Wetziker Traditionsgeschäft lebt an neuer Adresse weiter
Ryffel Felle + Leder AG wechselt Besitzer
Seit über 175 Jahren gibt es in Wetzikon die Firma Ryffel Felle + Leder AG. Um ein Haar wäre das Traditionsunternehmen von der Bildfläche verschwunden.
Das ist die Geschichte über eine ausgesprochen ungewöhnliche Nachfolgeregelung einer Firma, die älter ist als der Schweizer Bundesstaat. Sie reicht zurück bis ins Jahr 1847, als ein gewisser Samuel Ryffel in Wetzikon eine Gerberei gründete.
Mehr als 150 Jahre wurde an der Bahnhofstrasse 132 in Wetzikon Leder gegerbt, seit 1972 in einem für damalige Verhältnisse modernen Produktionsgebäude. Im Jahr 2000 schliesslich wurde die Gerberei wegen Umweltauflagen stillgelegt. Um aus den Häuten von geschlachteten Tieren Felle und Leder herzustellen, braucht es viel Wasser und Hunderte von Chemikalien. Und: Gerbereien stinken im wahrsten Sinne zum Himmel.
Der zufällige Kontakt vor zwei Jahren
Seither hat sich die Ryffel Felle + Leder AG auf den Verkauf von Fellen, Leder und Lederwaren aller Art spezialisiert sowie auf Werkzeuge und Zubehör für Kunsthandwerker und Bastler, die mit Leder arbeiten. Und hier kommt der neue Besitzer Marcel Keller ins Spiel. Vor 58 Jahren in Wetzikon geboren, ist Keller heute in Oberengstringen wohnhaft und Geschäftsführer einer IT-Firma in Urdorf.
In Kontakt mit der Ryffel Felle + Leder AG kam er erst vor zwei Jahren und eher zufällig: «Meine Frau wünschte sich Tischsets aus Leder. Ich dachte mir, die mache ich selbst, und ging in die Ryffel-Filiale in Zürich, um ein paar Lederstücke dafür zu kaufen.»
Der Samen war gesetzt und begann zu keimen. Bald war Keller Stammkunde im kleinen Laden an der Birmensdorferstrasse und deckte sich nicht nur mit Leder, sondern auch mit allerlei Utensilien ein, um dieses zu bearbeiten. Er begann Taschen und Handy-Hüllen aus Leder zu basteln, punzierte Muster ins Leder und verzierte es mit Schnallen, Nieten und Knöpfen. (Falls Sie nicht wissen, was «punzieren» ist, das kommt weiter unten.)
Vielleicht muss man dazu erwähnen, dass Marcel Keller ein leidenschaftlicher Biker ist und eine Indian Chief Vintage mit mächtigen 1800 ccm Hubraum sein Eigen nennt. Und wo US-amerikanische Motorräder sind, da ist auch Leder nicht weit.
Die lange Suche nach einer Nachfolge
Zur Zeit, als Marcel Keller Stammkunde in der Zürcher Filiale wurde, näherte sich Ryffel-Besitzer Martin Meierhofer dem Pensionsalter. Da er trotz längerer Suche keinen geeigneten Nachfolger finden konnte, plante er eigentlich, das Familienunternehmen im Lauf des Jahrs zu liquidieren.
Keller: «Bei einem Besuch in der Zürcher Filiale sprach mich eine der Verkäuferinnen an: ‹Marcel, du bist so oft hier im Laden, du sprichst mit uns und mit unseren Kunden, du zeigst so viel Begeisterung für unsere Produkte. Möchtest du nicht die Firma kaufen?›»
Keller wollte, weil er fand, jemand müsse dieses Kleinod erhalten. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Er erwarb nicht nur eine Firma mit zwei Standorten, einem umfangreichen Onlineshop und drei Angestellten, sondern auch ein regelrechtes Sammelsurium aus allem, wirklich allem, was mit Fellen und Leder zu tun hat.
Das Sammelsurium in Wetzikon
Der alte Hauptsitz in Wetzikon platzte aus allen Nähten: kilometerweite Bahnen aus Leder in allen Farben und Stärken, feinste Tierhäute, um Trommeln zu bespannen, dazu Tausende von Tierfiguren, Ochsen, Esel, Kamele und Schafe für Weihnachtskrippen, ausserdem Pferde, Bären, Hirsche, Hunde, Katzen, Eichhörnchen, Mäuse, ja sogar Faultiere, ganze Felle von Schafen, Kaninchen, Waschbären und Füchsen, Fuchsschwänze, Gürtel, Schnallen, Riemen, Bänder, Rucksäcke, Reisetaschen, Umhängetaschen, Handtaschen, Gürteltaschen, Brieftaschen, Handschuhe, Schlüsseletuis, Knöpfe, Nieten, Klammern, Haken, Schnallen, Verschlüsse, Punzierstempel, Nadeln, Garn, Pflegemittel und, und, und …
«Verstaubt», kam dem Besucher als Erstes in den Sinn, wenn er durch die vollgestopften Lagerräume im alten, denkmalgeschützten und schlecht beheizten Haus streifte, in den Regalen und Schachteln stöberte und dabei immer auf der Hut sein musste, sich an den tiefen Decken und noch tieferen Türrahmen nicht den Kopf zu verbeulen. Und in der Tat war die Ryffel Felle + Leder AG nach mehr als 175 Jahren etwas verstaubt.
Die neue Geschäftsadresse
Marcel Keller hat sich darangemacht, das zu ändern. Zuerst die Adresse: Aus der Bahnhofstrasse 132 wurde die Bahnhofstrasse 131. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite hat er ein Geschäft mit 258 Quadratmetern Ladenfläche und einem fast nochmals so grossen Untergeschoss für das Lederlager gefunden. Die Filiale in Zürich wird geschlossen.
Was bleibt, ist das umfassende Angebot. «So etwas gibt es in der Schweiz kein zweites Mal. Die Kunden reisen aus jeder Ecke des Landes zu uns – aus dem Wallis, dem Kanton Uri, kürzlich war ein Sattler aus dem Münstertal hier in Wetzikon. Darunter sind richtige Künstler, ganz wunderbare Leute!», schwärmt Keller.
Die Künstlerbühne und der Szenetreff
Diesen Künstlern will der gebürtige Wetziker in seiner alten Heimat eine Bühne bieten: Einerseits plant er Workshops, in denen sie ihr Wissen und Können weitergeben. Beispielsweise das Verzieren von Leder durch Punzieren. Punzen sind in verschiedene Formen gegossene Metallstempel, mit denen Linien, Rillen und Muster wie Monogramme oder Wappen in das Leder eingeprägt werden.
Ausserdem hat er in einem Teil des neuen Ladens einen Vernissage-Bereich eingerichtet, wo Kunsthandwerker ihre Produkte ausstellen können. Keller erzählt das Beispiel einer Kundin, die in Handarbeit Leder-Sneakers fabriziert. Solchen Leuten will er eine Plattform bieten: «Ich möchte, dass Ryffel in Wetzikon zum Szenetreff wird.»
Die Neueröffnung am 2. Mai
Das Sortiment hat er leicht gestrafft. «Die Felltiere und Krippenfiguren passen nicht zur neuen Ausrichtung.» Dafür denkt er über eine Erweiterung in Richtung Lederbekleidung für Motorradfahrer nach: «Fliegerjacken und kultige Bikerjacken würden gut passen.» Auch einen neuen Slogan hat er sich ausgedacht: «Aus Tradition wird Passion.» Am 2. Mai feiert er die Neueröffnung des Geschäfts an der neuen Adresse.
Bleibt die Frage nach den finanziellen Risiken, die der 58-Jährige mit der Übernahme eingeht: Über den Kaufpreis für die Aktiengesellschaft spricht Marcel Keller nicht. Eines aber ist ihm jetzt schon klar: «Geld verdienen werde ich mit dem Laden nicht. Aber es macht mir riesigen Spass.»