Ein düsterer Blick in die Zukunft
Wirtschaftsforum Uster
Ökonomen lieben Schlagworte und Alliterationen. UBS-Chefökonom Daniel Kalt nannte fünf «D» als Trends für die nächste Dekade. Warum uns vier dieser fünf «D» Sorgen bereiten.
Ökonomen haben eines gemeinsam: Sie lieben griffige Erklärungen und einfache Schemata. Wenn es dann noch Alliterationen sind, dann ist ihre Welt in Ordnung. So wird beispielsweise der Marketing-Mix einprägsam auf den Buchstaben «P» eingedampft: Product, Price, Place, Production. Das lernt jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester.
Meist funktioniert das nur auf Englisch richtig gut, und dieses Dilemma hatte auch UBS-Chefökonom Daniel Kalt am Mittwochabend im Ustermer Stadthofsaal. Kalt referierte zum Thema «Wirtschaftsausblick in geopolitisch stürmischen Zeiten» und über den Buchstaben «D».
Die Zeiten sind stürmisch mit Kriegen in Gaza und der Ukraine, mit den Spannungen zwischen den USA und China. Aber, und das war eine sehr positive Nachricht: Der Einfluss von geopolitischen Schocks auf das Wirtschaftswachstum ist weit geringer, als viele glauben.
Kurzfristige Prognosen im grünen Bereich
So waren die kurzfristigen Prognosen von Daniel Kalt durchaus optimistisch: Nein, wir haben trotz gestiegenen Aktienkursen (noch) keine Blase an den Märkten. Ja, der Schweizer Franken ist mittlerweile recht fair bewertet; der Euro wird sich zwischen 95 Rappen und einem Franken einpendeln, der Dollar mittelfristig gegen 80 Rappen tendieren. Und ja, vermutlich werden nach der Schweizerischen Nationalbank auch die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank im Sommer ihre Leitzinsen senken.
Bei den Trends der nächsten Dekade wurde es düsterer. Kalt fasste die fünf Megatrends der kommenden Dekade griffig mit fünf «D» zusammen: Deglobalisierung, Demografie, Dekarbonisierung, Digitalisierung und Debt (Schulden). Wie gesagt: Auf Englisch funktionieren Wirtschaftswissenschaften viel besser als auf Deutsch.
Wachstum oder Stagflation?
Wohin bewegen diese Trends die Weltwirtschaft: in eine schöne neue Welt mit hohem Wachstum und tiefer Inflation oder in eine Stagflation (Stagnation + Inflation) mit tiefem Wachstum und hoher Teuerung? Die Aussagen des UBS-Mannes waren wenig optimistisch. Vier der fünf «D» deuten in Richtung Stagflation. Seine Kernaussagen im Detail:
Die Deglobalisierung: Die Globalisierung hat uns in den letzten 40 Jahren einen grossen Wohlstand beschert. Ihre Umkehr ist schlecht für das Wirtschaftswachstum.
Die Demografie: Sie ist für Daniel Kalt eine «Zeitbombe». In den nächsten zehn Jahren gehen 1,22 Millionen Schweizerinnen und Schweizer in Rente, gleichzeitig treten eine Million junge Menschen ins Erwerbsleben ein: «Den Fachkräftemangel werden wir nicht mehr los.»
Die Dekarbonisierung: Wenn die Welt bis in 25 Jahren auf Kohle, Erdöl und Erdgas verzichten soll, kommen enorme Herausforderungen auf uns zu. Ob wir das weltweit schaffen, ist mehr als fraglich.
Die Schulden (Debt): Eine Wirtschaftslage mit geringem Wachstum und hoher Inflation macht uns sehr anfällig auf Schuldenkrisen. Seit der Finanzkrise 2008/2009 stieg die Staatsverschuldung weltweit massiv an. In den USA beispielsweise auf 130 Prozent des Bruttoinlandprodukts, in den G7-Staaten ebenso. Einzige Ausnahme: die Schweiz mit unter 40 Prozent. «Schuldenbremse sei Dank», rief Kalt in den gut gefüllten Stadthofsaal.
Die Digitalisierung: Hier liegt die Hoffnung darauf, dass dennoch alles gut kommt. Automation, Robotik, künstliche Intelligenz – sie versprechen mehr Effizienz und mehr Produktivität. Und diese Botschaft war Daniel Kalt als Abschluss seines durchaus unterhaltsamen und bisweilen launigen Referats wichtig: Damit die rund 300 Gäste nicht völlig niedergeschlagen zum Apéro schritten.
«Uster positioniert sich als regionales Zentrum»
Beim WFU Top Event ist es Tradition, dass der Ausrichter des Apéros eine Bühne erhält. Am Dienstagabend im Stadthofsaal war dies die Stadt Uster. Nachdem WFU-Präsident Jan Schibli in der Begrüssung noch sein Unverständnis über den Entscheid des Ustermer Gemeinderats, die Planungen für das Gebiet Eschenbüel abzubrechen, geäussert hatte, war die Reihe an Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) und Sandra Frauenfelder, der Leiterin Standortförderung.
Gemeinderat Gianluca Di Modica (FDP) stellte den beiden Fragen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt Uster. Industrie und Gewerbe sieht Barbara Thalmann vor allem nördlich der Bahngleise und in der Nähe zur Oberlandautobahn, beispielsweise im Gebiet Loren. Im Zentrum dagegen sollen vermehrt Unternehmen im Dienstleistungssektor angesiedelt werden. «Und wir werden weiterhin in die Höhe bauen», versprach die Stadtpräsidentin.
«Ohne Flächen keine Ansiedlung», stellte Sandra Frauenfelder klar. Als Leiterin der Standortförderung hat sie eine Drehscheibenfunktion zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Politik. «Ich versuche, auf kurzen Wegen Lösungen zu finden. Aber hexen kann ich nicht», fasste sie ihre Arbeit in diesem Spannungsfeld zusammen. (sco)