«Bedürfnis nach eigenen vier Wänden scheint weiterhin ungebremst»
Nachgefragt bei André Wegmann
Sogar die Experten sind überrascht vom erneut starken Anstieg der Immobilienpreise. André Wegmann von der Bank Avera erklärt und ordnet ein.
Herr Wegmann, im Dezember 2023 hatten Sie im Interview mit uns gesagt, dass die Preise für Immobilien weiter steigen werden, aber in weniger rasantem Tempo. Nun zeigt der neuste Eigenheimindex der Bank Avera, dass die Hauspreise im Kanton Zürich innert zwölf Monaten erneut um 5,2 Prozent gestiegen sind. Sind Sie überrascht?
André Wegmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung Bank Avera: Ja, der erneut markante Preisanstieg hat mich überrascht. Aufgrund der Zinsanstiege und der damit verbundenen höheren Wohnkosten habe ich ein eher moderates Wachstum erwartet. Aber das Bedürfnis nach den eigenen vier Wänden scheint weiterhin ungebremst.
> > So stark sind die Eigenheimpreise und die Mieten in der Region gestiegen.
Die Preise hat die Bank Avera gemeinsam mit dem Immobiliendienstleister IAZI anhand der tatsächlichen Transaktionen erhoben. Damit ist aber noch nichts zur Anzahl Handänderungen gesagt. Wie haben sich diese in den letzten zwölf Monaten entwickelt?
Die Anzahl Transaktionen ist in der Tat rückläufig – und zwar in der ganzen Schweiz für Einfamilienhäuser wie für Stockwerkeigentum. In den letzten zwölf Monaten nahmen die Freihandtransaktionen um rund 5 Prozent ab, seit 2020 sind es 15 bis 20 Prozent. Das hat aber nur zum Teil mit den höheren Immobilienpreisen zu tun. Ein wesentlicher Faktor sind auch die tiefe Bautätigkeit und das dadurch knappe Angebot.
Die Preisentwicklung im Zürcher Oberland ist mit +3,2 Prozent etwas moderater ausgefallen als in der Stadt Zürich oder am rechten Zürichseeufer. Was sind die Gründe?
Ich denke, dass Metropolen wie Zürich oder Gemeinden mit Nähe zu internationalen Schulen für Zuwanderer sehr attraktiv sind und auch Personen mit höherem Einkommen anziehen. Und für die Nähe zum See oder sogar Seeblick hat man schon immer einen Zuschlag bezahlen müssen. Wer auf das verzichten kann, findet auch im Oberland tolle Immobilien und ist mit dem öffentlichen Verkehr ebenfalls sehr schnell in Zürich.
Der Preis für ein durchschnittliches Einfamilienhaus in Wetzikon oder Illnau-Effretikon liegt über 1,6 Millionen Franken, in Uster bei knapp 2 Millionen. Muss ich heute erben oder im Lotto gewinnen, um mir ein Haus in der Region leisten zu können?
Es ist tatsächlich so, dass nach den Preisanstiegen der letzten Jahre für die nächste Generation der Erwerb eines Eigenheims aus eigener Kraft nur noch schwer möglich ist. Die erste Hürde stellt bereits die Ansparung des nötigen Eigenkapitals dar. Für eine durchschnittliche Eigentumswohnung im Kanton Zürich sind dies mehr als 200’000 Franken, und dann muss auch noch ein entsprechendes Einkommen für eine nachhaltige Tragbarkeit der Hypothek vorhanden sein. Deshalb sind Erstkäufer von Immobilien oft schon etwas älter. Wir beobachten, dass jüngere Immobilienkäufer häufig durch ihre Eltern mit Erbvorbezügen unterstützt werden und sich so den Traum der eigenen vier Wände realisieren können.
Auch die Angebotsmieten sind in den letzten zwölf Monaten um 7 Prozent gestiegen. Mit der Folge, dass die Menschen immer mehr ihres Einkommens für das Grundrecht Wohnen ausgeben müssen. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Zum Glück betrifft dieser Anstieg ja nicht alle Mieterinnen und Mieter. Für die grosse Mehrheit der Miethaushalte, die nicht umzieht, sind die Mieten in den letzten Jahren mässig stark gestiegen. Wer jedoch einen Umzug plant oder eine neue Wohnung suchen muss, wird sein Budget anpassen und mehr für das Wohnen bezahlen müssen. Die Bevölkerung nahm zu, die Bautätigkeit nahm ab, das Resultat sind wenige verfügbare Wohnungen und höhere Preise beziehungsweise Wohnkosten. Eine zunehmende Wohnungsnot kann zu sozialen Spannungen führen und ist deshalb auch eine politische Aufgabe. Wenn die Einwohnerzahl weiterhin wächst, müssen die Rahmenbedingungen für das Bauen verbessert werden. Schnellere Prozesse für die Bearbeitung von Baugesuchen sowie gute Raumplanungsgesetze könnten helfen. Aber auch die Baukosten und die Zinsen sind ein wichtiger Faktor, ob in der Schweiz wieder mehr gebaut wird.
