«Kein Bauer sollte einen Stundenlohn von weniger als 20 Franken haben»
Interview mit Matthias Schick, Strickhof
Matthias Schick leitet den Bereich Tierhaltung und Milchwirtschaft an der Landwirtschaftsschule Strickhof in Lindau. Er fordert, dass die Milchproduktion wieder attraktiver werden muss.
Herr Schick, in den letzten Jahren hat die Anzahl Mutterkühe in der Region signifikant zugenommen. Wo sehen Sie die Gründe?
Matthias Schick, Bereichsleiter Tierhaltung und Milchwirtschaft, kantonale Landwirtschaftsschule Strickhof: Die Gründe sind vielfältig. Die Arbeitsbelastung auf einem Milchviehbetrieb ist hoch, und der Landwirt respektive die Landwirtin ist zeitlich gebunden. Auch der Preisdruck auf die Milch und die hohen Qualitätsansprüche spielen eine Rolle. Oftmals ist ein notwendiger Um- oder Neubau von Ökonomiegebäuden nicht realisierbar, um die Milchwirtschaft auf dem Betrieb effizient weiterführen zu können oder den steigenden Ansprüchen an das Tierwohl gerecht zu werden.
Gibt es den «typischen Bauern», der von Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung umsteigt?
Gemäss einer Analyse von Agrarforschung Schweiz aus dem Jahr 2022 wechseln vor allem jüngere Betriebsleitende zur Mutterkuhhaltung. Gebiete in der Hügel- und Bergzone, in denen erschwerte Produktionsbedingungen vorherrschen, sind öfters von einem Umstieg in die Mutterkuhhaltung betroffen.
Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?
Ob die Steigerung anhält, ist abhängig von der Marktentwicklung und den agrarpolitischen Rahmenbedingungen. Die Landwirte sind nicht zuletzt auch Unternehmer und müssen wirtschaftlich denken. Tierische Produkte wie Milch, Käse und Fleisch sind gesucht. Entscheidend ist, inwieweit der Konsument bereit ist, für einheimische Produkte mit hervorragender Qualität und weltweit führenden Tierwohlstandards einen angemessenen Mehrwert zu zahlen.
Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch, warnt, dass wir bald nicht mehr genügend einheimische Milch haben werden, weil immer mehr junge Landwirte aus der Milchproduktion aussteigen. Teilen Sie diese Meinung?
Die Befürchtungen von Stefan Kohler sind sehr ernst zu nehmen. Wir bilden im Kanton Zürich am Strickhof junge Menschen als Landwirte aus. Sie bekommen von uns das beste verfügbare Wissen in Produktionstechnik und Betriebswirtschaft vermittelt. Von diesen jungen Menschen dürfen wir nicht verlangen, dass sie als Milchproduzenten einen Stundenlohn von weniger als 20 Franken haben. Deshalb muss die Milchproduktion deutlich attraktiver werden! Ansonsten wird Stefan Kohler recht behalten.
Tatsächlich nimmt die Zahl der Betriebe, die Milch produzieren, seit Jahren ab.
Momentan haben wir in der Schweiz gut 17’000 Milchproduktionsbetriebe. Durch den technischen Fortschritt, angemessene Züchtung und nicht zuletzt auch durch den Fachkräftemangel in der Landwirtschaft wird sich dieser Trend mit grosser Wahrscheinlichkeit fortsetzen.
Kälber, die auf der Weide herumrennen dürfen, haben einen unglaublichen Jöö-Effekt. Welche Effekte hat die Mutterkuhhaltung sonst noch?
Die Schweiz ist ein Grasland. Mehr als 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz bestehen aus Grünland. Die Mutterkuhhaltung erlaubt die Nutzung dieses Graslands mit wenig Arbeitsaufwand. Neben der Landschaftspflege durch die Tiere und der Offenhaltung der Flächen wird gleichzeitig das für den Menschen unverdauliche Gras zu wertvollem Fleisch veredelt.
Man spricht in der Mutterkuhhaltung gerne und oft von Nachhaltigkeit. Aber könnte man auf vielen Flächen, die extensiv mit Mutterkühen und ihren Kälbern bewirtschaftet werden, nicht auch Ackerbau für uns Menschen betreiben? Ich spreche hier nicht von irgendwelchen Alpweiden, sondern von Landwirtschaftsflächen bei uns im Flachland.
Aufgrund der Topografie und der teilweise hohen Niederschläge eignen sich viele Böden in der Schweiz nur begrenzt für den Anbau von Ackerkulturen. Die Veredelung des Raufutters durch Wiederkäuer wie Kühe ist daher sehr sinnvoll und auch nachhaltig. Das Grasland bietet wichtige Versickerungsflächen für Regen und Oberflächengewässer, schützt durch die Durchwurzelung vor Erosion und weist eine hohe Biodiversität auf. Gleichzeitig wird durch die anfallenden organischen Nährstoffe im Kot der Kühe wieder Humus im Boden aufgebaut.
Trotz allem: Der Einsatz von Kraftfutter ist bei der Mutterkuhhaltung erlaubt. Ist das nicht auch eine Nahrungskonkurrenz für uns Menschen?
Kraftfutter, das für die Nutztiere eingesetzt wird, besteht zu einem grossen Teil aus Nebenprodukten der Nahrungsmittelproduktion. Soja- und Rapsschrot entstehen bei der Gewinnung von Speiseöl, Maiskleber bei der Stärkegewinnung aus Maiskörnern. Die Energieträger des Kraftfutters sind auf Basis von Getreide, das nicht für die menschliche Ernährung geeignet ist, beispielsweise deklassierter Brotweizen. Die in einem Kraftfutter eingesetzten Fette stammen oftmals aus tierischer Herkunft. Das eingesetzte Kraftfutter schliesst somit den Kreislauf. Die gängigen Rinderrassen, die in der Mutterkuhhaltung eingesetzt werden, benötigen nur gegen Ende der Ausmast Kraftfutter, um den vom Markt gewünschten Ausmastgrad zu erzielen. Die Nahrungskonkurrenz zur menschlichen Ernährung ist durch die Mutterkuhhaltung nur marginal.
