Wohin mit den Bergen aus Kies und Asphalt?
Herausforderung Recycling
Der Kanton Zürich verschifft tonnenweise Asphalt zur Verbrennung nach Holland. Das löst Unverständnis beim Baugewerbe aus und kostet viel Geld.
Wer sich durchs Zürcher Oberland bewegt, dem dürften manch dunkle Berge auffallen. Wir sprechen hier nicht vom Bachtel oder dem Homberg bei Volketswil, wir sprechen von den Bergen an Strassenaufbruch.
Ein solcher Hügel beispielsweise steht in Hinwil auf dem Areal der FBB oder in Volketswil bei der Belag AG. Ein Hügel mit Recyclingkies aus dem Strassenbau wächst auch in Gutenswil auf dem Gelände der Schneider & Partner AG in die Höhe.
«Viele Baufirmen wissen kaum mehr, wohin mit dem Material», sagt stellvertretend Bruno Inauen vom gleichnamigen Strassenbau-Unternehmen in Uster. Die Berge, die sich im Oberland erheben, bestehen zum grössten Teil aus alten Strassen und könnten eigentlich im Sinne der Kreislaufwirtschaft und dem Stand der Technik wiederverwertet werden.
Wohin damit?
Um das Wort «eigentlich» zu erklären, müssen wir einen Blick in die Technik des Strassenbaus und in die Vergangenheit werfen. Asphalt besteht, vereinfacht gesagt, aus Kies und Bitumen. Bitumen ist ein Bindemittel, das aus Erdöl gewonnen wird, und ist unproblematisch.
Nun war es bis in die 1980er Jahre Stand der Technik, nicht Bitumen als Bindemittel zu nutzen, sondern Teer. Dieser Teer ist ein Nebenprodukt aus der Herstellung von Koks aus Steinkohle. Im Gegensatz zu Bitumen enthält Teer sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), und diese sind krebserregend.
Deshalb ist die Verwendung von Teer als Bindemittel im heutigen Strassenbau verboten. Aber er fällt bei der Sanierung von damals erstellten Strassen nach wie vor an, im sogenannten Ausbauasphalt. Und damit stellt sich die Frage, wohin damit.
Die Recyclingquote im Strassenbau liegt bei uns bei 60 Prozent.
Andreas Angehrn
Zürcher Kantonsingenieur
Grundsätzlich lassen sich Strassenbeläge rezyklieren. «Die Recyclingquote im Strassenbau liegt bei uns im Tiefbauamt im Kanton Zürich derzeit bei 60 Prozent», sagt Kantonsingenieur Andreas Angehrn.
Nur: Rezykliertes Material aus dem aufgebrochenen Asphalt, sogenanntes Recyclinggranulat, darf dabei nur verwendet werden, wenn es einen Grenzwert an PAK pro Kilogramm Asphalt nicht übersteigt. Aktuell sind dies 1000 mg/kg.
«Wir hatten schon Höchstwerte von 35'000 mg PAK pro Kilo gemessen», sagt Andreas Angehrn. Ein enormer Wert, wenn man die heutige Gesetzeslage zum Vergleich heranzieht: Die Verwendung von Ausbauasphalt mit einer Belastung von 1000 PAK und mehr ist seit 2023 verboten.
Werte von 250 bis 999 mg sind gemäss Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen (VVEA) noch bis Ende 2025 erlaubt, aber das Material wird nicht mehr überall eingesetzt.
Das verstehen nicht alle Strassenbau-Unternehmer. Denn aus Ausbauasphalt lässt sich Kies herstellen. «Das ist eine natürliche Ressource und nur in begrenztem Umfang vorhanden», sagt ein Unternehmer, der anonym bleiben will. «Es ist schade, dass wir diesen Rohstoff nicht nutzen können.»
Die öffentliche Hand habe auch eine Vorbildfunktion, sagt Kantonsingenieur Angehrn: «Daher haben wir bei den ab 1. Januar 2023 ausgeschriebenen Projekten die Wiederverwendung von Ausbauasphalt mit mehr als 250 mg PAK pro Kilo von Baustellen des Tiefbauamts grundsätzlich eingestellt.»
Zudem vergüte der Kanton Zürich den Unternehmern die Entsorgung des nicht mehr verwendbaren Ausbruchasphalts. Wie in der Schweiz üblich, unterscheidet sich Handhabung dieser Materialien von Kanton zu Kanton.
Einerseits wollen wir belastetes Material aus dem Kreislauf entfernen. Andererseits ist ein gewisser Anteil durchaus verträglich.
Roger Schibler
Solothurner Kantonsingenieur
Im Kanton Solothurn, um ein Beispiel zu nennen, werden solche Recycling-Baustoffe gemäss den Vorgaben der Schweizer Normen weiterhin im Strassenbau eingesetzt. «Es ist ein Spannungsfeld», sagt der dortige Kantonsingenieur Roger Schibler.
«Einerseits wollen wir belastetes Material aus dem Kreislauf entfernen. Andererseits ist ein gewisser Anteil durchaus verträglich.» Auch in Solothurn seien die Berge an Strassenaufbruch ein grosses Problem, so Schibler.
Vom gesamten Strassennetz im Kanton Zürich fallen gut 20 Prozent in die Zuständigkeit des Kantons. 75 Prozent des Netzes liegen in der Zuständigkeit der Gemeinden; der Rest sind Nationalstrassen.
Das würde bedeuten, dass immer noch auf gegen 80 Prozent der Strassen rezykliertes Material mit PAK-Werten über 250 mg/kg verbaut werden dürfte – entsprechend der Schweizer Normen. Allerdings ist das immer seltener der Fall. Denn viele kommunale Bauherren übernehmen die Vorgaben des Kantons.
Keine Anlage in der Schweiz
Zurück ins Zürcher Oberland: Wohin also mit den Bergen aus alten Strassenbelägen? Eine Möglichkeit ist die Endlagerung in Deponien.
Die zweite Möglichkeit ist die thermische Verwertung. (Man spricht hier nicht von «Verbrennen», sondern von «thermischer Verwertung», weil das viel besser klingt.) Die Verwertung geschieht nicht etwa in der Schweiz, sondern in aller Regel im fernen Holland.
Eine Firma in Rotterdam hat sich auf die thermische Behandlung von teerhaltigen Strassenbaustoffen spezialisiert. Die Holländer verbrennen die abgetragenen Strassenschichten in speziellen Hochöfen, zerstören damit die organischen Teile wie PAK und nutzen den gewonnenen Kies im Bauwesen.
Denn im Gegensatz zur Schweiz verfügen die Niederlande nicht über natürliche Kiesvorkommen und müssen diesen wichtigen Baustoff importieren. In der Schweiz existiert bisher keine Anlage, die PAK-haltigen Strassenaufbruch verwerten kann.
Zweifel an der Sinnhaftigkeit
1997 hatte der Kabarettist und Autor Franz Hohler eine Erklärung geliefert, wie die Berge in die Schweiz kamen. In «Hoe de Bergen in Zwitserland kwamen», erzählt Hohler die Geschichte, dass unsere Berge einst in Holland waren und mit der Kraft der Gedanken in die Schweiz wanderten. Denn der Glaube kann Berge versetzen.
Nun schicken die Schweizer ihre (Asphalt-)Berge nach Holland zurück: Aber das geschieht einiges profaner und vor allem teurer. Den Strassenbau-Unternehmen im Kanton bleibt letztlich nur eins: Das Material mit Lastwagen nach Basel zu bringen, wo es auf dem Rhein nach Holland verschifft wird. Bezahlt wird die Rechnung von den Steuerzahlern.
Und ob die weite Reise ökologisch sinnvoll ist, diese Frage bleibt letztlich unbeantwortet.