Verliert Pfäffikon sein kleines Hühnerparadies?
Huhn-Ei-Problem
Einst lebten bis 10’000 Hühner im Rick oberhalb Pfäffikons. Heute kämpft die Geflügelzucht Rüegg AG ums Überleben.
Beginnen wir diese Geschichte mit einem Exkurs über Hühner und Eier: Im Jahr 2022 wurden in der Schweiz mehr als eine Milliarde Eier produziert. In Zahlen ausgedrückt: 1’135’000’000-mal legte eine Henne hierzulande ein Ei. Jeder Schweizer und jede Schweizerin konsumiert jährlich 200 Eier.
Das bedeutet, dass die Schweizer Geflügelhalter nur rund zwei Drittel der hierzulande verzehrten Eier produzieren, das restliche Drittel wird importiert.
Immerhin 60 Prozent der Hühner in der Schweiz führen ihr kurzes Leben einigermassen artgerecht: 20 Prozent der produzierten Eier sind Bio-Eier, 40 Prozent stammen aus Freilandhaltung.
Freilandeier verkauft auch Zahir Dermaku auf seinem Hof in Pfäffikon, womit wir diesen kurzen Exkurs über Eier-Industrie in der Schweiz beenden. Seit mittlerweile 80 Jahren leben im Rick oberhalb von Pfäffikon Legehennen.
Ida und Fritz Rüegg hatten die Tradition in den 1940er Jahren gegründet. In einem anfänglich kleinen Stall zogen sie Hühner auf und verkauften sowohl Hühner als auch Eier an ortsansässige Kundinnen und Kunden.
Der Betrieb wuchs rasch, die Geflügelfarm wurde baulich stetig erweitert. Das Unternehmen brütete die Eier in einem für damalige Zeiten modernen Brutapparat aus, in den 1960er Jahren kamen Elterntiere für Pouletmast-Küken dazu. Bis zu 10’000 Tiere lebten zu den besten Zeiten im Rick oberhalb Pfäffikons.
Heute sind es deutlich weniger. Rund 5000 bis 6000 Freilandhühner jährlich verkauft die Geflügelzucht Rüegg AG heute, dazu rund 200’000 Eier.
2021 haben Zahir Dermaku und sein Onkel Isa den Betrieb von Besitzer Heinz Rüegg übernommen und redimensioniert. Im Rick oben ist das Wort «Industrie» unpassend. Zufrieden scharren die Hennen auf einer grünen Wiese. Dahinter steht der grosszügige, saubere Stall, wo sie Schutz vor der Witterung finden und ihre Eier legen.
Dazwischen stolzieren vier prächtige Hähne. «Die braucht es eigentlich nicht», sagt Zahir Dermaku. Denn Eier werden im Rick nicht mehr ausgebrütet (und müssen folglich auch nicht befruchtet werden). «Aber für mich gehören sie ganz einfach auf einen Hühnerhof.»
Abnehmer der Hennen sind einerseits Bauern in der Region, andererseits private Tierhalter. Diese werden bei Bedarf beraten, was die Pflege betrifft. Dermaku: «Wir haben für Privatkunden auch schon Hühnerställe gebaut.»
Auch dem Zufall geschuldet
Die Hühnerfarm ist nicht der Haupterwerbszweig der Familie Dermaku. Zahir und Isa führen seit 2015 ein Zaunbau-Geschäft in Wetzikon. Dass die Dermakus den Hof vor knapp drei Jahren übernahmen, ist auch dem Zufall geschuldet.
Sie hatten einen Teil des Geländes als Lager für ihre Zaunfirma angemietet. «Und als Besitzer Heinz Rüegg uns erzählte, er wolle aufhören, dachten wir, wie schade das wäre», erzählt Zahir Dermaku. Da sein Onkel im Kosovo einst als Landwirt gearbeitet hatte und über Erfahrung verfügte, übernahmen sie den Geflügelhof samt einem Mitarbeiter.
Obschon sie den Hof lediglich als Nebenerwerb führen, sei die Situation schwierig, sagt Zahir Dermaku: «Bei den Eiern sind die Margen extrem klein.» Betriebswirtschaftlich ergibt eine Hühnerfarm dann Sinn, wenn viele Eier produziert werden, womit wir wieder beim Thema «Industrie» sind.
Um die Rechnung auf einen einfachen Nenner zu bringen: kleine Marge x grosse Produktion = vernünftiger Ertrag.
Zahir und Isa Dermaku versuchten, die Menge auszuweiten, indem sie lokale Lebensmittelhändler und Restaurants anschrieben – mit mässigem Erfolg. «Die Antwort war meist dieselbe: Man habe schon Lieferanten und sei nicht interessiert.»
Die Dermakus verkaufen ihre Eier ab Hof an Private und möchten das auch weiterhin tun. «Die Leute kommen hier herauf. Oft bringen sie ihre Kinder mit», erzählt Zahir Dermaku. Dazu gehört, dass die Kinder durchaus auch ins Gehege zu den Hühnern dürfen und so erfahren, wo denn die Eier eigentlich herkommen.
«Unter dem Strich bleibt nichts übrig»
Eigentlich paradiesisch, wäre da nicht ein grosses Aber: «Wir kommen geradeso über die Runden und können unsere Rechnungen bezahlen. Aber unter dem Strich bleibt nichts übrig.»
Das war exakt der Grund, warum Heinz Rüegg den Familienbetrieb 2021 aufgab. «Aus Tierschutzgründen», wie er sagt. «In der Schweiz geht alles in Richtung Freiland oder Bio. Um den Hof als Haupterwerb rentabel zu führen, braucht man rund 10’000 Legehennen. Aber um diese artgerecht zu halten, fehlt das Land.»
Rüegg führt heute das Restaurant Hirschen in Hinwil und gehört gemeinsam mit dem Altersheim in Pfäffikon und einigen Landwirten, die Hoflädeli führen, zu den wenigen gewerblichen Abnehmern der Eier vom Rick. «Im Nebenerwerb kann der Betrieb in dieser Grössenordnung funktionieren», meint der frühere Besitzer.
Der einzige Betrieb in dieser Art
Heute ist die Geflügelzucht Rüegg AG der letzte Betrieb seiner Art im Zürcher Oberland, wo Hennen und Eier verkauft werden. Wie lange der Hühnerhof noch existiert, ist ungewiss. «Wir wollten schon hinschmeissen», sagt Zahir Dermaku.
Dann hätten sie das Ganze nochmals durchgerechnet, einige betriebliche Massnahmen durchgesetzt – beispielsweise den Verkaufsraum aufgehübscht, Ställe renoviert und die Betriebszeiten verlängert – und entschieden weiterzumachen. «Es wäre doch schade, wenn dieses Paradies aufhören würde, zu existieren.»


Schade nicht nur um die Hühner, die Zahir Dermaku sichtlich am Herzen liegen und auch in einem separaten Stall weiterleben dürfen, wenn ihre Leistung nachlässt. Schade auch um die hübschen Wachteln, die er in einem weiteren kleinen Stall hinter dem Haus hält.
«Die sind aber wirklich nur ein Hobby», sagt der 33-jährige Familienvater, während er eine Handvoll der kleinen Eier aus dem Gelege zusammenklaubt.