«Ein Börsengang war nie ein Thema»
Interview mit R+M-Besitzer
Der Wetziker Industriekonzern R&M ist zu 100 Prozent im Besitz der Brüder Peter und Martin Reichle. Warum das gut ist, erklärt Martin Reichle im Interview.
Herr Reichle, R&M hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem globalen Anbieter von kompletten, integrierten Infrastrukturen für Daten- und Kommunikationsnetze entwickelt. Wie wichtig ist der Standort Wetzikon in dieser Gruppe heute noch?
Martin Reichle, Co-Owner R&M: Der Standort Wetzikon ist nach wie vor das Mutterhaus unseres Familienunternehmens und somit die Steuerzentrale von allen R&M Vertriebs- und Produktionsstandorten im Ausland. Wir haben in Wetzikon mehr als 220 Arbeitsplätze – in den Bereichen Administration, Forschung & Entwicklung, Produkt-Management und Marketing wie auch im Logistik- und Finanzbereich. Ebenfalls haben wir hier eine eigene Fertigung für Produkte, die mit kurzer Lieferzeit die Kundinnen und Kunden in der Schweiz erreichen.
> > Lesen Sie hier, wie sich R&M vom 2-Mann-Betrieb zum weltweit tätigen Unternehmen entwickelt hat.
Das Unternehmen ist zu 100 Prozent im Besitz von Ihnen und Ihrem Bruder Peter Reichle. Hatten Sie nie die Absicht, an die Börse zu gehen, um das Wachstum des Unternehmens mit frischem Kapital zu beschleunigen?
Nein, diese Absicht hatten wir nie. Wir haben das Wachstum immer aus eigenen Mitteln finanzieren können. Strategisch hilft es zudem, dass die langfristige Ausrichtung von zwei Inhabern mehr gelebt werden kann als die oft kurzfristig denkende Börsenlandschaft von vielen externen Shareholdern.
Die Geschäftsleitung ist seit zehn Jahren mit familienexternen Managern besetzt, Sie und Ihr Bruder sind seit drei Jahren auch nicht mehr im Verwaltungsrat des Kerngeschäfts. Wie viel Einfluss nehmen Sie beide als Besitzer?
Das ist eine berechtigte Frage und sie wird von firmenexternen Personen oft gestellt. Natürlich sind wir als Eigentümer in kontinuierlichem Austausch mit unserem Verwaltungsrat und unserer Geschäftsleitung. Zudem besuchen wir regelmässig unsere Firmensitze im Ausland, um auch den Kontakt zu den Mitarbeitenden und Schlüsselkunden in den Regionen nicht zu verlieren. Und natürlich sind wir auch bei jeder grösseren Investition, beispielsweise beim Zukauf einer Firma, eng involviert und haben das letzte Wort. Und für uns das Wichtigste: Wir legen grossen Wert darauf, dass eine gesunde Unternehmenskultur gelebt wird, wonach neue Mitarbeitende nicht nur nach fachlichem Knowhow ausgesucht werden, sondern auch die Passfähigkeit zu unseren Werten und Verhaltensgrundsätzen geprüft und stetig geschult wird. Das wichtigste Kapital in unserer Firma sind unsere Mitarbeitenden.
Wird in Zukunft wieder einmal ein Reichle im Top-Management des Unternehmens Einsitz nehmen?
Mein Bruder und ich sind vor genau 30 Jahren ins Familienunternehmen eingestiegen und durften nach unserem Vater und Renato De-Massari die Firma weiterentwickeln – von rund 150 Mitarbeitenden auf rund 700 Mitarbeitende bis 2012. Eine familieninterne Nachfolge sehen wir aus heutiger Sicht nicht, da die Interessen unserer mittlerweile erwachsenen Kinder in anderen Gebieten liegen.
2023 war ein schlechtes Jahr nicht nur für R&M, sondern für die ganze Branche. Der Gesamtmarkt ging im zweistelligen Prozentbereich zurück. Bis wann rechnen Sie mit einer signifikanten Erholung?
Wir waren die letzten zwei Jahre auch von der sinkenden Nachfrage betroffen, richtig – zum Glück aber weniger stark als unsere Mitbewerber. Wir rechnen mit einer steigenden Nachfrage in der zweiten Jahreshälfte 2024 – falls sich nicht einige internationale Konflikte weiter ausbreiten.
Welches sind die grössten Herausforderungen, die R&M in den nächsten Jahren bevorstehen?
Als Unternehmer reden wir lieber von Chancen als von Herausforderungen. Herausforderungen nutzen wir stets, um in allen Bereichen besser zu werden. Dies ist unser Mindset. Wir sind gut in der Branche positioniert und sehen optimistisch in die Zukunft, da der Bandbreitenbedarf weiter ansteigen wird und es somit weiterhin unsere Lösungen braucht.
Hand aufs Herz: Einen Telefonstecker, den Ihr Vater mitentwickelt hat, versteht fast jeder. Verstehen Sie die Produkte, die Ihr Unternehmen heute herstellt?
(Lacht) Ich bitte Sie! Wir sind mit der Firma R&M aufgewachsen und haben alle Produkte miterlebt, die unsere Firmengründer in den ersten 30 Jahren entwickelt haben. Als gelernter Elektromonteur und Dipl. El. Ing. habe ich dann die zweiten 30 Jahre mitprägen dürfen und erkläre auch heute noch den Kunden unsere Produkte im Detail.
Und wer erklärt sie Ihnen?
Erst kürzlich durfte ich mich wieder einmal einen ganzen Tag lang durch unsere Product Manager in Wetzikon darüber informieren lassen, welche Innovationen kurz vor dem Markteintritt stehen und welche in Vorbereitung sind. Unsere motivierten Mitarbeitenden leben eine kundennahe Innovationskultur vor – tagein, tagaus. Und als Unternehmer bleiben die Leidenschaft und der Spirit, bessere Lösungen zu produzieren als andere, auch wenn man anderen das Tagesgeschäft überlässt. Eines dürfen Sie mir glauben: Man kann sich nur freuen auf die Zukunft – sowohl als Inhaber, als auch als Kunde von R&M.
