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Landwirtschaft mit Jöö-Effekt

Lukas Faust aus Bubikon hat vor sechs Jahren von Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Der Entscheid hat sich für ihn ausbezahlt.

Lukas Faust inmitten seiner Herde in Bubikon: Der 45-jährige Landwirt hat seinen Betrieb vor einigen Jahren von Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung umgestellt.

Foto: Christian Merz

Landwirtschaft mit Jöö-Effekt

Immer weniger Milchkühe, immer mehr Mutterkühe

Seit Jahren ist der Bestand an Milchkühen im Zürcher Oberland rückläufig. Dafür sieht man immer mehr Kälber mit ihren Mutterkühen auf den Weiden. Das lässt sich statistisch untermauern.

Mehr Schweiz geht fast nicht: Auf einer saftig grünen Wiese grasen die Kühe und Kälber von Lukas Faust. Wenn man Tierwohl malen müsste, würde das Bild wohl genau so aussehen. Die Kälber tollen herum, ein paar Kühe liegen im Schatten und lassen sich das Frühstück nochmals durch den Kopf gehen, im Hintergrund steht der mächtige Limousin-Stier Hugo und wacht über seine Herde.

Durchschnittlich 150 Tage lebt ein Kalb von Landwirt Faust in diesem Paradies beim Ritterhaus Bubikon. Dann geht es auf eine Reise, die seine letzte sein wird. Das Schlachtgewicht eines Kalbs darf maximal 140 Kilogramm betragen, und es muss einen gewissen Fettanteil enthalten. Als Schlachtgewicht bezeichnet man das Gewicht eines Tiers ohne Innereien.

Mehr als 50 Kilogramm Fleisch pro Kopf

Pro Kopf isst jede Schweizerin und jeder Schweizer 51,82 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Die Zahl stammt aus dem Jahr 2021, und sie zeigt eine Zunahme von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf den Punkt gebracht: Trotz Trend zu Vegetarismus, Veganismus und immer zahlreicheren Fleischersatzprodukten verzehren wir nach wie vor gerne das Fleisch von toten Tieren.

Lukas Faust führt den Hof mit 29 Hektaren Land in der vierten Generation. Drei Generationen wohnen unter einem Dach: Lukas und Katja Faust mit Sohn Lou und Tochter Joy, dazu die Grosseltern Maya und Hansueli Faust.

Die Geschichte des Familienbetriebs reicht zurück bis ins Jahr 1921, als Lukas Fausts Urgrosseltern Karl und Rosa Wüthrich aus dem Kanton Bern nach Bubikon kamen und das Ritterhaus samt Landwirtschaftsbetrieb kauften. Bereits 1925 wurde das Ritterhaus an die neu gegründete Ritterhausgesellschaft veräussert. Mit dem Erlös liessen Karl und Rosa Wüthrich eine Scheune zum heutigen Wohnhaus umbauen.

2009 übernahm Lukas Faust den Hof. Bis dahin war Milchwirtschaft die Haupteinnahmequelle. «2008 erhielten wir noch 75 Rappen für einen Liter Milch. Doch es wurde immer weniger – am Ende waren es 52 Rappen», erinnert sich der 45-Jährige.


> > Lesen Sie hier die Einschätzung von Matthias Schick von der Landwirtschaftsschule Strickhof zum Trend zur Mutterkuhhaltung.


Für Lukas und Katja Faust war klar: Das Geschäftsmodell Milchwirtschaft lässt sich nicht aufrechterhalten. Doch ein Um- oder Neubau war in der denkmalgeschützten Umgebung schwierig. 2015 hatte die Denkmalpflege entsprechende Pläne der Familie Faust noch abgelehnt.

«2018 ging plötzlich ein Türchen auf», erzählt Faust. Ein neuer Stall durfte vor der historischen Kulisse gebaut werden. Dieser war die Grundvoraussetzung, um von Milchwirtschaft auf Mutterkühe umzustellen.

Mutterkuhhaltung im Zürcher Oberland

Die Zahlen sind eindrücklich: Um die Jahrtausendwende lebten noch rund 15'000 Milchkühe in den Bezirken Uster, Pfäffikon und Hinwil. Seither nimmt die Zahl stetig ab. 2022 waren es noch 11'785 Milchkühe.

Parallel steigt die Anzahl Kühe an, die vom Bundesamt für Statistik unter «andere Kühe» zusammengefasst werden. Der Grossteil dieser «anderen Kühe» sind Mutterkühe. Ein kleinerer Teil sind sogenannte Ausmastkühe. Das sind Kühe, die nicht mehr gemolken und vor der Schlachtung noch gemästet werden. Diese Kategorie hat sich in den letzten gut 20 Jahren von 912 auf 3225 Kühe fast vervierfacht.

Der Verein Mutterkuh Schweiz ist die Dienstleistungsorganisation der Mutterkuhhalter und Rindfleischzüchter in der Schweiz. Gegründet im Jahr 1977, zählt der Verein heute 6000 Mitglieder mit rund 105'000 Mutterkühen.

Obwohl die Zahl der Neumitglieder stetig wächst, macht die Mutterkuhhaltung in der Schweiz mit 15 Prozent nach wie vor einen kleinen Anteil des Rindviehbestands aus.

Die Mitglieder produzieren für Labels wie «Natura-Veal» oder «Natura-Beef». Ein Kalb ist nach durchschnittlich fünf Monaten schlachtreif, ein Rind nach rund zehn Monaten.

Während beim «Natura Beef» eine Mutterkuh und ein Rind zehn Monate zusammen auf der Weide verbringen, kann eine Mutterkuh in einem Jahr mehr als zwei Kälber aufziehen. Neben ihrem eigenen Kalb wird ihr ein zweites Kalb (aus einem Milchbetrieb) «angehängt». Die meisten Kühe nehmen dieses zweite Kalb problemlos an, da sie über genügend Milch für zwei Kälber verfügen.

400'000 Franken investierte er in einen modernen, hellen Laufstall, in dem die Kühe hinein- und hinauskönnen, wie sie wollen. «Wir hatten Glück. Es brauchte fast keine Erdarbeiten – und der 1986/1987 gebaute unterirdische Jauchetrog befand sich genau am richtigen Ort.»

70 Kälber lässt Lukas Faust jedes Jahr für Coop schlachten. Das Fleisch landet als «Natura-Veal» in den Kühltheken und Regalen des Grossverteilers. Das Label ist streng: Die Fütterung besteht vorwiegend aus Muttermilch, später auch aus Gras und Heu. Der Einsatz von wachstumsfördernden Zusatzstoffen, tierischen Eiweissen oder Fetten, Soja, Palmöl oder Palmfett und gentechnisch veränderten Futtermitteln ist verboten. Das Kalb wächst mit seiner Mutter auf und hat täglich Auslauf.

Fragen rund ums Tierwohl und die Ethik

Der letzte Punkt ist der, der Bauer Faust noch immer zu schaffen macht: «Es ist nicht einfach, wenn wir ein Kalb in die Metzgerei bringen und die Mutter anschliessend nach ihm sucht und es ruft. Das tut weh.»

Die Ethik und Fragen rund ums Tierwohl beschäftigen Faust. Regelmässig empfängt der Familienvater auch Schulklassen auf dem Hof. «Und wenn die Kinder die Kälber streicheln, sage ich ihnen klipp und klar, dass diese nur rund fünf Monate alt werden dürfen.» Der erste Schock sei jeweils sicht- und hörbar.

Schule auf dem Bauernhof (SchuB) ist Teil des NMG-Unterrichts (Natur, Mensch, Gesellschaft) nach Lehrplan 21. Die Kinder lernen auf Höfen wie dem Ritterhaushof unter anderem, wo unser Fleisch und unsere Eier herkommen. «Und wenn ich am Ende des Tages den Kindern Mostbröckli zum Probieren reiche, greifen jeweils alle zu», erzählt Lukas Faust. Auch das ist Lobbyarbeit.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot

«Letztlich mache ich das, was der Konsument verlangt», sagt Faust. Er könnte auch Gemüsebau betreiben, obwohl seine Böden etwas schwer sind. «Doch dann müsste ich Erntehelfer aus Osteuropa einstellen. Den jetzigen Betrieb können wir allein stemmen.»

Neben den 70 Kälbern, die in Bubikon für Coop produziert werden, betreibt Katja Faust einen kleinen Direktvertrieb. Acht Kälber und drei Kühe pro Jahr gehen direkt vom Hof in die Kühltruhen von Privatkunden. Im Hoflädeli, das Katja Faust führt, liegt eine kleine Broschüre auf: «Um die Wertschätzung des ganzen Tiers zu gewährleisten, bitten wir Sie, nicht nur Edelstücke zu konsumieren. Das ist uns sehr wichtig!»

Herr und Frau Schweizer essen viel Fleisch. Und sie lassen sich die Qualität und das Tierwohl etwas kosten. Während im Frühjahr relativ viel Kalbfleisch auf den Markt kommt, übersteigt im Sommer und im Herbst die Nachfrage nach Label-Kalbfleisch das Angebot. Entsprechend hoch sind die Preise im Detailhandel: 100 Gramm Kalbsfilet mit dem Label «Natura-Veal» verkauft Coop für 9,80 Franken, 100 Gramm Kalbsplätzli kosten 8,50 Franken, und am Ende der Preisskala sind die Kalbshaxen und das -ragout für 4,35 Franken. Die Produzenten erhalten zwischen 13,50 und 20 Franken pro Kilo Schlachtgewicht.

Er habe sehr gerne gemolken, blickt Lukas Faust auf die Arbeit von vier Generationen zurück und lacht. «Aber meine Steuerrechnung ist heute deutlich höher als früher …»

Halten Sie Abstand!

Mutterkühe sind weniger handzahm als Milchkühe, die jeden Tag zweimal gemolken werden und an einen engen Kontakt mit Menschen gewöhnt sind. Zudem haben Mutterkühe einen ausgeprägten Beschützerinstinkt für ihr Kalb. Die naturnahe Haltung kann, im Zusammenhang mit der Ahnungslosigkeit von Wanderern, Spaziergängern oder Radfahrern, zu gefährlichen Situationen führen.

Nicht nur Menschen, auch Kühe haben ihren persönlichen Raum und fühlen sich bedrängt, wenn ihre Sicherheitsdistanz unterschritten wird. Und wenn sich eine Kuh bedrängt fühlt oder Angst um ihr Kalb hat, kann sie einen Menschen auch angreifen.

Auf jeden Fall widerstehen muss man dem Trieb, ein Kälbchen zu streicheln. Der Grund ist eigentlich einfach zu verstehen: Eine Mutter schützt ihre Kinder. Und Kühe mögen es so wenig wie Menschenmütter, wenn ihr Nachwuchs von Wildfremden betatscht wird.

Wichtig ist auch, dass Hunde in der Nähe von Rinderherden an der kurzen Leine geführt werden. Rinder ordnen Hunde als Raubtier ein und wollen die Herde schützen.

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