intensiven Kundenbeziehungen. In der Regel entwickeln wir gemeinsam mit dem Kunden die Bauteile, die dann über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zum Einsatz kommen und hier produziert werden. Entsprechend anspruchsvoll ist es natürlich auch, neue Kunden zu gewinnen, weil die Anfangsphase immer sehr intensiv ist. Wir sind Exoten, weil wir uns in einer Nische bewegen.
Was meinen Sie damit?
Es muss schon ein sehr anspruchsvolles Gussteil sein. Wir kommen dort ins Spiel, wo andere Giessereien scheitern: schwierige Legierungen, komplexe Oberflächen. Auf diese Weise können wir unser Know-how in Geld ummünzen.
Was produzieren Sie in Bauma genau?
Wir produzieren für Kunden in verschiedenen Branchen: Das geht von Teilen, die in Turboladern für Schiffsdieselmotoren eingebaut werden, über Teile von hydrodynamischen Bremssystemen für Lkws, Teile für Grossdrucker bis zu Mahlwerken für Kaffeemühlen. Gemeinsam haben die Teile, dass sie sehr komplex sind und wir extrem exakt arbeiten müssen.
Sie sind also sehr breit aufgestellt.
Hier sehen wir auch unsere Zukunft: Wir wollen breiter werden, um nicht zu stark von einem Segment oder einem Kunden abhängig zu sein. Das macht uns krisensicherer.
Wie kommt ein Deutscher aus dem Saarland eigentlich auf die Idee, eine Giesserei in Bauma zu kaufen?
Ich habe Maschinenbau studiert und war dann lange in einer Giesserei in Deutschland tätig, wo ich mich bis zum Geschäftsführer hochgearbeitet habe. Später wechselte ich in ein Unternehmen, das Industrieroboter – auch für Giessereien – herstellt. Dort habe ich mit meinem Team weltweit Giessereien automatisiert.
Und in Bauma bringen Sie Ihr Know-how aus beiden Bereichen ein.
Das kann man so sagen, ja. 2019 bin ich durch einen Headhunter als Geschäftsführer zu Wolfensberger gekommen. 2021 habe ich das Unternehmen im Rahmen eines Management-Buy-outs gekauft.
Sie waren also Ihr ganzes Leben lang angestellt. Jetzt sind Sie Inhaber eines Unternehmens. Woher nahmen Sie das Geld, um die Wolfensberger AG zu kaufen?
(Lacht.) Geliehen. Ich habe mich hoch verschuldet, um das hier zu kaufen.
Ich wollte immer ein Unternehmen, das ich noch überblicken kann. Hier kenne ich meine Mitarbeitenden beim Namen.
Warum ausgerechnet Wolfensberger?
Ich wollte immer ein Unternehmen, das ich noch überblicken kann. Hier kenne ich meine Mitarbeitenden beim Namen, stecke in den Prozessen mit drin und kann meinen eigenen Stil verwirklichen. Ich glaube, das spürt man auch kulturell, wenn man durch die Firma geht. Wir haben hier eine Du-Kultur und denken nicht zu starr in Hierarchien. Ich versuche, als Chef nahbar zu sein, mit anzupacken und mir auch mal die Hände schmutzig zu machen
Wenn man sich die Firmenhistorie anschaut, dann wirkt das wie das exakte Gegenteil von Gründer Jakob Wolfensberger, der als hart und stur, ja fast etwas furchteinflössend galt.
Ob ich so anders bin, würde ich nicht unterschreiben. Die Zeiten sind andere. Wenn ich eine Meinung habe, dann bin auch ich nur schwer davon abzubringen. Da braucht man schon sehr gute Argumente und vielleicht mehr als nur einen Anlauf. Giesserei ist ein hartes Business. Das bedingt auch einmal klare Entscheidungen. Die Arbeit ist hart, und wir verlangen unseren Mitarbeitenden sehr viel ab. Wir produzieren in einem Hochlohnland, das funktioniert nur über Leistung. Wir müssen besser, effizienter und innovativer sein als unsere Konkurrenz.
Die Arbeit ist hart, und wir verlangen unseren Mitarbeitenden sehr viel ab.
Gelingt Ihnen das?
In der Regel ist es so, dass die Kunden zu uns kommen, wenn sie ein Produkt brauchen, das andere Giessereien nicht hinbekommen. Dafür sind wir in der Branche bekannt. Wir sind garantiert nicht die günstigsten, sind aber innovativ und finden Lösungen, wo andere scheitern.
Auf Ihrer Website habe ich gesehen, dass Sie verschiedene Stellen nicht besetzt haben. Ist es schwierig, Mitarbeitende zu finden?
Grundsätzlich suchen wir laufend Fachkräfte. Es ist nicht einfach, Leute für die Giesserei zu begeistern. Ein Elektriker oder ein Schlosser kann auch in einer ruhigen, sauberen Umgebung mit weniger Stress arbeiten. In einer Giesserei ist es laut, heiss und ölig, es ist körperlich harte Arbeit. Viele unserer Mitarbeitenden finden wir deshalb in der EU.
Haben Sie viele Wechsel?
Im Gegenteil. Es gibt viele Leute, die ein Leben lang für Wolfensberger arbeiten. Dieser Erfahrungsschatz ist unser Kapital.
Gegossen wird seit rund 5000 Jahren, also der Bronzezeit. Ist die Entwicklung eigentlich abgeschlossen, oder gibt es noch Innovation?
Die Technologie ist grundsätzlich da. Natürlich gibt es hier und dort noch Weiterentwicklungen in den Verfahren und Prozessen. Wolfensberger hat beispielsweise vor zwei Jahren das sogenannte Ceracore-Verfahren entwickelt. Dabei ist die Gussform ein Hybrid aus Sand und Keramik. Die Herausforderung liegt immer darin, das perfekte Produkt zu entwickeln, das zum Verfahren passt, und die Vorteile dieses Verfahrens so zu nutzen, dass der Kunde letztlich ein Produkt erhält, das von der Funktionalität und vom Preis-Leistungs-Verhältnis her allen Ansprüchen genügt. Einer meiner Mitarbeiter hat mir einmal gesagt: «Die Giesser vor 5000 Jahren waren Künstler, und wir sind es immer noch.»
