Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Wirtschaft

«Den Standort Schweiz werden wir nie infrage stellen»

Was bringt einen deutschen Industriellen dazu, sich ein Schweizer Traditionsunternehmen zu kaufen? Und was plant Felix Reichardt mit Stewi?

«Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich einmal Wäschetrockner herstelle»: Im August 2023 hat Felix Reichardt die Schweizer Traditionsfirma Stewi übernommen.

Foto: Simon Grässle

«Den Standort Schweiz werden wir nie infrage stellen»

Kultmarke Stewi

Seit August gehört Stewi zur Firmengruppe von Felix Reichardt. Ein Besuch am neuen Hauptsitz in Saland und ein ausführliches Gespräch mit dem neuen Patron.

Ortstermin im Industriegebiet von Saland. Hier im Techpark werden die Wäschespinnen, -ständer und -trockner von Stewi seit Januar produziert. Felix Reichardt ist leger gekleidet. In Jeans, rotem Poloshirt und dazu passenden roten Adidas-Sneakers eilt der Maschinenbau-Ingenieur durch die Produktionshallen, grüsst hier eine Mitarbeiterin, tätschelt dort eine Maschine, erklärt da einen Produktionsprozess. Der 46-Jährige ist gut gelaunt.

Herr Reichardt, seit August 2023 sind Sie mit Ihrer Reichardt Group Besitzer des Schweizer Traditionsunternehmens Stewi. Wieso haben Sie ausgerechnet Stewi gekauft?

Felix Reichardt: In den anderen Firmen in unserer Gruppe stellen wir Produkte her, die anschliessend beispielsweise in der Automobilindustrie verbaut werden. Ich war aber schon immer daran interessiert, ein Endprodukt mit einem eigenen Markennamen zu fertigen. Als ich in einem Newsletter auf die Annonce gestossen bin, dass Stewi zum Verkauf steht, habe ich mir die Firma genauer angeschaut. Offen gestanden hätte ich auch nicht gedacht, dass ich einmal Wäschetrockner herstelle …

Als Kind in der Schweiz ist man mit Stewi aufgewachsen. Der Markenname ist bis heute der Gattungsbegriff für Wäschetrockner. Haben Sie Stewi gekannt?

Nein. Nach dem ersten Gespräch mit Lorenz Fäh (einer der früheren Besitzer, die Red.) war mein Interesse aber schon sehr gross. Mir gefallen die hochwertigen Materialien und die Qualität der Produkte. Grundsätzlich ist die Produktion vergleichbar mit dem, was wir in der Reichardt-Gruppe schon kennen: Stanzen, Formen, Vernieten. Solche Dinge halt.

Drei Männer diskutieren in einer Werkhalle.
Ortstermin im Techpark in Saland: Der frühere Stewi-Besitzer Lorenz Fäh (rechts) im Gespräch mit Felix Reichardt (links) und Züriost-Redaktor Sandro Compagno.

Sie sprechen in der Wir-Form…

Ja, hinter mir steht das Team unserer Firmengruppe, das sich mit Produktion und Verfahrensentwicklung beschäftigt und auskennt. Somit war klar, dass wir mit der Übernahme unsere Ideen und Ansätze einbringen können, um gewisse Produktionsschritte zu optimieren.

Felix Reichardt ist unweit der Schweizer Grenze in Villingen-Schwenningen aufgewachsen. Nach einer Lehre als Feinmechaniker studierte er an der Fachhochschule in Pforzheim Maschinenbau. Später war er für Kern-Liebers tätig, einen internationalen Konzern in der Metallverarbeitung. Zehn Jahre verbrachte er als Geschäftsleiter einer Tochtergesellschaft in Indien.

2018 verliess er Kern-Liebers und erwarb die Firma Micano in Donaueschingen, die Drehteile und Druckventile herstellt. Heute gehören neben Stewi drei mittelständische Firmen im süddeutschen Raum zur Reichardt Group. Die Gruppe beschäftigt 120 Mitarbeitende. Der Unternehmer wohnt mit seiner Partnerin in Stetten bei Schaffhausen.

 

Sie firmieren als Geschäftsführender Gesellschafter der Reichardt Holding. Heisst das, dass Sie alleiniger Eigentümer der Firmengruppe sind?

Ja. Mir gehören 100 Prozent der Holding - und diese ist 100%-Eigentümerin der Unternehmen in der Reichardt Group.

Wie schafft man das in nur fünf Jahren?

Ich hatte ein bisschen was zur Seite gelegt…

Ein Schwabe halt.

(Lacht) Muss wohl so sein.

Zur Reichardt Gruppe gehören heute neben Stewi die Firma Rieger, die Stanz- und Kunststoffteile herstellt, die Firme Micano, die Drehteile und Düsen produziert, und die FCR Mercator, eine Handelsgesellschaft im Maschinen- und Anlagenbau. Was Sie produzieren, ist Hightech. Wie passt Low-Tech wie Stewi in diese Gruppe?

Was heisst Low-Tech?

Ich meine das nicht despektierlich. Aber bei Stewi muss nichts schnell drehen oder auf den Zehntelmillimeter genau sein …

Auch die Produkte von Stewi stellen hohe Anforderungen an die Produktionsschritte. Natürlich gibt es Unterschiede. In der Gruppe fertigen wir Produkte, in denen es um Mikrometer geht (1 Mikrometer sind 0,000001 m, die Red.). Das werden wir bei Stewi nicht brauchen. Aber trotzdem ist die Qualität ein sehr wichtiges Thema.

Aber wie passt Stewi in diese Gruppe?

Die Produkte, die wir in unserer Gruppe herstellen, bestehen aus Metall und Kunststoff – wie ein Stewi auch. Und wir haben die Fachleute, um beispielsweise ein Werkzeug oder ein Fertigungsverfahren dafür zu optimieren. Auch Stewi hatte dieses Knowhow. Aber wenn ein Unternehmen von 120 auf 14 Mitarbeitende schrumpft, geht das verloren. Mit unseren Experten in der Verarbeitung von Metall und Kunststoff sehe ich durchaus Potenzial für Synergien.

Mittlerweile beschäftigt Stewi wieder 19 Mitarbeitende. Dieses Wachstum auf bescheidenem Niveau hängt auch mit dem Umzug von Winterthur zusammen. Das frühere Stewi-Gebäude im Grüze-Quartier weicht einem Neubau, weshalb die Firma im vergangenen Herbst nach Saland umzog. Reichardt wollte keine Unterbrüche in der Lieferbereitschaft und stellte daher temporäre Arbeitskräfte ein. Einige dieser Arbeitsverhältnisse wurden in den letzten Wochen in unbefristete Verträge umgewandelt.

Zu den Stewi-Kunden gehören Grossverteiler und Baumärkte, im stationären Handel und online. Seit einigen Jahren führt die Firma auch einen Webshop für Privatkunden. Rund 80 Prozent des Umsatzes macht die Firma in der Schweiz. Das Geschäft ist saisonal. Die Wäschespinnen beispielsweise werden vorwiegend im Frühling und Sommer gekauft.

Einst wurden die Stewi-Produkte aus Kostengründen von Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf montiert. Diese Auslagerung ist mittlerweile rückgängig gemacht. «Das ist eine Folge unserer hohen Qualitätsansprüche», sagt Reichardt.

Nach dem Rundgang sitzt der neue Chef in seinem Büro im zweiten Stock des Techparks, das er sich noch mit Lorenz Fäh teilt. Fäh hatte Stewi 2017 gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Stephan Ebnöther von der Gründerfamilie Steiner in Winterthur (darum Ste-Wi) übernommen. Beide nähern sich dem Pensionsalter und suchten daher nach einem Käufer für das Traditionsunternehmen. Fäh unterstützt den neuen Besitzer in beratender Funktion.

 

Wäschetrockner kann man heute für 15 Franken kaufen. Der kleinste Wäschetrockner von Stewi, der Combi Mini, kostet 99 Franken und hält in aller Regel ein Leben lang. Wie kann das aufgehen?

Es ist richtig, dass die Stewi-Produkte deutlich teurer sind als billige Massenware. Wir setzen auf hochwertige Materialien. Die meisten unserer Produkte sind aus Aluminium, sehr langlebig und somit auch nachhaltiger als viele Konkurrenzprodukte. Wir sind sehr stolz auf unsere Qualität. Und eines rechne ich den Schweizer Kundinnen und Kunden hoch an: Begriffe wir Qualität, Werthaltigkeit und auch Loyalität zu Schweizer Produkten und Schweizer Firmen stehen hierzulande hoch im Kurs.  Das ist für Stewi sehr wichtig und wir werden weiterhin hochwertige Produkte am Standort Schweiz herstellen.

Der Produktionsstandort Schweiz ist trotz hohen Kosten unbestritten?

Ja, absolut. Diesen Standort werden wir nie in Frage stellen.

Und der Standort Saland?

Der ist jetzt mal für die nächsten fünf Jahre fix, so lange läuft unser Mietvertrag hier im Techpark. Aber wir haben nicht vor, danach umzuziehen.

Und es wird neben «Stewi of Switzerland» auch keine Billigmarke geben, die Sie beispielsweise in Fernost herstellen lassen?

Nein, nein! Stewi steht für Qualität, die in der Schweiz produziert wird, und dabei bleibt es.

Ein bärtiger Mann in rotem Polo-Shirt an einem Sitzungstisch.
Felix Reichardt hat Stewi von Winterthur nach Saland gebracht. Der Mietvertrag im Techpark ist für auf fünf Jahre abgeschlossen.

In einem Zimmer gleich neben Reichardts Büro lagern einige Relikte aus vergangenen Zeiten: Alte Werbeplakate aus Emaille, Broschüren, Muster… Aus einer Palette fischt Reichardt einen original verpackten «Party Jack». Die Kombination aus Dosen- und Flaschenöffner wurde in den 1970er-Jahren 900'000 Mal verkauft.

Firmengründer Walter Steiner war ein genialer Tüftler mit 1000 Ideen. Reichardt öffnet einen Aktenschrank voller Hängeregister: «Das sind alles Patente von Walter Steiner. Wir haben uns noch gar keinen Überblick verschaffen können, was hier drin alles schlummert.»

 

Die Stewi-Produkte sind hochwertig, sie sind bewährt. Wie wollen und können Sie diese Produkte weiterentwickeln?

Wir arbeiten an neuen Produkten. Die klassischen Wäschespinnen, -ständer und -trockner werden wir sicher weiterführen, die Produkte sind nach wie vor sehr gefragt. Es gibt natürlich Überlegungen und Ideen für neue Modelle von Wäschetrocknern. Auch im Design werden wir Neues ausprobieren, das haben die Herren Fäh und Ebnöther bereits gestartet. Die Linie «Tomorrow» beispielsweise war ihre Idee. Im Design überlegen wir uns auch eine Entwicklung in Richtung individualisierte Produkte.

Was muss ich mir als Kunde darunter vorstellen?

Wir haben beispielsweise ein Druckverfahren, mit dem wir Schriftzüge oder Logos in sehr kleinen Auflagen auf unsere Produkte aufbringen können. Hier sehen wir Chancen für individualisierte Produkte. Wir möchten die Marke auch bei der jüngeren Generation wieder bekannter machen und überlegen uns, wie und mit welchen Produkten wir die Jungen ansprechen können. Ganz wichtig ist und bleibt aber eines: Wir werden mit der Marke Stewi nicht leichtfertig umgehen. Wir werden immer qualitativ hochwertige, fertig entwickelte Produkte auf den Markt bringen. Dafür steht Stewi.

Über Ihren Unternehmen steht die Reichardt Group, die laut Website «eine Holding zur Finanzierung und zur Neustrukturierung von mittelständischen Unternehmen» ist. Es ist die Rede von ökonomischer, digitaler und ökologischer Transformation. Was meinen Sie damit?

Grundsätzlich suchen wir Unternehmen, die zu uns passen und in deren Markt wir über Knowhow verfügen. Das sind Firmen, die in der Metall- und Kunststoffverarbeitung tätig sind. Nun gibt es viele mittelständische Firmen, die sich mit der Nachfolgeproblematik konfrontiert sehen, die in gewissen Bereichen in die Jahre gekommen und vielleicht auch nicht gross genug sind, um anstehende Veränderungen umzusetzen. Diese wollen wir transformieren und fit für das nächste Zeitalter machen.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Ich mache ein einfaches Beispiel, die digitale Transformation betreffend: IT. Unsere Gruppe hat eine IT-Abteilung, Stewi hat keine. Hier können wir Synergien nutzen, indem Stewi unsere Ressourcen zur Verfügung stehen. Und ökologisch wollen wir uns zu einem klimaneutralen Unternehmen entwickeln.

Halten Sie Ausschau nach weiteren Übernahmekandidaten?

Wir übernehmen eine Firma nur, wenn es passt. Jetzt haben wir mit Stewi eine grössere Aufgabe vor uns. Erst wenn wir uns sicher sind, dass sich die Firma in die richtige Richtung bewegt, werden wir uns wieder mit solchen Gedanken befassen. Wir wollen uns nicht übernehmen.

Sie sind Deutscher, wohnen in der Schweiz und Ihre Holding hat Sitz in Ruggell im Fürstentum Liechtenstein. Laut Moneyhouse sind an der Adresse in Ruggell neben Ihrer Holding weitere 89 Firmen eingetragen. Optimieren Sie Steuern?

(Lacht) Als die Schweizer Medien im Sommer über die Stewi-Übernahme berichtet haben, habe ich auch ein wenig in den Kommentarspalten gelesen. Irgendwo schrieb jemand, ob Stewi nach Wäschespinnen jetzt auch Geldwäschespinnen herstellt… Der Grund ist trivial: Meine Lebensgefährtin hat ihre Firma an derselben Adresse in Ruggell. Da war es für mich naheliegend, meine Holding ebenfalls dort zu registrieren. Es war einfach und ging sehr schnell vonstatten. Das Haus besteht übrigens nicht nur aus Briefkästen, es ist ein tolles Gebäude mit einer guten Infrastruktur wie beispielsweise Sitzungszimmer oder Spezialisten im Rechnungswesen.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns